Der Professor der Theologie an der Universität Göttingen, Professor D. Hans Iwand, nimmt das Buch von Eugen Kogon: "Der SS-Staat" (Verlag L. Schwann, Düsseldorf), das au seigenem Erleiden der KZ-Haft geschrieben und von starken Dokumenten getragen ist, zum Anlaß, die Frage des Glaubens von der Stellung des modernen Menschen her aufzunehmen. Seine Antwort bildet die versöhnende, innere, die religiöse Erfahrung.

Ein Freund, den ich in Bielefeld besuchte, gab mit eine Reiselektüre mit. Als ich auf meiner Heimreise zu lesen begann, wußte ich, daß ich ein Buch solchen Inhalts noch nie in der Hand gehabt hatte. Haben wir nicht viele Bücher des Schreckens gelesen seit dem ersten großen Krieg und’seit dem flackernden Feuer der Revolution im Osten? Unser Geist ist vor mehr Rätsel gestellt worden, als die Generationen vor uns hätten ahnen können. Mitten durch die gemalten Tapeten, mit denen wir unseren Lebensraum so schön und ansprechend ausgestattet hatten, sieht uns auf einmal eine Wirklichkeit an, die unsere Wirklichkeit ist; aber sie spottet aller Bilder und Formen, in die wie sie fassen möchten. Wir stehen ihr hilflos gegenüber. Was uns aus ihr anschaut, ist das Fremde, das Unbegreifliche. Es gibt manche Bücher, die uns für diesen Anblick, vorbereitet haben, aber dieses eine Buch, das ich nun in der Hand, hielt, ist eine Sache suis generis. Ich weiß nicht, ob je zuvor ein solches Buch hätte geschrieben werden können. Vielleicht ist es nur ein Anfang seiner Art, aber wie dem auch sei, es enthüllt die Wirklichkeit, in der wir lebten, leben. – und wenn kein Wunder rettender Gnade geschieht – leben werden. Wenn man dieses Buch gelesen hat, wenn man ein wenig, ein ganz klein wenig ermessen hat, was hier an Qual gelitten, an Glück zertreten, an edlem Adel der Seele zerbrochen wurde – und wenn man, dann daran denkt, daß dies alles Seite an Seite, Wand an Wand mit einer in unbesorgtem Daseinsgenuß dahinlebenden Gesellschaft geschah, wenn man erkennt, daß unsere Tränen, unser Erwachen, unser Verurteilen und Entrüsten – daß dies alles zu spät kommt, dann begreift man, daß es dem reichen Mann nichts mehr nützte, als er begriff, daß der arme Lazarus sein Schicksal war. Denn Lazarus war bereits dem Ort der Qual entnommen.

Was in diesem Buche steht, ist mit der Phantasie nicht zu erreichen. Wo immer ein Mensch Subjekt einer. Handlung ist, muß eigentlich, wenn die Psychologen und die Dichter recht haben sollten, die Möglichkeit der Tat einsichtig zu machen sein." Alles Wirkliche muß in seiner Möglichkeit begreifbar sein, so lehren die Philosophen. Wenn dieser Satz nicht mehr gelten sollte, dann wären wir in einer Welt, in einem Felde des Wirklichen, in dem das Licht der Vernunft nicht mehr leuchtet. Wenn dieses Licht erlischt, dann beginnt sich der Mensch zu fürchten, wie ein Kind, wenn es dunkel wird. Die unbegründete Angst, die Angst, die, wo immer man zupackt, sich in Nichts auflöst, die da ist wie der Atem, mit dem uns das Dasein selbst anweht, sie ist das Schreckliche.

Die Bilder, die in diesem Buche an uns vorüberziehen, sind keine Hölle im Sinne der divina comoedia. Es gibt so viele Zeitgenossen, die schon wieder mit dem Kunstgriff des Religiösen die Wirklichkeit, die uns umgibt, transparent machen möchten. Hier bedarf es keiner Deutung, hier bedarf es keines Dichters, der uns Leid und Schuld der Unseligen, sänge.Hier ist alles anders. Hier ist es so, als ob ein Stück der Hölle mitten in unser Dasein hineinragte, mitten in die Zeit der Eisenbahnen, des Rundfunks, der fortgeschrittensten Technik, der feinsten Zivilisation, obschon doch der Himmel seit Voltaire endgültig in Europa abgeschafft ist – und darum: wenn es keinen Himmel mehr gibt, keinen Gott,-keine ewige Seligkeit, es eigentlich auch keine Hölle geben, keinen Teufel und keinen Ort der Qual geben kann. Es ist schwierig, wenn die ratio postuliert, was es nicht geben kann, und dieses Unmögliche dann doch auf einmal da ist, und zwar immanent, auf der Bühne des Diesseits, weil dies ja der einzige Raum ist, in dem sich überhaupt noch Dasein abspielt. Wo soll es’sonst "erscheinen"? –

