Von Karl N, Nieolaiis CVüher sagten die- Menschen: £= stinkt zum Himmel!" Aber das Bild stimmt nicht; denn, was die Korruption betrifft müßte sich dann die Sonne schon lange verfinstert haben.

früher sagten die Leute auch: "Für Geld" kann man den Teufel tanzen lassen!" So einfach ist es nicht mehr. Heute muß man schon andere Djnge zücken. Sanft gesagt; Per Kompensation kann man den Teufel tanzen lassen! Auch arfdeiswo und zu anderen Zeiten blühte die Korruption. In der Renaissance wurden über Laster und Korruption die "raffaelischen Teppiche" gebreitet. Das fällt bei uns fort. Spinnstoffe — wie der moderne terminus technicus heißt — sind rar "Wir haben eine andere Methode: wir blasen jenen blauen Dunst darüber, der sich aus schmalen Zigaretten bildet, die ihrerseits möglichst wieder duftende Tabake aus dem sonnigen Virginia enthalten müssen. Aber der Dunst deckt~ nicht, ebensowenig wie die "raffaelisdien Teppiche" deckten. Im letzten sind es Bemäntelungen, Ausreden. Floskeln, mit denen man Staunen. Zorn und Verzweiflung betört, Napoleon Bouaparte hinwiederum hatte einen Jugendfreund, Bourienne, der bei ihm teils Adjutant, teils Sekretär, teils Vertreter, teils Faktotum war. Dieser Bourienne war eine Art Weltwunder an Korruptheit. Er betrieb es gar zu wild, und als einmal die Klagen besonders eindringlich würden, sagte Bonaparte: "Dieser Bourienne! Man sperre ihn in den Garten der Tuilerien, und er wird auch da noch eine Silbermine entdecken!" Bonaparte erkannte- also die Korruptheit als eine gewisse Begabung an. Er war lax in dieser Beziehung; es kam dann auch so weit, daß, Bonapartes Gattin Josephine ihren eigenen Mann bespitzelte und Informationen und geschäftliche Tips an den berüchtigten Polizeimmister Fouche Weitergab, der dafür an Josephine in bar bezahlte. Also: die Korruption innerhalb der Ehe, Was immerhin beachtlich ist.

Historisch gesehen rauscht in Chroniken und Episteln, in Beschlüssen und Prozessen immer von. Zeit zu Zeit die Formel von der "ungeheuren Korruption" auf. Oft besungen als eine vet brcherischc Untugend der Oberen. Immer gab es" jene — wie es in einer alten Chronik heißt — "schlotterichte Gesellschaft", in der die Koriuption zu Hause war. Und heute? Es gibt Pessimisten, die sagen: die Deutschen gehen an einer kleinen Frage endgültig zugrunde, an- einer kleinen, Frage, die durch die Laride schleicht, die nach überallhin sickert, die überall ein vieltauaendfacb es Echo findet — die Frage: "Was krieg ich dafür?" Ja, und sie sagen: dies wäre die eigentliche Schicksalsfrage des deutschen Volkes, Früher hieß es: eine Hand wäscht die andere. Seife ist knapp. Heute könnte ein Zyniker, um nur ein Bespiel zu nehmen, sagen: eine Hand kompensiert die andere. Die vielen Millionen, die nichts zu bieten haben, sehen diesem und auch anderen Schauspielen staunend u; sie sind gelähmt von einem Phänomen, das einzigartig ist: von der ungeheuren Unv<#rfrorenheit der anderen. Es ist da bei denen, die abseits stellen müssen, eine Art von psychologischer Schrecksekunde eingetreten, die sich lähmend über längere Zeiträume ausdehnt. Diese Schrecksekunde ist wohl in der Tiefe der Massenseele begründet.

Es soll hier nicht eingetreten werden in eine Aufzählung von Einzelfällen, die unter den Be griff "Korruption" eingeordnet werden müssen. kaum ausreichen, um derlei Einzelfälle die überall die Mensdien berichten, zu registrieren. Von unserem natürlich auch wieder durch die Zeitverhältnisse sehr beengten Horizont sind wir geneigt, dieser Korruption das Epitheton ornans, das schmückende Beiwort "weltweit" anzuheften, wodurch das Ganze den Anstrich einer Tragödie bekommt".

