In seiner Sommerresidenz in Bled, wo früher König Alexander und nach ihm der vielgelästerte Prinz Paul von Jugoslawien ihre Staatsgäste zu empfangen pflegten, hat in diesen Tagen Marschall Tito mit dem derzeitigen Chef der bulgarischen -Regierung, Dimitroff, eine Reihe von Verträgen abgeschlossen. Es handelt sich der Form nach um einen Freundschafts-, einen Beistandspakt und ein Kulturabkommen, dem Inhalt nach anscheinend um eine vollkommene Koordinierung auf politischem, militärischem und wirtschaftlichem Gebiet. Zu diesem Zweck haben sich zwei Länder zusammengefunden, die in den vergangenen Jahrzehnten andauernd heftige Differenzen miteinander ausgetragen haben, davon dreimal innerhalb einer Generation mit Waffengewalt. Ein gewisses Premiereninteresse kann daher der Vorgang schon beanspruchen, zumal da hier der erste Beistandspakt zwischen einem Siegerstaat und einem Besiegten abgeschlossen wurde.

In den Erklärungen, mit denen Tito und Dimitroff dieses Ereignis begleiteten, wird angedeutet (und es ist auch sonst offenbar), daß mit der Aktion von Bled zweierlei Pläne verfolgt wurden. Einmal eine starke Demonstration der Balkaneinheit unter sowjetischer Führung,Demonstration besonders, wenn man den durch Mashall-Plan und Pariser Konferenz charakterisierten Zeitpunkt berücksichtigt, und zweitens ein konkreter Vorbereitungsakt für die Balkanföderation, die seit langer. Zeit der Zielpunkt der Sowjetpolitik auf dem Balkan ist. Es ist äußerst bemerkenswert, daß dies in der Erklärung Dimitroffs zum erstenmal, wenigstens andeutungsweise, enthüllt worden ist, während diesbezügliche Behauptungen bisher meist als sowjetfeindliche Hirngespinste zurückgewiesen worden waren.

In den Vereinbarungen von Bled wird auch die Errichtung einer Zollunion zwischen den beiden Ländern angekündigt. Dies könnte zunächst als ein Akt der Wirtschaftspolitik- erscheinen. Es darf aber nicht übersehen werden, daß den Wirtschaftsbeziehungen zwischen Bulgarien und Jugoslawien keine größere Bedeutung zukommt. Der Warenaustausch zwischen ihnen war immer minimal, nicht weil er etwa von Zollschranken behindert wurde, sondern weil die beiden Länder infolge einer weitgehenden Ähnlichkeit ihrer Wirtschaftsstruktur nicht viel miteinander zu tauschen haben. Man kann nicht bulgarische Lebensmittel nach Jugoslawien und jugoslawisches Holz nach Bulgarien liefern, sondern beide Staaten brauchen als Handelspartner hochindustrialisierte Länder wie zum Beispiel Österreich, die Tschechoslowakei oder Deutschland. Dagegen dürfte die Zollunion als ein Element der Gleichschaltung, d. h. ebenfalls als Beitrag zur Entwicklung der geplanten Föderation, ihre beträchtliche Bedeutung haben. Und so dürfte sie auch gemeint sein, ebenso, wie die Zollunion, die Jugoslawien schon vor einiger Zeit mit Albanien vereinbart hat.

Es ist offenbar, daß die Hauptpointe des Vertrags von Bled sich gegen Griechenland richtet, und zwar in zweifacher Form. Einmal macht die weitgehende Koordinierung zwischen Bulgarien und Jugoslawien Griechenland zwangsläufig zu einem Außenseiter, und man verspricht sich davon wohl eine gewisse Anziehungskraft, d. H. ein neues Argument, das die griechischen Rebellen dort anwenden können, wo sie etwa noch diskutieren, anstatt zu schießen. Zum anderen ist es klar, daß der neue Block; der schon bisher eine konspirative und militärische Tatsache war, einen versteckten Druck auf denjenigen Punkt Europas bedeutet, den die "östlichen Demokraten" zur Zeit für den schwächsten und daher für die Verwirklichung ihrer Pläne am geeignetsten halten.

Der Pakt von Bled demonstriert durch den darin geschaffenen gemeinsamen jugoslawisch-bulgarischen Grenzstreifen eine Lösung der mazedonischen Frage. Man könnte einwenden, daß diese Lösungdaran krankt, daß sie von zwei Regierungen vereinbart wurde, deren Legitimation nicht zweifelsfrei ist, weil sie von der westlichen Welt nicht als repräsentativ anerkannt werden. Es darf aber mit Sicherheit angenommen werden, daß die Opposition in Serbien und Bulgarien, wie groß sie auch in Wirklichkeit sein mag, einer solchen Lösung keinen Widerstand entgegensetzen wird. Die Einigkeit der kommunistischen Regimes in den Balkanländern hat auch bereits eine ebensolche Einigkeit über die Grenzen hinweg bei den oppositionellen Gruppen und Massen zustande gebracht. Überall hinter dem Eisernen Vorhang nehmen die Grenz- und Minderheitenfragen heute einen untergeordneten Rang ein. An erster Stelle dagegen stehen. die innenpolitischen Fragen, sowohl bei den Regierungen wie auch bei der Opposition. Das wird sich um so deutlicher zeigen, je weiter die Auseinandersetzung fortschreitet. A. B.