Endlich ist der Außenhandel in seiner vollen Bedeutung von den Alliierten anerkannt worden Es hat lange, viel zu lange gedauert, bis sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, daß der berüchtigte circulus viciosus noch am ehesten durch die Einfuhr von Rohstoffen und die Ausfuhr hochwertiger Industriefabrikate gebrochen werden kann und daß eine solche Entwicklung gleichzeitig das eigenste Interesse der Alliierten ist. Der Fertigfabrikatausfuhr muß gewiß die Einfuhr der darin verarbeiteten ausländischen Rohstoffe vorangehen, aber dieses wird den Produktionsländern angesichts des sich allmählich steigernden Angebots von Rohstoffen schon sehr bald höchst willkommen sein. Es fehlt aber bei den Alliierten noch immer, die Erkenntnis, daß eine weitere Voraussetzung jedenfalls für eine wesentliche Steigerung der deutschen Ausfuhr die erhöhte Produktion der ganzen deutschen Industrie auch für das Inland ist, denn nur bei erhöhter Ausnutzung der Arbeitskapazität. lassen sich gleichzeitig eine Rentabilität der Betriebe und niedrigere Einstandspreise erreichen, und beides ist nötig.

Die erhöhte Produktion, wiederum bedingt mehr Kohle und eine höhere Leistung der Arbeiter, und dafür bedarf es einer wesentlich besseren Ernährung. Englands angespannte Finanzlage aber erfordert nun einmal eine Verringerung seiner Zuschüsse an Deutschland – dazu sollen die Eingänge aus hochwertigem deutschen Export ja dienen – und sowohl England wie Amerika brauchen den deutschen Absatzmarkt für ihre Produkte und Fabrikate. Es wird immer wieder vergessen, daß Deutschland während vieler Jahre der beste Kunde des englischen Mutterlandes war, und England will seine Ausfuhr auf 160 v. H. von 1938 steigern!

Diese Zusammenhange haben Pate gestanden bei dem ersten schöpferischen Gedanken der Nachkriegszeit, dem Marshall-Plan. Die ausgeblutete deutsche Wirtschaft muß in großem Maße durch ausländische Kredite auf wirtschaftlicher Basis wieder angekurbelt werden. Wenn schon die übrigen europäischen Länder nicht. ohne gewaltige Kredite auskommen können, wie sollte dieses für Deutschland in seiner jetzigen verzweifelten Lage möglich sein? Gemeinsame Not läßt endlich wirtschaftliche Erwägungen über politische Gefühle siegen. An der Tatsache, daß dieser Winter durch zeitweilige Stillegungen der Fabriken infolge Strom- und Kohlenmangels einen mindestens partiellen wirtschaftlichen Zusammenbruch mit sich bringen wird, können wir wohl kaum mehr zweifeln. Desto notwendiger ist es, daß noch vorher eine Besserung der Lage mindestens auf einigen Gebieten tatsächlich eintritt, da die Bevölkerung leider an Versprechungen zu glauben verlernt hat. Möchte es noch rechtzeitig sein, um dem deutschen Volke die Kraft und Energie zu geben, die Einbilden des kommenden Winters in einer letzten Kraftanstrengung zu überwinden. Der Eifer der Engländer und Amerikaner, die aus vielen Gründen bisher geringe Begeisterung der deutschen Industriellen für den Export anzufachen, sind die Triebfedern gewesen für die neuerdings in Kraft tretenden Bestimmungen, dem deutschen Export meinen Anreiz zu geben.

