Nachtvorstellung Werner Fincks

"Lachen Sie, nicht zu viel über mich. Man verliert dadurch in Deutschland an kultureller Bedeutung. Wollte man dem Inhalt dieses kuriosen Kollegs im Theater der Auslese in Hamburg auf den Grund gehen, wäre wenig, gewonnen. Es sind Reminiszenzen eines freiheitsdurstigen Lebens, das, nach bürgerlichen Jugendjahren von der Despotie des Dritten Reiches auf das empfindlichste bedroht, sich der physischer, und psychischen Vernichtung durch die Mimikri eines schwer zu kontrollierenden Humors immer wieder zu entziehen verstand und dadurch Bedeutung erlangte. Gespenstischer Kulminationspunkt dieses Verfahrens ist die am eigenen Leibe und eigener Seele erlittene, aber witzig überwundene Demütigung durch den preußischen Kommiß. Der brave Soldat Schweijk auf intellektueller Ebene. Die Form, die komische Form, wie dieser triste Inhalt vorgebracht wird, ist hier entscheidend. Modern im ironischen Pathos. barock im Zerstören und Abschneiden jeder geraden Linie, in der Lust am Schnörkel. Was man sonst zum wesentlichen Bestandteil eines Vortrags zählt. straffe Gliederung des Themas, Zielstrebigkeit des Gedankens, ist hier unwesentlich. Das "Vive Bagatelle" triumphiert.

Möchte man sonst unsern Rednern "Zur Sache!" zurufen, müßte man Finck zum Gegenteil ermuntern. Das Nebensächliche ist seine Hauptsache. Sir Tristam Shandy, der geistige Sohn des unsterblichen Engländers Lorenz Sterne, sagt einmal von dem Nebensächlichen, daß es das Buch seines Lebens und seiner Meinungen: zu 90 von 100 Teilen anfüllt. "Nehmt dem Buch die Abschweifungen, und ihr könnt genau so gut das ganze Buch wegwerfen." Wer diesen Schlüssel besaß, dem war an Fincks Abend eine Welt erschlossen, die unserm auf Sinn und Nutzanwendungen erzogenem Volk leider meist mit sieben Siegeln versperrt bleibt.

Ein abwartendes Publikum – Auslese in der Tat war, unter Aufopferung, der letzter, Bahn, zu Dieser Nachtvorstellung erschienen – eine frühliche Gemeinde trat den Heimweg an. Bekehrt von der verbreiteten, aber irrigen Ansicht daß Werner Finde lediglich ein hervorragender Conferencier ist, aber auch beunruhigt von der schwer zu entscheidenden Kardinalfrage, ob man es mit nun Narren zu tun hatte, der sich der Maske man Weisen, oder mit einem Weisen, dir sich der Maske eines Narren bedient. Schließlich ist es ja gerade nach der Erfahrung der hinter uns liegenden Epoche, auch für unsere eigene Beurteilung nicht unwichtig, wem wir ebenso herzlich wie stürmisch applaudierten. Dff.