Daß Marshall Sokolowski keinen Fragebogen ausgefüllt hat und sich rundweg weigerte, das zu tun, darf wohl als ein Vorzeichen der kommenden novemberlichen Konferenz in London gewertet werden; doch leider nicht als gutes. – Da hat also der Außenminister der USA, Marshall, jene Vorschläge gemacht, die zunächst darauf, hinaus liefen, daß die europäischen Staaten soweit sie amerikanischer. Hilfe bedürftig sind, einmal angeben sollten, welcher Bedarf denn vorläge, und welche eigenen Hilfequellen zur Verfügung stünden – Vorschläge, die als "Marshall-Plan" etikettiert, die Optimisten glücklich und die Pessimisten weniger hoffnungslos stimmten. Ohne Frage: zunächst muß der Arzt eine Diagnose stellen können; danach erst kann er – vielleicht – helfen. Amerika hat diese ärztliche Hilfe grundsätzlich zugesagt. Die Mehrzahl der europäischen Staaten denn krank nach der überstandenen Kriegspest sind sie alle – hat sich denn auch beeilt, zu offenbaren, in welchen Teilen des eigenen Organismus "etwas nicht stimme". Warum auch nicht? Denn in derlei medizinischen Voruntersuchungen, in derlei Gesprächen zwischen Spezialarzt und Patient, liegt etwas Unverbindliches. Wer nicht will, braucht sich nicht behandeln zu lassen; er kann sich’s immer noch überlegen. Sokolowski aber, der Oberkommandierende der russischen Besatzungszone in Deutschland, verhindert schon, daß sein Patient zum Spezialisten geht. Der Spezialist hat offenbar nach Ansicht der russischen Homöopathen auf der falschen Universität studiert, nämlich auf der kapitalistischen.

Fragebogen dienen dazu, Verhältnisse zu klären. Und sogar der verweigerte Fragebogen Sokolowskis trägt zur Klärung bei. Denn wir haben in der Auskunft des russischen Marschalls, daß für die sowjetische Zone kein Fragebogen zum "Marshall-Plan" ausgefüllt werde, ein weiteres Zeichen dafür erhalten, daß die Russen nicht gewillt sind, an ihrem vielberufenen "Eisernen Vorhang" rütteln zu lassen. Europa ist geteilt in Nationen, die den Fragebogen ausfüllen – voran stehen England und Frankreich – und solchen, die das nicht zu tun gewillt sind: der Balkan-Block (ohne Griechenland und die Türkei), die Tschechoslowakei, Ungarn, Finnland, Polen. In Deutschland nun wiederholt sich die Teilung, auf diese Weise das europäische Krankheitsbild noch einmal widerspiegelnd. Da keine deutsche Regierung vorhanden, werden wir vom Kontrollrat regiert. Der Kontrollrat aber ist keine Regierung. Sir Sholto Douglas hat für die britisch-amerikanische Zone die Antwort auf den Fragebögen der Pariser Konferenz abgesandt, nachdem der Oberkommandierende der französischen Zone seine Antwort abgegeben hatte. Einer versagte sich: Sokolowski.

Jenseits des Eisernen Vorhangs wird von einem "Molotow-Plan" gesprochen, dessen Motto – genau wie beim Marshall-Plan – Aufbau und Heilung heißen soll. Das bedeutet: im deutschen Falle sind zwei Ärzte, gerufen, und siehe: sie sind, wie dies auch sonst nicht selten ist, gänzlich verschiedener Meinung. Der eine, der Amerikaner, sagt! Man muß frisches Blut zuführen, zumindest frisches Geld, damit der Patient zu Kräften kommt und in die Lage, seiner eigenen Kräfte bewußt zu werden und sie zu entfalten. Der russische Arzt meint! Tief Luft holen genügt. Er meint offenbar, daß allein schon der Glaube (an eine Ideologie) selig und stark mache und sozusagen ungeahnte Kräfte erwecke.

Bei alledem könnten minder verantwortliche Assistenten oder gar unbeteiligte Zuschauer mit Spannung erwarten, welcher Arzt und welche These recht behält. Uns aber, die wir bereit sind, auf dem Operationsstuhl Platz zu nehmen, fällt auf, daß es leider ein und derselbe Körper ist, an dem verschiedene Heilmethoden ausprobiert werden. Kein Wunder, wenn wir dabei ahnen, dies könne nicht gut ausgehen oder zumindest eine lebensgefährliche Behandlung werden. M.