Am 18, August wird die Exportmesse in Hannover eröffnet, die erste große Veranstaltung dieser Art im Westen Deutschlands seit der Beendigung der Feindseligkeiten! In Hannover handelt es,sich nicht nur um eine Leistungsschau, sondern um eine echte Verkaufsmesse, auf der mehr als tausend Aussteller aus allen Ländern der Doppelzone und aus dem britisch-amerikanischen Sektor Berlins vertreten sind. Etwa zehntausend Interessenten aus dem Ausland werden erwartet; das ist das vierfache der Zahl ausländischer Besucher auf der letzten Leipziger Messe. Unter Billigung und tätiger Mitwirkung der Besatzungsmächte steht Hannover im Zeichen einer Ankurbelung des Exports deutscher Fertigwaren. Wir haben keinen Anlaß, uns von dieser Exportmesse Wunderwirkungen zu versprechen. Aber es besteht Grund genug, dieses Ereignis positiv zu werten und es innerhalb des großen wirtschaftlichen und politischen Rahmens, in den es gehört, gebührend zu würdigen. Wenn heute der Versuch unternommen wird, die, Ausfuhr deutscher Fertigfabrikate neu in Gang zu bringen, so ist das ebenso eine Angelegenheit der großen Politik der Weltmächtewie die Tatsache, daß dieser Versuch in den ersten zwei Jahre nach Kriegsende unterblieben ist.

Nach der Kapitulation war die Politik der Sieger darauf gerichtet, einen neuen deutschen Angriffskrieg unmöglich zu machen und das deutsche Kriegspotential zu vernichten. Diesem obersten Zweck wurde alles andere untergeordnet. In seinem Dienste standen die völlige Auflösung der deutschen Wehrmacht, die Entnazifizierung und die Demokratisierung, aber auch der Industrieplan, die Produktionsverbote und die Demontagen. Und es läßt sich wohl sagen, daß alles, was überhaupt zur Schwächung Deutschlands beitragen konnte – von der derzeitigen Abtrennung des Gebietes östlich der Oder Und Neiße und der Vertreibung seiner Bewohner bis zur Verpflichtung deutscher Wissenschaftler und Techniker in die Dienste der Siegermächte – als Mittel für den gleichen obersten Zweck beschlossen oder zum mindesten geduldet worden ist.

Hätten die Großmächte nur einen Bruchteil dieser Kriegsverhütungsenergien vor dem Kriege aufgebracht, so wäre es zu Hitlers Angriff nie gekommen. Die nachträgliche Häufung von Sicherheitsmaßnahmen gegen das geschlagene Deutschland gibt zwar die Gewähr dafür, daß es niemals wieder militärisch gefährlich werden kann, aber das hätte sich nach 1945 erst recht mit einem weit geringeren Aufwand garantieren lassen. Denn in Wahrheit verhält es sich ja so, daß der Krieg selbst mit der Entfaltung der vollen militärischen und kriegswirtschaftlichen Stärke Amerikas und Rußlands eine neue weltpolitische Konstellation geschaffen hat, und daß Deutschland allein hierdurch – ganz abgesehen von Niederlage, Verwüstungen und Menschenverlusten – aus der Reihe der Mächte ersten Ranges ausgeschieden ist, für immer und nicht nur für heute und morgen. Leider pflegen sich die Erkenntnisse nicht gleichzeitig mit den Konstellationen zu ändern und erst recht nicht, wenn die Kriegsleidenschaften nachwirken. Ein "deutscher Angriffskrieg gegen Europa" war unter dem Aspekt von 1939 noch möglich. Unter dem Aspekt von 1945 war er nicht mehr möglich. Trotzdem ist seit 1945 vielfach so gehandelt worden, als ob die Konstellation von 1939 noch gültig wäre.

Um in Deutschland einen Frieden der Zukunft zu sichern, hätte es genügt, die deutsche Wehrmacht zu entwaffnen und aufzulösen die deutschen Produktionsstätten mit ausschließlichem Kriegspotential zu zerstören oder abzutransportieren und darüber hinaus ein Kontrollsystem einzurichten, wie es in dem von den Vereinigten Staaten ausgearbeiteten, aber nicht in Kraft getretenen Viermächteplan für einen Zeitraum von vierzig Jahren vorgesehen ist. Im übrigen aber hätte es für die Strategie des Friedens nur einen einzigen Leitgedanken geben dürfen: den des Friedenspotentials. Die allermeisten Güter, und Fabrikanlagen gehören sowohl zum Kriegs- wie zum Friedenspotential, und sehr wenige sind entweder nur, für den Krieg oder nur für den Frieden zu verwenden. Die Strategie, des Friedenspotentials besteht gerade darin, alles zu erhalten und zu fördern, was in irgendeiner Weise für eine friedliche Politik und Wirtschaft von Wert ist. Die Strategie des Kriegspotentials dagegen besteht darin, möglichst alles zu zerstören oder zu verbieten, was kriegswirtschaftlich verwendbar sein könnte, auch wenn es zugleich friedenswirtschaftlich nützlich ist.

