Von Paul Almasy

Fast ein Jahr ist es jetzt her, seitdem die Sowjetunion ihre Aktion zur Rückführung aller im Auslande lebenden Armenier nach Sowjetarmenien begonnen hat. Russische Schiffe legen im Hafen; von Beirut an, nehmen Tausende von Armeniern an Bord und laufen nach dem Schwarzen Meer aus. Armenien, das sich vom Kaukasus, Vom Koura bis zum Taurus erstreckt, liegt teils auf russischem, teils auf türkischem Gebiet. Doch das Gros der Armenier – etwa 2 Millionen – lebte unter türkischer Oberhoheit. Seit Jahrhunderten waren diese christlichen Armenier ständigen Verfolgungen durch ihre türkisch-mohammedanischen Machthaber ausgesetzt. Zwar waren viele von ihnen auf Grund ihrer kaufmännischen Begabung nach allen Teilen der Erde ausgewandert; die meisten aber lebten im Jahre 1914 immer nach in ihrer alten Heimat am Fuße des Ararat. Bei Ausbruch des ersten Weltkrieges wurden sie von den Türken als gefährliche Elemente und Verräter behandelt, einerseits weil sie Christen; waren, andererseits aber wegen ihrer Beziehungen zu ihren Landsleuten jenseits der Grenze. Als sich der Krieg gegen die Türken wandte, wuchs der Haß und führte zu Massenmorden, wie sie die Neuzeit, nie gesehen hatte. 1700 000 Armenier wurden damals in der Türkei ermordet. Nur 300 000, größtenteils Frauen und Kinder, entging gen dem Blutbad und fanden Zuflucht in den arabischen Ländern des Mittleren Ostens. Der Völkerbund nahm Anteil an ihrem Geschick, gründete Hilfsorganisationen in Aleppo und Beirut und plante landwirtschaftliche Kolonien für sie. Auch die amerikanische Nah-Osthilfe gab ihre Unterstützung. Aber in den Jahren 1918 und 1920 weitere erneute Massenmorde der Türken, ein weitere 30 000 Opfer forderten, wiederum ein – Heer von Flüchtlingen auf den Weg.

Im Laufe der letzten 25 Jahre sind Tausende von jungen, im Exil lebenden, Armeniern nach verschiedenen Ländern weitergewandert. 63 000 gingen nach Frankreich, 25 000 in die Teppich- und Metallindustrie Griechenlands, andere nach Ägypten, Bulgarien und Cypern, wieder andere nach Amerika. Etwa 500 000 aber blieben in der Levante. Von ihnen sind inzwischen 50 000,. wie die sowjetischen Propagandisten es ausdrücken, "heimgekehrt, um in der sowjetisch-armenischer Republik eine neue Existenz zu gründen".

Die Sehnsucht der Armenier, in ihre alte Heimat zurückzukehren, nicht mehr einer rassischen Minderheit anzugehören und wieder in einem Lande zu leben, wo man ihre Sprache spricht, kommt den Sowjets bei ihrer Politik sehr zugute. Dennoch gibt es Armenier, die eine abwartende Haltung einnehmen. Andere stehen dem Gedanken völlig ablehnend gegenüber. Geschäftsleute und besserbezahlte Handwerker, die im Mittleren Osten ein gutes Auskommen hatten, dürften sich kaum dazu überreden lassen, in ein kommunistisches Land überzusiedeln. Unter den Intellektuellen sind die Ansichten geteilt, nur der linke Flügel neigt im allgemeinen dazu, die sowjetische Kampagne zu unterstützen. Bei der Masse der Armenier aber beginnt nicht allein der Gedanke einer Rückkehr nach Armenien, sondern die Idee des Kommunismus Boden zu gewinnen. In einer armenischen Taverne im entlegenen Transjordanien, invielen Häusern – reichen sowie armen – sah ich das Bild Stalins am Ehrenplatz hängen. Und bei meinem Besuch in Aanjar, einem syrischen Dorf, das seit zwanzig Jahren tausend armenische Familien beherbergt hat, fand ich den Ort verlassen und ausgestorben. Die gesamte Bevölkerung war der Sirenenstimme der Sowjets gefolgt.

Die sowjetische Politik gegenüber den Armeniern steht zweifellos in Zusammenhang mit den territorialen Forderungen, die Moskau vor: einiger Zeit nach Ankara richtete. Eine dieser Forderungen bezieht sich auf das Gebiet; das die Masse der Armenier bis zum Jahre 1916 bewohnte. Eine Massenabwanderung von Araneniern in den russischen Teil Armeniens würde künftigen Forderungen weitere ethnographische und politische Unterstützung bieten. Und sollte eines Tages ein Krieg ausbrechen, so würden, viele Armenier in der Roten Armee marschieren, in der festen Überzeugung, für die Befreiung ihres Landes zu kämpfen.

(Nach Reuter)