Die Bücherproduktion hatte im Rahmen unserer Friedenswirtschaft eine viel größere Bedeutung, als gemeinhin angenommen wird. Das zeigt sich bei einem Vergleich der jährlichen Netto-Industrieproduktion mit der Leistung der Verlagsproduktion, z. B. für das Jahr 1927. Wenn die damals führende deutsche chemische Industrie in einem Jahre Werte in Höhe von 1,3 Milliarden RM produzierte, so betrug der Wert der Bücherproduktion Deutschlands 1 Milliarde RM. Auch im Außenhandel nahm die Verlagserzeugung eine beachtenswerte Rangstellung ein: es wurden 1905 für rund 100 Mill. RM, 1913 für 74 Mill. RM und selbst beim Niedergang der gesamten Weltwirtschaft 1930 noch für 60 Mill. RM Bücher aus Deutschland ausgeführt. Demgegenüber stand eine Einfuhr von Büchern, die durchschnittlich etwa ein Drittel der Ausfuhr betrug, so daß also der Buchexport ein Aktivposten in unserer Handelsbilanz war. Als überaus bedeutungsvoll muß beachtet werden, daß über ein Drittel der Produktion – Deutschlands an wissenschaftlicher Literatur im Auslande abgesetzt wurde. Tatsächlich war aber auch der deutsche Bücherexport erheblich höher als die amtliche Statistik aufweist. Diese erfaßt nämlich nur den Paketverkehr. Die unter Kreuzband nach dem Auslande versandten Bücher betragen noch etwa 50 v. H. des angegebenen Exports.

Im Jahre 1945 war die deutsche Bücherproduktion völlig stillgelegt, nachdem sie schon in den leisten Kriegsjahren gewaltig eingeschränkt worden war. Nun aber haben viele Verlage in der englischen. amerikanischen und französischen Zone die Lizenz erhalten und bereits wertvolle Neuerscheinungen sowie Neuauflagen altbewährter Werke herausgebracht. Der Papiermangel hat jedoch stets dazu gezwungen, die Auflage aller dieser Bücher sehr klein zu halten. Obwohl der Papierverbrauch der Bücherproduktion in den Zeiten, als durchschnittlich ein Verlagswerk eine Auflage von 32 000 Exemplaren hatte, nur 60 v. H. des von samtpapierverbrauchs in Deutschland betrug, leidet das Verlagswesen trotz seiner heute doch wesentdas geringeren Erzeugung an einer entsetzlichen Papiernot. Wenn es irgendein Buch herausbringt, so ist die Auflage so gering, daß von den bereits vorliegenden Bestellungen meist nur ein Zwanzigstel und günstigenfalls ein Zehntel berücksichtigt werden kann. Das hat nun zu einer völligen Umkehr der bisherigen Beziehungen zwischen Verleger und Sortimenter geführt (Wir sehen dabei von der für den gesamten Buchhandel ausschlaggebenden Tatsache ab, daß Leipzig als das Zentrum für die Buchauslieferung und dem Sitze des "Börsenvereins deutscher Buchhändler" weggefallen ist.)

Es kann hier nicht unsere Aufgabe sein, Vorschlage zu machen, wie denn die Verteilung der Bücherproduktion am besten vor sich gehen soll. Der Hebel zur Besserung muß auch u. E. nicht bei der Konsumtion angesetzt werden. Es ist ja schließlich dies heutige Zuteilungsverfahren deshalb eingeführt worden, weil der Verleger nicht in der Lage ist, nach seinem Ermessen die Auflagehöhe eines Buches zu bestimmen, sondern abhängig ist von dem ihm nur sehr knapp zugewiesenen Papier. Daß ausgerechnet dieser Rohstoff, der bei dem Ladenpreis des Buches nur mit 1,6 v. H. und höchstens mit 2,5 v. H. sich beziffert, heute die Bücherproduktion ausschlaggebend bestimmt, ist grotesk. Und welcher Käufer hat eine Ahnung davon, daß er, wenn er z. B. ein Buch für 10 RM kauft, der Papierkostenanteil daran knapp 20 Pfennig beträgt!

