Von Dr. W. Salewski, Düsseldorf

Die Frage, in welchem Umfang sich die eisenschaffende Industrie künftig an der Ausfuhr und damit auch an der Beschaffung der für unsere Gesamtwirtschaft wichtigen ausländischen Rohstoffe und Nahrungsgüter beteiligen kann, ist solange nicht klar zu beantworten, als die künftige Höhe des deutschen Industriepotentials und im besonderen die Grenzen der deutschen Rohstahlerzeugung noch nicht endgültig festgelegt sind. Selbst wenn die deutsche Maximalerzeugung an Rohstahl auf 12 oder mehr Mill. t festgesetzt werden sollte, wird für die Ausfuhr kein auch nur annähernd ausreichendes Leistungsvolumen vorbanden sein. Der innerdeutsche Wiederaufbaubedarf erfordert so unvorstellbar viel Eisen, daß allen Exportwünschen enge Grenzen gezogen bleiben müssen. "Vor dem letzten Kriege hatte Deutschland einen unmittelbaren Export von Eisen und Stahl in Höhe von 2 bis 4 Mill. t. Dazu kam dann noch die mittelbare Ausfuhr von Eisen und Stahl über die Verarbeitung in Gestalt von Maschinen, Werkzeugen, Eisenwaren und Stahlkonstruktionen, Fahrzeugen, elektrotechnischen und vielen anderen Erzeugnissen, die 1 1/2–2 Mill. t ausmachte. Insgesamt wurden daher früher bis 6 Mill. t Eisen und Stahl in mannigfacher Form ausgeführt.

Es liegt auf der Hand, daß mit derartigen Mengen auf absehbare Zeit nicht mehr gerechnet werden kann. Die Aufgabe, die deutsche Binnenwirtschaft wieder voll leistungsfähig zu machen und erst die Voraussetzungen für eine ganz wesentlich verstärkte Exportbetätigung zu schaffen, ist so umfassend und vordringlich, daß nur begrenzte Mengen von Eisen und Stahl für Ausfuhrzwecke zu Verfügung gestellt werden können. In einem Voranschlag des Eisenbedarfs für die nächsten Jahre des Wiederaufbaues ist die Wirtschaftsvereinigung Eisen- und Stahlindustrie in Düsseldorf bei Zugrundelegung einer Gesamtmenge von 14 Mill. t jährlich zu dem Ergebnis gekommen, daß für den unmittelbaren Export hieraus nur 500 000 t Walzwerkserzeugnisse und Schmiedestücke vorgesehen werden können, und das wären nicht mehr als 650 000 t Rohstahl! Freilich hängt es ganz von den Bedingungen der Neufestsetzung unserer Stahlerzeugung ab, in welchem Umfang künftig Eisen- und Stahlerzeugnisse zu exportieren sein werden. Die Bereitwilligkeit der Alliierten, der Produktion unserer Grundstoffindustrien einen größeren Spielraum zuzugestehen, ist nicht zuletzt von der Absicht geleitet, die deutsche Industrie in beträchtlichem Maße zum Wiederaufbau ganz Europas heranzuziehen, und da der Stahlhunger gerade in den vom Kriege heimgesuchten Ländern besonders groß ist, wird die deutsche Stahlindustrie damit rechnen müssen, daß – ohne völlige Berücksichtigung des innerdeutschen Bedarfs – ansehnliche Mengen von Eisen und Stahl für eben diese Länder verfügbar gemacht werden müssen. Aber in welcher Höhe das nun geschehen müssen wird, bleibt vorerst noch völlig offen.

