Schwarze Tage am Schwarzen Markt

Von M. Vigilans

Bricht in Berlin der Schwarze Markt tätsächlich zusammen? Die Berliner Presse berichtete so einmütig, wie sehr die Preise gestürzt seien, daß diese Einmütigkeit nachdenklich macht Es riecht nach verabredeter Kampagne. Zwei Jahre lang wurden niemals Schwarzmarktpreise genannt; jetzt auf einmal werden alle Waren öffentlich "ausgezeichnet", und zwar mit Preisen, die niedriger sind, als die Praxis erweist Dadurch wurden die kleinen Händler und Käufer kopfscheu. Es kann auch zu Angstverkäufen. Nur eine Ware stieg erheblich, nämlich Zucker.

Bis vor kurzem schwamm Berlin in Geld, ein Dorado für Geschäftemacher. Grüne Tausendmarkscheine, alle druckfrisch, gingen in Packen von Hand zu Hand. In Berlin-Weißensee, im russischen Sektor, befand sich eine Einkaufsstelle, die Gold, Silber, Platin und Brillanten, in jeder-Menge ankaufte, obwohl. exakte Bestimmungen über den Handel von Edelmetallen dem entgegenzustehen schienen! Ein mächtiges Patronat verhinderte jede Beeinträchtigung. Ein Netz von Agenten war über ganz Berlin gespannt. Da sich darunter viele Polen aus dem UNRRA-Lager befanden, glaubten manche zunächst, es wären Ankäufe für die Polen; doch diese Polen waren nur vorgeschoben. Die Goldpreise waren exorbitant hoch, man brauchte das Gold ja nur mit bedrucktem Papier zu bezahlen! Diese Scheine gaben durch ihr frisches Aussehen zu manchen Kombinationen Anlaß: Täglich wurden zwischen drei und acht Millionen Mark nach Berlin gepumpt. Weitere Millionenbeträge flossen hinzu: für Porzellane, Kristall, Pelze, Textilien, radioaktive Substanzen, Rasierklingen, Maschinennadeln und Optik.

Ein erheblicher Geldzufluß entstand andererseits durch Angehörige einer westlichen Besatzungsmacht. Hohe Liebhaberpreise für Porzellan wurden gezahlt, allerdings nur für Markenware, während die Einkaufsstellen der anderen, der östlichen Interessensphäre oftmals Stücke ankauften, die selbst in der Makartzeit niemand in seinen Salons aufzustellen gewagt hätte. Der Westen kaufte – ferner Photoapparate und Schmuck, insbesondere Brillanten. Wieweit Mittelsmänner bei diesem ausgedehnten Handel der Wahrheit nahekommen; wenn sie behaupten, daß mit einem bestimmten Flugzeug einmal in der Woche große Posten Brillanten ihre weite Reise antraten, ist zur Zeit noch nicht feststellbar. Außerdem gab es noch eine Tauschzentrale, deren Geschäft deutlich nachließ, als sie keine Zigaretten, das Zahlungsmittel des Schwarzen Marktes, mehr ausgab.

Eine weitere ausländische Gruppe pumpte beträchtliche Warenmengen nach Berlin. So liegen heute unter den Stadtbahnbögen – ebenfalls im russischen Sektor – große Mengen von Schweinefett, Marmelade, Slibowitz und Zigaretten, geschützt durch das "Protektorat" eines Balkanstaates, Diese Waren werden. getauscht gegen technische Artikel, gegen Werkzeug und Maschinen. Auch andere Länder etablierten sich, um solche Kompensationsgeschäfte durchzuführen, bei dem der deutsche Verkäufer glaubt, hohe Preise, mit den begehrten Mangelwaren zu erzielen, während er letzten Endes kaum den zehnten Teil des wirklichen Wertes erhält.

Der Berliner Schwarze Markt war im Taumel einer Hausse. Plötzlich aber stockte dieseEntwicklung. Das Geschäft bröckelte ab und krachte zusammen, Agenten, Mittelsmänner und Mitläufer mit sich in den Abgrund reißend. Die schwarzen Tage waren hereingebrochen. Die Goldaufkaufsstelle hatte ihre Schalter geschlossen. Der tägliche Zufluß von Millionen brach ab, die Preise für Edelmetalle stürzten auf die Hälfte, Brillanten wurden fast unverkäuflich. Manches Schieberkonsortium, verlor Millionen, andere verloren alles. Hierzu äußerte sich ein ausländischer Gewährsmann folgendermaßen: "Der innere – Zusammenhang ergibt sich aus einer Kette von Tatsachen: Die grünen Tausender wurden einer Kontrolle unterworfen, weil man ihren Ursprung klären wollte; praktisch waren sie damit gesperrt Es erfolgte eine großangelegte Razzia in ganz Berlin. Dem Antrag der Russen, auch die Privatwohnungen durchzukämmen, wurde nicht stattgegeben. Die Razzia wurde natürlich, ,verpfiffen‘. Einige Agenten, vor kurzem erst nach Deutschland geflüchtete Polen, hatten aus Wolfram und Palladium mit einem echten Goldüberzug falsche Goldbarren hergestellt und hatten. die Ankaufsstelle damit hereingelegt. Es wurden Fachleute gesucht, die Schmelzöfen bauen konnten: Neunhunderter Silber wurde niedriger umgeschmolzen. Und überhaupt: die Machtkämpfe innerhalb der Schwarzmarktwelt, aber auch die Methoden, mit denen Schwarzhändler verfolgt wurden nahmen immer wildere Formen an. Ein Chinese wurde vor dem Hotel Adlon in ein Auto gezerrt. Vier Männer in Uniform waren beteiligt, denen niemand gegenüberzutreten wagte. Die Barschaft Chinesen, eine Viertelmillion Mark, wurde vor seinen Augen zerrissen und aus dem Auto auf die Straße geworfen. Die sehr hohen Dollarbeträge hingegen wurden ihm abgenommen. Er selbst wurde halbtot geprügelt. – In einer polnischen Interessentengruppe führte die Militärpolizei eine Razzia durch und beschlagnahmte – Millionen, vor allem Dollarscheine. Und was zum Schluß erwähnenswert bleibt: die Händler flüstern sich in Vertrautem Kreis höchst vorsichtig zu, die Angestellten der Goldaufkaufsstelle seien nach dem Westen flüchtig geworden, sie hätten 400 Millionen Mark veruntreut, eine Summe, die in einem Haushalt nicht ohne weiteres zu verstecken ist."