Liegt nun die Papiererzeugung in Deutschland im argen? Ist sie zu beheben? Stellen wir einmal fest: Die deutsche Papierindustrie hat ihren Hauptsitz in Sachsen, in der russischen Zone; und: Einen gewissen Prozentsatz der für die Papiererzeugung notwendigen Rohstoffe bezogen wir früher vom Auslande Wir wollen alle diese Tatsachen nicht gering achten. Und doch ist Papier für viele Zwecke hoch vorhanden, die nicht so dringend notwendig als Lebensbedürfnis anzusehen sind, wie die Produktion von Büchern. Und zu diesem bevorzugt mit Papier belieferten Verbrauchern gehören auch die Verleger von Zeitschriften, die bei uns seit 1946 wie Pilze aus der Erde geschossen sind. Wenn wir früher bei 30 000 jährlich neu herausgekommenen Büchern etwa daneben noch 6000 periodisch erscheinende Zeitschriften hatten, also auf je fünf Bücher eine Zeitschrift entfiel, so dürfte heute genau das umgekehrte Verhältnis bestehen. Man staunt immer wieder, daß ständig neue und neue Blätter herauskommen. Und ihre Auflagen sind nicht gering. (Meist 30 000 bis 60 000 Exemplare!)

für die vielen Neuerscheinungen von Zeitschriften in der amerikanischen Zone mögen die USA Vorbild sein. Hier entfallen auf etwa 8000 Bücher, die jährlich neu erscheinen, mehr als 14 000 Zeitschriften. Wir können uns aber diesen Luxus in unserer Lage nicht gestatten, denn es ist kein dringend notwendiges Bedürfnis, daß eine leicht aufgemachte Zeitschrift mit entsprechendem Bildermaterial zur Zerstreuung für oberflächliche Leser gedruckt wird nur, um, wenn sie gelesen ist, wieder verschwinden. Der Konsument leidet geradezu Schaden an. seiner Seele durch die Überfülle der Zeitschriften. Was wir brauchen, sind wissenschaftliche und fachliche Bücher an Stelle dieser vielen wenig gehaltvollen Blätter, die doch im Grunde genommen, wenig bieten

Die Ankurbelung unserer Bücherproduktion, d. H. die Herstellung von Büchern, ist auch für die Gesundung unserer Wirtschaft und die Besserung der Lebenshaltung unseres Volkes bedeutungsvoll. Das Buch soll kein Luxusartikel sein, der lediglich dem Bedürfnis des Verleger-Druckerei seine Rotationsmaschine in Gang zu halten, sein Dasein verdenkt. Das war zweifelsohne früher auch der Fall bei der den Markt überschwemmenden schöngeistigen Literatur, die in den Glanzperioden unserer Bücherproduktion ein Fünftel aller Neuerscheinungen ausmachte. Wegen ihrer Billigkeit wurden diese "Werke" gekauft und in Massen verschlungen. Gerade solche seichten und dekadenten Tageserzeugnisse waren protzig aufgemacht und noch dazu infolge ihrer Auflagenhöhe recht wohlfeil zu haben, so daß der nach geistiger Nahrung Verlangende danach unwillkürlich griff.

Bei unserer heutigen Armut verbietet sich eigentlich ganz von selbst etwas zu erzeugen, das keinen praktischen und wahrhaften Wert darstellt – und doch redet eigentlich das üppig geil emporschießende Zeitschriftenwesen eine andere Sprache. Hoffen wir aber, daß der Schwerpunkt unseres Verlagswesens auf die Produktion von Büchern wissenschaftlichen und fachlichen Charakters gelegt wird. Wenn diese Werke wieder eine angemessene Auflagehöhe, statt heute durchschnittlich nur 3000 Exemplare, wieder 12 000 mindestens erreichen, dann-wird das Buch zu annehmbarem Preis zu haben sein. Durch eine höhere Auflage verbilligen sich automatisch die Kosten eines Buches ganz erheblich. Es ist z. B., wenn es in 12 000 statt 3000 Exemplaren gedruckt wird, um mindestens die Hälfte, meist sogar noch wesentlich billiger.