Hut die Reichsbahn wirklich alles in ihren Kräften stehende getan, um der Verkehrskrise entgegenzuarbeiten? Diese Frage wird in dem folgenden Aufsatz gestellt, der uns von einer besonders sachkundigen Stelle, der westdeutschen Industrie zugegangen ist – und sie wird negativ beantwortet.

Ein Appell der Reichsbahn legt den Verkehrtreibenden wieder einmal nahe,mit "allen Mitteln" zur Beschleunigung des Wagenumlaufs beizutragen. Auch die Reichsbahn selbst hat – jedenfalls behauptet sie es – alle erforderlichen Maßnahmen getroffen. Sämtliche Reichsbahnstellen seien nochmals angewiesen worden, trotz ungünstiger Vorbedingungen für einen schnelleren Wagenumlauf zu sorgen.

Wer die Wirklichkeit kennt, wird sich durch diesen Hilferuf nicht von der Gewißheit abbringen lassen, daß man mit so lahmen Mitteln keine Verkehrskrise meistern kann. Es muß vielmehr gefragt werden, wo denn die konkreten Maßnahmen bleiben, die uns aus der größten Klemme helfen können. Und weiter: Ist wirklich alles getan, was nach Lage der Dinge getan werden könnte?

Mit Erschütterung hat man zur Kenntnis genommen, daß das Verwaltungsamt für Wirtschaft kürzlich einem Notprogramm zur zusätzlichen Wiederherstellung von 30 000 leicht beschädigten Güterwagen zugestimmt hat. Auch über 2000 Lokomotiven sollen "so schnell wie möglich" wieder in betriebsfähigen Zustand gebracht werden, Die Frage sei erlaubt: Mußte uns das Wasser erst am Halse stehen, bis man sich dazu entschloß, aus den abgestellten, nutzlos verrottenden 80 000 bis 90 000 Güterwagen und 6000 bis 7000 Lokomotiven. wenigstens die "leichter beschädigten" wiederherzustellen? Hätte nicht, als uns der letzte Winter eine so böse Lehre erteilt hat, diese Arbeit mit den ersten Sonnenstrahlen des Frühlings angepackt werden müssen? Wie die Dinge jetzt liegen, kann man nicht mehr damit rechnen, daß die Verkehrsspitze im Herbst noch in nennenswertem Umfang von dem Notprogramm profitieren – wird, ganz zu schweigen davon, daß das für die Reparatur erforderliche Material nicht nur auf dem Papier versprochen, sondern auch tatsächlich geliefert werden muß, wenn dies Programm endlich einmal Wirklichkeit werden soll.

Seit Monaten hören wir von der Transportkrise, von dem "Engpaß Verkehr" und von der Begrenzung unserer Produktion durch die Beförderungsschwierigkeiten. Manches einsichtsvolle Wort ist in dieser Zeit über die Schlüsselstellung des Verkehrs gesprochen und geschrieben worden. Leider hat man daraus bei den zuständigen Stellen keine rechten Folgerungen gezogen. Es kam bestenfalls zu papiernen Resolutionen und Programmen. Währenddessen nahm der Wagenbestand der Eisenbahn immer weiter ab, nicht nur, weil die anderen Zonen und das Ausland Wagen zurückbehielten, sondern auch weil die Reparaturleistung der Eisenbahn mangels ausreichender Materialversorgung mit dem steigenden Anfall an Reparaturen nicht mehr Schritt halten konnte. Die Reparaturen aber wurden um so zahlreicher, je weniger und je schlechteres Material dafür zur Verfügung stand, Je behelfsmäßiger also die Lokomotiven und Wagen jedesmal zusammengeflickt werden mußten.

Warum entschließt man sich dann nicht zu einer rücksichtslosen Schwerpunktbildung in der Produktion, die dafür sorgt, daß die Verkehrsmittel wieder funktionsfähig gemacht werden? Es wäre doch das einzige Mittel, das uns von dem Verkehrselend befreien kann, und am Ende auch den

Werken zugute kommt, die im Interesse einer zweckmäßigen Konzentration zunächst eine Stillegung hinnehmen müßten.