Die ersten zwei Jahre nach der Kapitulation, die im Zeichen eines Primats des Kriegspotentials standen, haben für Deutschland einen erheblichen Zeit- und Substanzverlust bedeutet. Die deutsche Substanz – die menschliche und die materielle – hat durch den Krieg selbst eine ungeheure Einbuße erlitten. Dem weiteren Schrumpfungsprozeß ist bis heute noch nicht wirksam Einhalt geboten worden. Auf der menschlichen Seite sind vor allem die nach Kriegsende in der Gefangenschaft und in den Austreibungsländern Umgekommenen und Verschollenen zu verzeichnen, sowie eine ständig fortschreitende Minderung von Gesundheit und Arbeitskraft der völlig unzureichend ernährten deutschen Bevölkerung. Auf der materiellen Seite steht obenan der Verlust der agrarischen Ostgebiete, deren vertriebene Bewohner im restlichen Deutschland miternährt werden, müssen, ferner aber verbrauchen wir auf der ganzen Linie weit mehr als wir ersetzen, ob es sich nun um die Bestände des privaten Haushalte an Kleidung und Hausrat handelt, um die Wohnungen, um die Produktionseinrichtungen der Fabriken, um das rollende Material der Reichsbahn oder um das Holz unserer Wälder. Unser Lebensstandard, so niedrig er ist, liegt immer noch auf einem sehr viel höheren Niveau ab Unser laufender Ersatz- und – Versorgungsstandard. to dieser Differenz drückt sich eine rapide fortschreitende Verarmung aus. Und zu alledem kommen die Verluste durch personelle und sachliche Demontagen und die Ausfälle durch Produktionsverbote und Produktionsbeschränkungen noch hinzu.

Die Ernten westlich des Eisernen Vorhang sichern der dort lebenden deutschen Bevölkerung eine Ernährung von höchstens 1300 Kalorien je Tag und Kopf. Die Differenz zu den derzeit gültigen Ansätzen von 1550 Kalorien je Tag und Kopf wird durch die Einfuhren der Siegerländer gedeckt, die nach dem britisch-amerikanischen Dreijahresplan unter Kategorie A als "Einfuhren zur Verhinderung von Seuchen und Aufruhr" bezeichnet werden. Es besteht wenig Hoffnung, daß die Versorgung aus eigener Erzeugung im Laufe der nächsten Jahre auf mehr als 1300 Kalorien je Tag und Kopf gesteigert, werden kann. Andererseits steht fest, daß, wenn mehr erreicht werden soll als die Verhinderung von Seuchen und Aufruhr, nämlich eine nachhaltige Gesundung, die deutsche Ernährung in nicht allzu ferner Zeit auf einen Satz von 2600 Kalorien je Tag und Kopf gebracht werden muß, und zwar bei einem erheblich höheren prozentualen Anteil an erteilen Nahrungsmitteln, als er jetzt zur Verfügung steht

Solange auf dem deutschen Reichsgebiet, nach Rückkehr der Kriegsgefangenen, mindestens siebzig Millionen Menschen oder etwa zweihundert Menschen je Quadratkilometer zu ernähren und zu beschäftigen sind, gibt es nur zwei denkbare Wege. Entweder wir verbleiben in der bisherigen "Bettlerrolle", in einem Zustand zwischen Leben und Sterben, der sehr große, auf lange Sicht nicht tragbare und letzten Endes unproduktive Zuschüsse der beiden angelsächsischen Siegermächte erfordert. Auf diesem Wege können wir weder gesunden noch zur Gesundung Europas beitragen. Oder aber: Wir werden in die Lage versetzt, soviel zu exportieren, daß wir die notwendigen Importe an Lebensmitteln und an Rohstoffen aus eigener Kraft bezahlen können. Sofern überhaupt auf diesem zweiten Wege. ein auch nur zeitweiliger Ausfall der Ostgebiete ausgeglichen werden, kann, was als überaus fraglich, gelten muß, ist an einen Erfolg nur zu denken bei einer entschlossenen und konsequenten Wendung von der Strategie des Kriegspotentials zu einer Strategie des Friedenspotentials.