Und doch ist "Hölle" wiederum ein falsches Wort und ein falsches Bild. Das Buch berichtet von den-Ereignissen nicht im Sinne irgendeiner neuen, modernen, sehr naheliegenden Dämonologie. Wir werden die Bilder besser sehen, wenn wir sie mit einem unbewaffneten Auge anschauen, ohne jede Brille. In der Hölle erleiden die Menschen die Strafe für ihre Verbrechen. Aber hier werden Menschen zerbrochen, zerquält, zerstampft, zertreten, die so verwegen waren, zu meinen, das Gute und das Rechte sei auch für diese Erde da, es sei mehr als eine Illusion. Toren und Kinder zu verführen; die hier Leidenden sind; Menschen, die so verwegen waren, zu glauben, daß die Menschheit noch ein Ziel, ein den Menschen im Menschen ansprechendes, wandelndes, sich erneuerndes Ziel habe, die darum den Verrat an der Gerechtigkeit an der göttlichen, ewigen, die Welt richtenden und bessernden Gerechtigkeit nicht schweigend und tatenlos hinnehmen konnten. Und über ihrem Preisgegebensein In der Menschen Hände steigt es auf wie eine Welle des Triumphes, daß diese Ideale nichts sind, daß die Glaubenden, Strebenden, Widerstrebenden nichts sind, im wahrsten Sinne ein Nichts wie der heilige Augustin im umgekehrten Sinne, in tiefer, wahrer Erleuchtung seinerzeit das Böse ein Nichts, nannte! Und auf einmal weiß ich, daß hier die Stätte war, von der aus uns alle die Anfechtung überfiel, die dunkle, uns so tief in den Unglauben bannende Anfechtung: daß das Gute nichts sei! Hier wurde an lebenden Heiligen diese Anfechtung fabriziert, die wie ein giftiger Schwaden die ganze Landschaft erfüllte. Und wir erlagen ihr alle. Hier, an dieser Stätte der Qual, ist unser Glaube gemordet worden, und wir selbst haben es nicht begriffen und meinten, wir seien die Davongekommenen.

Das Buch, das mich so bewegt hat, ist Eugen Kogons "SS-Staat". Es wird wenig Menschen geben, die es lesen werden, ohne hernach ein wenig stiller, ein wenig nachdenklicher, ein wenig gelöster zu sein. Es liegt, trotz allem, ein mit Worten nicht wiederzugebender Friede über dem Ganzen. – Diese Gräber sind wie von einer – höheren Hand geschlossen. Es ist, als ob unsichtbar, unbesprochen, ein offenes Grab in der Mitte des Ganzen stünde – das eine, einzige, offene Grab, das den Sieg bedeutet, den Sieg der Besiegten. Es war damals nicht anders, es ist .nirgends-anders, wo die Menschen daran gehen, Gott totzuschlagen. Freilich, wir sind der Meinung – und diese Meinung ist offenbar sehr, beruhigend – daß solche Redeweisen nur bildlich sind und daß darum Gott nicht so schwach und der Mensch nicht so böse sein kann.

Aber, nehmen wir einmal an, es wäre so, es hätten wirklich Menschen Gott ans Kreuz genagelt, Gott in Gestalt ihres Bruders, der kam, sie zu suchen und zu erinnern, daß sie nicht von unten, sondern von oben sind; der kam, um die Hoffnung des Menschen, die in der Treue Gottes begründet ist, zu bezeugen – kann man sich einen Menschen vorstellen, der das fertig bringt, der die Geisel schwingt, der die Nägel ins Fleisch treibt, der seine eigene Hoffnung kreuzigt? . Ist hier nicht auch die Wirklichkeit nur die Erklärung ihrer Möglichkeit? Ist das vielleicht das Geheimnis des Bösen, daß die Tat der Möglichkeit vorangeht? Kierkegaard hat behauptet, ein einzelner hätte Gott hie totschlagen, können, nur die Masse, pur der Mensch in der Masse habe das gekonnt. Denn in der Masse seien es immer alle und keiner, da seines hinterher niemand gewesen.