Auch – in der eisenschaffenden Industrie wird – der Standpunkt vertreten, daß Deutschland mit Rücksicht auf die beengte Rohstofflage in erster Linie "Arbeit" exportieren muß. Unsere Aufgabe wird es daher vor allem sein müssen, vorwiegend die Ausfuhr lohnintensiver Produkte zu fördern. Das bedeutet die Notwendigkeit, das Schwergewicht der Ausfuhr von der Grundstoffseite nach der Richtung des Maschinenbaues und der vorwiegend lohnorientierten Verarbeitungsindustrie zu verschieben, soweit es nur eben möglich ist. Dies schließt nicht aus, daß die eisenschaffende Industrie auch unmittelbar exportiert, einmal, soweit es von den Alliierten vorgeschrieben wird, zum anderen jene Erzeugnisse dieser breit ausgedehnten Grundstoffindustrie, die schon gar keine Grundstoffe im üblichen Sinne mehr sind, sondern für sich bereits fertige Erzeugnisse darstellen, die keiner Be- und Verarbeitung mehr bedürfen, wie z. B. Schienen, Radsätze, Röhren bestimmter Gattungen und manches andere mehr.

Es kommt ein übriges hinzu: in der Bestimmung seiner Ausfuhrprodukte ist. Deutschland nicht autonom; es wird nämlich auf die berechtigten Interessen der Importländer einige Rücksicht genommen werden müssen. In dem Übergangsstadium zum freien Außenhandel werden sicherlich – das läßt sich aus den Erfahrungen während der Jahre nach dem ersten Weltkrieg ableiten bestimmte Ein- und Ausfuhrkontingente in Wirtschaftsabkommen oder Handelsverträgen vereinbart werden. Auch wird mit dem Zustandekommen von Kompensationsgeschäften gerechnet werden müssen, die zwar heute noch verboten sind; die aber in einem späteren Stadium der Wiederherstellung, unserer Außenhandelsbeziehungen wieder eine große Rolle spielen werden (z. B. Schwedenerze gegen deutsche Kohle und Maschinen), In diesen Fällen wird das Zustandekommen von Ausfuhrabschlüssen weitgehend von der Bereitwilligkeit abhängen, den Wünschen der Abnehmer entgegen? zukommen, und es wird nicht immer möglich sein, das Ausfuhrprogramm nach den eigenen-Wünschen zu bestimmen. Wenn beispielsweise Südafrika uns Wolle und Mangan anbietet und darauf besteht, hiergegen Bleche zu beziehen, wird man sich vielleicht nicht darauf versteifen dürfen, nur "veredelte" Bleche, also Blechwaren, zu liefern.

Nun klingen diese Betrachtungen gewiß etwas nach Zukunftsmusik. Soweit sind wir noch lange nicht. Bei einer Rohstahlerzeugung von Jetzt annähernd 3 Mill. t in der britischen und amerikanischen Besatzungszone lassen sich keine Exportsprünge machen. Die Mengen Eisen und Stahl, die Deutschland seit dem Zusammenbruch ausgeführt hat, sind so unbedeutend, daß man sie wahrhaftig mit der Lupe betrachten muß. Mehr als einige wenige tausend Tonnen sind es nicht, und dabei handelt es sich im großen und ganzen nur um die Auslieferung solcher Exportanträge, die schon während des Krieges hereingenommen wurden, um Mengen, die zum Teil bereitstanden, und deren Ausfuhr nach der ersten Starre Ende 1946 von der Militärregierung freigegeben wurde. Das übrige ist überhaupt nicht nennenswert. Die dem Amt für Stahl und Eisen für das zweite Vierteljahr 1947 zur Verfügung gestellten Ausfuhrkontingente sind mehr als dürftig gewesen. Für diese drei Monate würden, im ganzen 24 000 t freigegeben. und davon nicht weniger als 21 000 t für die mittelbare Ausfuhr über die Weiterverarbeitung (Maschinen u. a. m.), so daß die geradezu lächerliche Menge von 3000 t verblieb. Dies monatliche Exportkontingent – diese Bezeichnung ist fast zu prätentiös – von sage und schreibe 1000 t entfiel aber so gut wie überhaupt nicht auf die – eisenschaffende Industrie, sondern auf die Gießereien, die Drahtindustrie, die Blankziehereien und Kaltwalzwerke und andere Zweige der ersten Verarbeitungs- oder Veredlungsstufe. Es lohnt gar nicht, sich auszurechnen, welche homöopathischen Dosen auf das "Ausfuhrgeschäft" der eigentlichen eisenschaffenden Industrie entfallen, sind.