Es sind, was die Korruption betrifft verschiedene Phänomene im Spiel. Eins zum Beispiel, dem entscheidende Bedeutung beizumessen sein dürfte, ist die grandiose Fähigkeit der Oberen, irgendeine Sache z u predigen und als ein absolutes Postulat des Lebens, verbindlich für alle, hinzustellen, und dann hinzugehen und für sich selbst völlig das Gegenteil zu tun. Es führt dies per Saldo zu einer Abnutzung der Worte. Programmen und Verordnungen und Reden glaubt niemand mehr. Jeder sagt: "Ach die, die sollen nur stille sein" Und jeder horcht nur in sich hinein, und da hört er nichts als die Stimme des kleinen Vorteils, und er sagt "sich vielleicht; die zwanzig Zigaretten in der Hand sind besser als die versprochene hübsche Pension- auf curü. Dache.

Ein anderes Phänomen, das der Korruption psychologisch Vorschub leistet, ist die Abnutzung der Gefahr. Ein Geschlecht, das von Gefahr zu Gefahr gepeitscht wurdt das jahrelang jede Nacht vom Tode des Zerrissen rdens, des Verschüttetwerdens oder VerbxanntwerJens bedroht war, für ein solches Geschlecht sind die kleinen Gefahren, die ein eventuelles Korruptsein nvt sich bringt, ein Kinderspiel. Abgesehen davon, daß Strafandrohungen aus demselben Grunde belächelt werden. So" kommt es, daß Kriege, wenn der Tod bllig wird und das Menschenleben nichts wert, stets die Korruption gefördert haben.

Ein weiterer Impuls kommt aus dem Nichti Hunderttausende haben alles verloren und stehen, im absoluten Nichts. Auch seilen sre keine Möglichkeit, im harten, ehrlichen Lebenskampf aus dem Nichts herauszukommen und auch, nur Lappalien erwerben zu können, die der Mensch nach sonstiger Anschauung unbedingt zum Leben braucht. Jener Sisypbus, von dem in den alten Sagen berichtet wird, ist in Millionen von Exemplaren auf die Erde zurückgekehrt. Menschen, die im Nichts stehen, sind leichter eine Beute von Versprechungen und Geschenken und unreellen Angeboten. Wer nicht im Nichts steht, weiß nicht, wie ungeheuer die Last dieses Nichts ist. Auch mit metaphysischen Dingen hat die Korruption zu tun. Es ist nicht die Umwertung, sondern die Abwertung aller inneren Dinge. Die. alte Formel: "Es ist nichts da, woran man sich halten kann!" hält die Gemüter gefangen. Der Mensch fühlt sich in die Arena des Daseins geschleudert, das ein Wirbel von Hunger, Elend und Aussichtslosigkeit ist. Von den Mauern rings um die Arena schreien die Lautsprechei schrill: "Gott ist tot Der Gläubige hat es schwer aus dem Wirbel sein Antlitz zu erheben. Die Menschen gehen dem Tode nicht wie einem Tor entgegen, sondern dieser Tod ist nichts als der Schlußpunkt am Ende einer in ihrer Dürrheit phantastischen Chronik, die nichts als eine Aufzählung von Irrtümern und Drangsalen enthält. Einst hieß es: die Majestät, des Todes. Und heute bedarf 6s, um einen Sarg zu bekommen, in dem einer liegenbleiben kann und dernicht nur für die Beerdigung geliehen Wird, schon wieder besonderer "Beziehungen". Es kann einer sich drehen und wenden, wie" er will, immer umbrausen ihn die Drohungen: "Gott ist tot!" oder "Die Götter sind tot l oder "Die Humanität ist tot!" oder "Die Moral ist tot!" Und soviel er sidi audi_umblidct, ef sieht keinen Stern überden totgerufenen Wundern.