Seine Mutter hatte die Augen. geschlossen. Sie schlief wieder. Es war kein guter Schlaf, es war Schwäche, die Injektionen strengten sie an, aber das neue Mittel, war gut. – Er sah auf die Uhr und zögerte. Die Besuchszeit war überschritten, und er ging ungern ohne Abschied. Er nahm eine Blume, aus der Vase und legte sie auf das Bett. Es war eine gelbe Blüte, ein zarter Stern, dessen Namen er nicht wußte. Wenn seine Mutter erwachte, würde sie die Blüte sehen und sie für das unbesorgte Lächeln nehmen, das er nicht zu zeigen brauchte, wenn sie schlief. Und deshalb war das Dasitzen quälend.

Als er die Straße hinabging, war er unzufrieden mit sich. Vielleicht hätte er noch bleiben sollen. Er stand an der herabgelassenen Bahnschranke und sah einen langen Güterzug an, der langsam vorüber? kroch. Die Wagen ratterten hohl, er sah sie durch einen Schatten hindurch. Der Schatten war das Gesieht seiner Mutter. "Eines ist ja klar", hatte Paul im März. gesagt, als er ihn vom Bahnhof-– abholte, "deine Mutter ist in den dreieinhalb Jahren etwas alt geworden. Sie sieht nicht mehr so aus wie früher." Scheußlich lang war der Güterzug. Und er sah wieder das Gesicht, das ihm matt aus dem – Kissen entgegengeblickt hatte mit einem Lächeln.

"Das ist nur natürlich", hatte er Paul geanwortet. "Es freut mich, daß du es so nimmst", hatte Paul erwidert.

"Ich schrieb dir schon von dem Verfahren, das sie mir vierundvierzig anhängten, als ich kommen wollte, im Sommer", hörte er sich sagen. "Und die Angst vor dem Galgen, und ich durfte nicht weg. Na, und fünfundvierzig ging es nicht, und voriges Jahr wurde es Herbst, und dann lag ich auf der Nase. Es ist eine Schweinerei, das Ganze; und was hat sie denn Schönes gehabt seit 1914 – des Vaterlandes Dank! Aber sie muß wieder gesund werden; jetzt kann man endlich atmen, ich kann sie viel- – leicht bald zu mir holen, weißt du."

"Sie wird’s schon schaffen", sagte Paul. Das war es. Es gab doch Wohl so etwas wie Gerechtigkeit. Nun war es April geworden, sechs Wochen währte die Erkrankung schon, inzwischen war er für ein paar Tage heimgefahren. Er hatte seine Frau diesmal mitgebracht, für alle Fälle. Es war an der Zeit, daß seine Mutter wieder gesund wurde, sechs Wochen hatte er, verbracht mit jener würgenden Angst, die er von damals her kannte, als der Polizist bei ihm erschienen war und ihm vorgelesen hatte, daß er sich im Zustand der Anklage und vor dem Beginn eines Staatsverfahrens befinde. Er wollte nicht daran zurückdenken.

Er ging in die kleine Wohnung seiner Mutter. Seine Frau erwartete ihn. Sie bügelte Vorhänge. "Sie schlief", antwortete er auf den fragenden Blick. "Jetzt schläft sie sich langsam gesund. Ich will dir sagen, was ich denke: ich werde bald abreisen. Ich kann nichts tun, nicht helfen ... Solange wir beide hier sind, zieht meine Mutter Schlüsse, du weißt ... Wenn ich abreise, sieht sie, daß ich keine Angst um sie habe. Das ist jetzt wichtig." Seine Frau nickte. Er sah ihr Lächeln.

"Nun ja", sagte er, "es ist schon so Und du glaubst doch selber nicht, daß meine Mutter sterben würde, wenn ich nicht hier bin? Das gibt es doch nicht..." Seine Mutter schlief auch an den folgenden Tagen-, oft. "Du schläfst dich jetzt gesund", sagte er. "Nelly bleibt noch bei dir, ich habe nicht mehr länger Urlaub. Na ja, wenn du schlimmer krank wärest, dann wäre mir das einerlei, aber so ... Du wirst sehen, bis zu deinem Geburtstag geht es dir schon wieder tadellos. Vielleicht stehst du dann auf! Und ich sehe zu, daß ich im Spätsommer noch einmal kommen kann. Ich bringe dir dann den Jungen."