Die je 5 v. H. des Devisenerlöses, die dem Unternehmer und der mit der Anfertigung der Exportgüter beschäftigten Arbeiterschaft nunmehr belassen werden, sollen einerseits den Werken zur Einfuhr wichtigen Materials für die Erneuerung und Verbesserung der Produktionsstätten dienen, andererseits der Arbeitnehmerschaft – die an der Herstellung der Exportgüter mitarbeitet – die Einfuhr dringend gebrauchter Konsumgüter aus dem Ausland zu ermöglichen. Der Fortfall der hemmenden Umrechnungskoeffizienten bei Errechnung der Devisenverkaufspreise, die Genehmigung zur Zahlung einer Kommission an den ausländischen Vertreter der exportierenden Firma, die Anerkennung der höchsten Priorität bei Zuteilung von Arbeitern und Rohstoffen an die Exportindustrie haben die gleichen Beweggründe. Wenn die Ausfuhrziffern an Fabrikaten aus der englisch-amerikanischen Zone auch größer sind, als sie im allgemeinen angenommen werden – sie haben im Mai 8 429 000 Dollar, im Juni 8 891 000 Dollar betragen –, so beläuft sich ihr Anteil doch nur auf etwa 25 v.H. im Verhältnis zu der Ausfuhr von Kohle, Holz und Kali. Bei solchen Zahlen sind wir noch weit davon entfernt, den seitens der Alliierten für 1947 festgesetzten Ausfuhrbetrag von 350 Mill. Dollar zu (erreichen. Mangelnder Weitblick bei einigen englischen Industriellen und politische Hemmungen bei einigen französischen Parteien haben noch immer nicht begreifen lassen, daß nur die gemeinsame Arbeit aller Völker die gemeinsame Not Europas wenden, kann. Amerika dagegen hat diese Zusammenhänge erkannt; es ist ja aber auch nicht direkt betroffen und beurteilt deshalb die Zusammenhänge mit weniger Leidenschaft und Subjektivität. Noch fehlt viel, uns den Glauben gewinnen zu lassen, daß unsere intensive Arbeit ein sicheres Mittel für unseren Wiederauftieg ist. Die uns unbegreifliche Einstellung der Alliierten, nur ganz vereinzelt deutsche Reisende ins Ausland oder Ausländer nach Deutschland zu lassen, ja, sogar Frauen und Kinder nicht ausreisen zu lassen, wenn auch die Einreisegenehmigung des Auslandes vorliegt, sind ein Überbleibsel der Kriegszeit, das zwei Jahre nach Kriegsschluß wirklich überlebt sein sollte. Demokratie bedeutet doch wohl auch etwas Zutrauen in die Verständigkeit der Menschen, auch wenn es sich um Deutsche handelt. An solchem Vertrauen würde man am wirksamsten den Unterschied von der überwunden geglaubten, verhaßten Bevormundung durch die großen und kleinen Naziherrscher merken können! Der Außenhandelsbeirat des Verwaltungsamts für Wirtschaft in Minden, dessen Leitung, mir zur Zeit obliegt, hat noch viel Arbeit vor sich. Zunächst gilt es, die auch auf englischer Seite bestehende grundsätzliche Bereitwilligkeit, auch den Import allmählich wieder in die Hände der deutschen Privatfirmen zu legen, sobald wie irgend möglich praktische Gestalt annehmen zu lassen und die untragbaren Formalitäten bei. der Handhabung des Exports auf ein möglichst geringes Maß zu reduzieren.

Wie stark auf amerikanischer Seite der Wunsch ist, die alliierten Behörden aus dem Außenhandel ganz auszuschalten, geht aus dem Passus der Regierungsanweisung an General Clay hervor, in der es wörtlich heißt: "Sie haben bei dem Abbau der bestehenden Handelsschranken und der Überleitung des Außenhandels auf die normalen Handelswege behilflich zu sein," Man muß bedenken, daß es sich bei diesen Worten nicht um einen Zeitungsartikel, sondern um die grundlegenden Anweisungen an die amerikanische Verwaltung in Deutschland handelt.

Im übrigen hofft der Außenhandelsbeirat auf Grund des Vertrauens, dessen er sich bei den englischen und amerikanischen leitenden Wirtschaftlichen Instanzen erfreut, seinen Einfluß erfolgreich darauf verwenden zu können, daß allmählich eine wirkliche Interessengemeinschaft entsteht zwischen der ausländischen und deutschen Wirtschaft zum Nutzen Europas und der Weltwirtschaft