Eine Betrachtung der Exportsituation für Eisen und Stahl kann und darf nicht an der Frage der Exportpreise vorbeigehen. Schlecht gerechnet ließen sich, heute im Ausfuhrgeschäft durchschnittlich mindestens die dreifachen Inlandspreise erzielen. Volkswirtschaftlich wäre demnach eine Ausfuhr von Eisen- und Stahlerzeugnissen gewiß lohnend und reizvoll. Das ausführende Werk bekäme aber nur den Inlandspreis vergütet, und dieser Inlandspreis ist, wie heute schon die Spatzen von den Dächern pfeifen, ein Verlustpreis, bei dem weit mehr als die Hälfte zugesetzt wird. Der Anreiz, beim Export von Stabeisen einen Verlust von annähernd 80 RM, bei einem Inlandsverkaufspreis von 115 RM Frachtbasis Oberhausen, hinzunehmen, ist fürwahr nicht überwältigend, und bei den anderen Erzeugnissen der eisenschaffenden Industrie sieht es nicht viel anders aus. Die effektiven Verluste aus dem Exportgeschäft wären also in diesem Wirtschaftszweig infolge der widernatürlich manipulierten Preise noch höher als in anderen Branchen, und das bei einem Weltmarktpreisniveau, das an sich Chancen böte, wie sie im Welthandel nur seltenwiederkehren. Selbst wenn der eisenschaffenden Industrie der ihr schon seit anderthalb Jahren vorenthaltenen Verlustausgleich in Form einer entsprechenden Heraufsetzung der Preise endlich zugebilligt werden sollte, würden die Inlandspreise immer noch weitgehend unter den heutigen Sätzen an den Weltmärkten liegen. Es bliebe immer noch, eine ansehnliche Menge für die Verbesserung unserer Rohstoff- und Lebensmitteleinfuhr übrig.

Noch einige Worte über die Betätigungsmöglichkeiten deutscher Firmen in der Eisen- und Stahlausfuhr: So verlockend und günstig die augenblicklichen Chancen für den Export auch aussehen mögen, so unendlich mühsam wird die Wiedererringung einstiger Absatzmärkte auf die Dauer sein. Die gewaltige Ausdehnung der Stahlkapazität nicht nur in den Vereinigten Staaten, im britischen Imperium und in zahlreichen früheren Abnehmerländern, bei denen sich vielfach eine verstärkte Industrialisierung vollzogen hat, wird nach dem Abflauen der jetzigen Exportkonjunktur noch manche harte Nuß zu knacken geben Die deutschen Werke haben ihre Niederlassungen in Europa und Übersee verloren, und der nicht gering zu veranschlagende "good will" dieser Exposituren gesellt sich zu dem Verlust von weltbekannten Firmennamen und Marken. Krupp hat nicht nur Waffen hergestellt, sondern auch wichtige Qualitätsprodukte für Zwecke ausgeführt, die mit der Rüstungsfertigung nichts zu tun – hatten. Aber dieser Fall ist ein Sonderfall, über den bald die Rüther geschlossen sein werden, wie auch Rheinmetall-Borsig bald der Geschichte angehören wird. Etwas anderes ist es mit dem Fortfall von Firmen- und Markenzeichen, die eine Folge der Konzernentflechtung in der Eisen- und Stahlindustrie sind. Die neuen, völlig neutralen Namen besagen nichts mehr gegenüber Begriffen, wie z. B. Gutehoffnungshütte, Klöckner, Hoesch, Mannesmann, Bochumer Verein, DEW (Deutsche Edelstahlwerke), Böhler, die für. jahrzehntealte Kunden zu festen Qualitätsvorstellungen geworden waren. Dieser gute Ruf deutscher Eisen- und Stahlmarken kann nur allmählich mit einprägsamen, nicht aber durch indifferente Ursprungsbezeichnungen wiederbegründet werden. Das allein ist eine Aufgabe, die allergrößte Anstrengungen voraussetzt.