Die Enthüllungender Unterhausdebatte über die wirtschaftspolitische Lage Englands und die Ankündigungen Attlees über die bevorstehenden Regierungsmaßnahmen haben auch den Massen Englands ein Bild vermittelt von der ganzen Verarmung sogar des Siegers. Dies zwei Jahre nach dem V-day ist sicherlich bitter. Am bittersten für die Labourregierung und ihren Ruf im Volk, das wohl am wenigsten erwartet hatte, unter dieser Regierung die Wiedereinschränkung des Arbeits-Platzwechsels, die Verlängerung der Arbeitszeit und alle anderen jetzt angekündigten Notmaßnahmen erleben zu müssen. Nach einer Zeit des "Blutes, des Schweißes und der Tränen" hatte sich mit dem Antritt der Labourregierung und ihrem, verständlichen Bestreben nach sozialen Verbesserungen und der Verwirklichung parteipolitischer Programmpunkte eine freundliche Täuschung bestärkt, die den Umfang der nationalen Verarmung verkannte und daher dazu neigte, dem Schweiß nicht immer ganz die Rolle zuzusprechen, die sich, trotz des gewonnenen Krieges, aus der Unerbittlichkeit der Entwicklung ergab.

Der Schleier dieser Täuschung ist nun zerrissen. Das englische Volk, das vor dem Kriege drei Milliarden Pfund Sterling an Auslandsguthaben mit einer entsprechenden Verzinsung besaß, sieht sich heute mit etwa dem gleichen Betrage an das Ausland verschuldet. Darüber hinaus enthüllen die Mitteilungen Attlees jetzt die eindrucksvolle Tatsache, daß ein Jahr genügt hat, um die amerikanische Anleihe von einer Milliarde Pfund Sterling, gedacht zur Wiederherstellung der britischen Wirtschaft Und Deckung ihres dringendsten Bedarfs, bis auf 250 Millionen Pfund zu erschöpfen. Nicht genug damit zeigt die britische Zahlungsbilanz gegenwärtig eine Passivität von 810 Millionen Pfund jährlich, denen nur noch 375 Millionen Pfund zu erwartender Beträge aus Anleihen (250 Millionen aus der USA- und 125 Millionen aus der kanadischen Anleihe) außer einer äußersten Reserve (Notendeckung usw.) von 600 Millionen Pfund gegenüberstehen. Die Beseitigung des Defizits in der Zahlungsbilanz ist sozusagen über Nacht zum nationalen Problem erster Ordnung geworden.

Die Wirkungen dieser Lage nach außen sind wirtschaftlich und politisch vielfältig. Politisch werden sie im Westen beobachtet von dem großen Gläubiger, von dessen weiterer Haltung eigentlich alles abhängt und dessen zunehmende Kritik am sozialistischen Experiment der Labourregierung bekannt ist. Im Osten wird Moskau die-britische Krise als erneuten Beweis seiner Auffassung von der Brüchigkeit des kapitalistischen Systems betrachten und mit Sorgfalt jede Schwächung verzeichnen, die sich aus ihr vielleicht auch für die britische Stellung im Vorder-Orient und Mitteleuropa ergeben mag. In Mitteleuropa selbst, wo das Gewicht Englands einstweilen mehr als Besatzungsmacht denn als Wirtschaftspartner fühlbar ist, werden eben diese möglichen Rückwirkungen als Fragen auch des eigenen Schicksals empfunden.

England selbst durchlebt die ganze Skala der Gefühle von der auf Moll gestimmten gedrückten Loyalität der Labouranhänger bis zur vorwurfsvollen Erbitterung in den Reihen der konservativ ven Opposition, die ihrem Gegner Attlee neben einer Politik der Versäumnisse, Unterlassungen und Halbheiten auch ein Streben nach autoritärer Macht, und seiner Partei, den Labourleuten, vorwirft, in den vergangenen Jahren gezeigt zu haben, daß sie "bereit ist, das Parteiinteresse immer über das des Landes zu stellen". Die Stellung Attlees, sichtbar erschüttert, wird umkreist von Gerüchten einer Nachfolgerschaft Bevins oder Cripps.

