Hamburg und der Versuch einer Produktion Von Erika. Müller

Geht der Film neue Wege? Das Wort "Traumfabrik" ist allmählich abgenutzt, und selbst in Hollywood Ist man von dem in der ganzen Welt kopierten alten Stil der großen Aufbauschung eines allzu leichten Stoffes langsam abgekommen und wählt neue Themen; fast könnte man sagan: Themen der Verinnerlichung. Das religiöse Sujet wird herangezogen, und der große ernste Dokumentarfilm ist Trumpf. So ist man eben dabei, das Leben des amerikanischen Kriegshelden MacArthur zu verfilmen. Und in Berlin, Frankfurt und Paris entsteht der neue amerikanische Film "Berlin-Expreß", der im Nachkriegsdeutschland spielt.

Die wieder ganz jung gewordene deutsche Produktion glaubt – zweifellos mit Recht –, daß der deutsche Film mit neuen Kräften neue Impulse bringenwird, wenn es möglich sein sollte, die großen materiellenSchwierigkeiten zu meistern und dem Ausland gegenüber technisch konkurrenzfähig zu bleiben. Es wäre eine starke Vertiefung der künstlerisch-filmischen Absichten allgemein denkbar, wenn es der Kamera gelänge, die äußeren und inneren Umwälzungen unserer Zeit einzufangen, die sich aus der Umwertung aller Werte nach einem noch nie dagewesenen Zusammenbruch alles bisher Dagewesenen ergeben:

Der erste Käutner-Film "In jenen Tagen" jedenfalls – den die Schweizer Zeitung "Die Tat" geradezu mit den ersten russischen Filmen aus der Epoche des Regisseurs Eisenstein verglichen hat, um seiner revolutionären Kunstgesinnung willen – war ermutigend, obwohl er in der britischen Zone entstand, die dadurch gegenüber den anderen im Nachteil ist, daß sie keine Ateliers besitzt, während München ein unzerstörtes Geiselgasteig zur Verfügung hat und in Berlin in Babelsberg und anderswo zweckentsprechende Räume vorhanden – sind. Käutner (Camera-Film, Hamburg) half sich dadurch, daß er nur mit Außenaufnahmen arbeitete und die soeben lizenzierte Pan-Film GmbH-, Schleswig, glaubt, daß man auch ohne Atelier Interieurs aufnehmen kann und nennt als Beispiel den Film "Geierwally", während die in Göttingen lizenzierte Filmaufbau-GmbH. in den Hangars, eines Flugplatzes Ateliers ausbaut, und die Real-Film in Hamburg, die in diesen Tagen die Aufnahmen zu ihrem ersten Film "Arche Nora" (Drehbuch H. G. Petersson) begann, sich in dem provisorischen Synchronisationsatelier in Hamburg-Ohlstedt, dem ehemaligen Tanzsaal eines Gast-, hauses, niedergelassen hat. Ein Raum von nur geringen Ausmaßen steht zur Verfügung, und so müssen alle Einstellungen auf engstem Platz bewerkstelligt werden. Das hat den Architekten vor ganz neue Aufgaben gestellt, der ohnehin ein geplagter Mann ist, weil das notwendigste Materialfehlt und weil in Hamburg keine Bühnenarbeiter zur Verfügung stehen, die Erfahrung in der Atelierarbeit hätten.

Nicht nur die Bühnenarbeiter aber sind in Hamburg filmfremd. Es scheint vorerst, in vieler Beziehung fraglich, ob die Hansestadt sich überhaupt entschließen kann, ein Filmzentrum zu werden. Bisher haben die Filmhersteller viel von der oft zitierten hamburgischen "liebenswürdigen. Indolenz" und wenig Unterstützung durch die Stadt erfahren, während sie die Förderung durch die englischen Filmoffiziere zu rühmen wissen Auchunter den für den Film geeigneten Darstellern hat es sich langsam herumgesprochen, daß Hamburg in mancher Hinsicht kein günstiges Klima hat. Die Abreisen von Prominenten häufen sich in letzter Zeit. Käutner dreht jetzt in München, nicht zuletzt, weil er in Hamburg wie jeder andere um Aufenthaltsgenehmigungen kämpfen mußte, und WernerKlingler, der Regisseur der Real-Film-Gesellschaft, der in Berlin "Razzia" drehte und viel von der Förderung durch die Russen zu erzählen weiß, hat in Hamburg nur durch die Liebenswürdigkeit einer Wohnungsinhaberin ein geborgtes Bett und Zimmer zur Verfügung, während die Hausfrau selbst in der Küche auf der Erde schläft. Und dies in einer Stadt, die von Besuchern, wenn sie zu kurzem Aufenthalt in Hamburgs Mauern weilen und Vergleiche etwa mit München, Frankfurt, Dresden oder Chemnitz anführen, als wahrhaft großstädtisch und beinahe scharmant gerühmt wird. Sie fühlen sich angesprochen durch das pulsierende Leben des heilgebliebenen Großstadtkerns, sie schätzen die immerhin vorhandenen gepflegten Gaststätten und loben die nett zurechtgemachten Frauen. Sie sagen: "In dieser Stadt läßt es sich leben", und einige, unter ihnen reisen – nachdem sie einige Tage längergeblieben sind, als sie eigentlich beabsichtigten – ab mit den Worten: Wir kommen bald wieder." Und so ist man in Hamburg dann auch wieder hoffnungsvoll.

Der erste Drehtag eines ersten Hamburger Atelierfilms in Ohlstedt, der mit dem etwas zeitfernen Aufwand eines Empfanges fast im alten Stil der Filmgewaltigen der Berliner Friedrichstadt gestartet wurde, hinterließ den guten Eindruck der echten Schaffensfreude und Intensität, mit der hier ein kleiner Kreis von Menschen, die an Kraft und Fleiß wirklich ihre letzten Reserven hergeben, allen Widerwärtigkeiten zum trotz eine Arbeit begannen. Mit besonderer Verve sind die jungen Schauspieler dabei, die in diesem Film um, ein Heimkehrerthema alle ihre erste Chance vor der Kamera haben. Zweifellos ist solches Unternehmen ein Risiko, es sei denn, daß sich auch die amtlichendeutschen Stellen dafür interessieren würden, an deren Unterstützung der neuen Hamburger Filmindustrie so viel gelegen wäre.