Die nachfolgenden Ausführungen wurden uns von Dr. Rolf Lüke, Hamburg, Vorstandsmitglied des Verbandesder pharmazeutischen Industrie, zur Verfügung gestellt.

EineStimme aus England: "Wir haben unseräußerstes getan, um dem Export von Pharmazeutika in kleinen Packungen unter Trade-Mark-Namen entgegenzutreten. Aber der Wunsch, Deutschland bis 1949 dahin zu bringen, daß es sich selbst ernähren und versorgen kann, wird, fürchte ich, alle Einzelhandelsinteressen in diesem Lande (also Großbritannien) überrennen. Wenn der Name "Bechstein" auf einem Klavier oder "Bayer"-Kreuz auf einer – Aspirintablette eine höhere Einnahmequelle bedeutest, dann werden meiner Meinung nach alle Einwände nichts gelten und eine äußerst gefährliche Politik gegen dielangfristigen Interessen der britischen Erzeuger wird dadurch errichtet."

Diese Ausführungen im "Pharmazeutical Journal" zeigendie Diskrepanz zwischen den Absichten der britischen Regierung und den Bestrebungen – in der englischen pharmazeutischen Industrie. Da die Exportnotwendigkeit für England heute erheblich größer ist,-als vor dem Krieg, kann es keinesfalls überraschen, daß der britischen pharmazeutischen Industrie viel daran gelegen sein muß, das Wiedererscheinen der deutschen Konkurrenz zu begrenzen.

Die deutsche Produktion pharmazeutischer Artikel vor dem Krieg erreichte einen Wert von fast 400 Millionen RM, was ungefähr 40 Millionen Pfund entspricht. Ihre Ausfuhr betrug 1936 mit rund 120 Mill. 21 v. H. der deutschen Chemieausfuhr und 16 v. H. der Gesamtausfuhr, bei einem Einfuhrbedarf von nur 1 v. H. Die britische Industrie exportierte im Jahre 1946 Pharmazeutika im Wert von 12,8 Mill. Pfund, gegen 3,3 Mill. 1938. Legt man die Verringerung des Pfund Sterling zugründe, so ist es augenscheinlich, daß Deutschlands Vorkriegsexport an Pharmazeutika einen größeren Umfang hatte, als England zur Zeit erreichen kann. Wie weit dabei diese Überlegungen mit der Notwendigkeit, die Besatzungskosten in Deutschland zu reduzieren, auf einen Nenner gebracht werden können, ist eine Frage, die sich unserem Einfluß entzieht.

Unbestreitbar ist ferner die Tatsache, daß sich leistungsfähige pharmazeutische Industrien nicht nur in England entwickelt haben, und daß durch die Freigabe der deutschen Patente und Warenzeichen eine Situation geschaffen ist, die vorläufig den Export deutscher Markenartikel illusorisch macht. Der Begriff des Warenzeichens kommt kaum irgendwo stärker zur Geltung als bei den pharmazeutischen Spezialitäten: Er bedeutet nämlich nicht nur den Schutz des Herstellers im Konkurrenzkampf, sondern vielmehr den Schutz des Verbrauchers, dem das Warenzeichen die Garantie einer ganz bestimmten Qualität gibt. Ist dieser Schutz einmal durchbrochen, indem in irgendeinem exportfähigen Land die Warenzeichen freigegeben sind – und das ist in mehreren Ländern geschehen – dann können unter Umständen Präparate mit geringerer Qualität unter diesem Namen auf dem Weltmarkt erscheinen. Gerade bei Arzneimitteln bringt das Gefahren mit sich, deren Verantwortung kein Hersteller tragen kann.

Solange also keine Klärung geschaffen wird, daß die deutschen Warenzeichen den deutschen Firmen – zurückgegeben werden, muß man diese abschreiben und für den neuen Export neue Warenzeichen schaffen. Abgesehen davon, das es zur Zeit noch keine Möglichkeit gibt, diese international eintragen und schützen zu lassen, bedeutet es aber auch die völlige Neueinführung dieser Zeichen. Dazu gehört erfahrungsgemäßeine große Propaganda und ein guter Ärztevertreterstab im Ausland – Voraussetzungen, die mangels Devisen- und Ausreisegenehmigung nicht gegeben sind.

Die Schwierigkeiten, die also von dieser außenwirtschaftlichen Seite her einem Export entgegenstehen, scheinen zur Zeit unüberwindbar. Aber auch von der deutschen Seite her läßt sich kaum ein besseres Bild zeichnen. Die pharmazeutische Industrie ist im stärksten Maße von der chemischen Grundstoffindustrie, und, als typische Verarbeitungsindustrie, von einer weiteren Reihe der Zulieferungsindustrien abhängig. Es ist nicht allein die für die laufende Produktion fehlende Kohle, die unter Zugrundelegung des deutschen Bedarfs zur Zeit mit höchstens einem Drittel der notwendigen Menge zugeteilt wird, sondern besonders die Kohle für diese Vorlieferanten, Solange beispielsweise Phenacetinals Grundstoff mangels Kohle nicht ausreichend hergestellt wird (und die hergestellte Menge größtenteils exportiert wird, weil es ja auch für die ausländische Konkurrenz ein wesentlicher Grundstoff ist). wird die deutsche pharmazeutische Industrie beeinträchtigt. Das gleiche gilt für Holz. Solange es als Rohstoff exportiert, statt, zu Papier verarbeitet, der Industrie zugeführt wird, ist eben bei aller Initiative und bestem Willen nichts zu machen. Der Papierbedarf für Etiketten, Verpackung, Prospekte usw. kann, zur Zeit für die pharmazeutische Industrie nur mit 2 1/2 v. H.gedeckt werden. Mit dieser Tatsache allein fällt nicht nur jeder Export, sondern die ganze deutsche Versorgung mit.