Inzwischen bleibt die harteNotwendigkeit, den Fehlbetrag der britischen Zahlungsbilanz zuverringern, wenn nicht zu beseitigen. Die Folgerungen, die Attlee aus dieser Lage gezogen hat, haben bis in die Kreise der Labourpartei hinein den Vorwurf geerntet, verspätet, unvollständig, unklar und jedenfalls nicht ausreichend zu sein. Ihr Erfolg hängt, allerdings teilweise von Entwicklungen ab, denen die Beurteilung noch nicht vorgreifen kann. Dies gilt beispielsweise für die handelspolitisch entscheidende Frage, wieweit es den jetzt begonnenen Verhandlungen mit den Amerikanern gelingt, die Diskriminierungsklausel des Anleiheabkommens zu mildern und damit England für eine Verlagerung seines Imports nach Nicht-Dollarländern mehr Freiheit zu geben. Der USA-Schatzsekretär, John Snyder, hat allerdings erklärt, das Äußerste, das Amerika ohne Zustimmung des Kongresses zugestehen könne, sei bereits geschehen. Man muß daher wahrscheinlich die Januarsitzung des Kongresses abwarten. Für die Labourregierung würde dies fünf weitere Monate einer um so gefährlicheren Unbeweglichkeit bedeuten, als Attlee neben den Konversionsbestimmungen gerade die Diskriminierungsklausel und den Import zu um40v. H. gestiegenen Weltmarktpreisen aus den Dollarländern für die "unerwartet rasch" Verdunstung der Dollaranleihe" verantwortlich gemacht hat.

Schon jetzt sollen daher alle .außerhalb dieser Klausel liegenden Möglichkeiten, die nationalen Einfuhren zu verringern, benutzt werden. Ob die angekündigten Kürzungen – bei Lebensmittelimporten z. B. 12 Millionen Pfund monatlich – ausreichen werden, bleibt abzuwarten. Bezweifeln darf man, daß eine Arbeitszeitverlängerung von 30 Minuten am Tage genügen wird, um die ab Ziel angekündigte Produktionssteigerung im beabsichtigten Umfang zu verwirklichen. Es ist hier nicht der Raum, um, so reizvoll dies auch wäre, im einzelnen einzugehen auf die Maßnahmen, von denen sich die Labourregierung, eine Steigerung der britischen Guthaben und eine Senkung der Verbindlichkeiten erhofft. Es liegt nahe,daß uns in Deutschland vor allem die Rückwirkungen für die britisch – amerikanische Besatzungszone interessieren. Die geplanten Einfuhrkürzungen haben für uns ein doppeltes Gesicht. England wird beispielsweise seine Schnittholzeinfuhr um 10 Millionen Pfund Sterling kürzen. Angesichts der deutschen Waldverwüstung. auf deren katastrophale Folgen wir an anderer Stelle dieses Blattes hinweisen, kann nicht eindringlich genug vor der Versuchung gewarnt werden, die Kürzung der britischen Schnittholzimporte nun, etwa auf dem Reparationswege, durch eine Fortsetzung oder gar Steigerung des Raubbaus an deutschem Holz auszugleichen.

An Nahrungsmitteleinfuhren hat unsere Zone nach Angabe Attlees die Engländer 29 Millionen Pfund im Halbjahr gekostet. Das ist mit rund 5 Millionen Pfund monatlich kein ganz geringerBetrag in einem Augenblick, in dem man die eigenen Lebensmitteleinfuhren allein um 12 Millionen Pfund monatlich kürzen will. Andererseits ist eine Senkung des ohnehin weit unter dem International anerkannten Existenzminimum liegenden Verpflegungssatz der britischen Zone nicht zu verantworten. Ein Ausweg kann für den unmittelbaren Augenblick nur in einem Einspringen der USA liegen. Für die jetzt in Washington beginnenden Ruhrbesprechungen sowohl wie für die allgemeinen Deutschlandkonferenzen im Herbst wird sich damit naturnotwendig das Gewicht der amerikanischen Auffassung von der Unerläßlichkeit des industriellen Wiederaufbaus Deutschlands verstärken.

Eine andere Frage ist es, wieweit die Stellung Englands als Besatzungsmacht selbst durch den Wunsch nach Abstoßung seiner Lasten verändert werden wird. Der Gedanke, diese Lasten im Verhältnis 20 : 80 auf die Amerikaner zu verlagern, wie er in der angelsächsischen Presse jetzt auftaucht, wird von den USA offenbar lediglich im Sinne der Übernahme wirtschaftlicher und administrativer Verantwortungen aufgefaßt. Dagegen ist die Möglichkeit, die Engländer auch militärisch abzulösen, in Kreisen des Kongresses bereits auf. heftigen Widerspruch gestoßen. Amerika habe nicht die Soldaten, so wurde geltend gemacht, um diese Ablösung vorzunehmen. Jede Schwächung der militärischen Stellung in Westeuropa aber müsse vermieden werden. H.-A. v. Dz.