Vor fünfzehn Monaten war noch davon die Rede, daß man den deutschen Export auf den Schrumpfbetrag von drei Milliarden jährlich beschränken, gleichzeitig aber den ausgepowerten Deutschen eine europäische Durchschnittslebenshaltung garantieren könne. Diese und andere Rechenfehler sind inzwischen erkannt. Der vorläufige Industrieplan steht nicht mehr zur Diskussion. Von dem neuen Plan ist anzunehmen, daß er das Fazit von dem Scheitern der Pariser Marshall-Konferenz bereits berücksichtigt. Das heißt, er wird von den Westpartnern festgelegt, wobei der französische Argwohn, gegenüber der Wiederherstellung auch nur eines Teiles der deutschen, Schwerindustrie allerdings noch das offene Problem ist.

Die Diskussion um eine Exportaktivierung ist noch von einer anderen Seite her in Gang kommen. Das finanziell geschwächte England hat insonderheit kein Interesse daran, erhebliche Zuschüsse in unsere Besatzungszone fließen zu lassen. Diese Zuschüsse sind aber unvermeidlich, solange 90 Prozent und mehr unserer Exporte aus Holz und Kohle bestehen. Wir können unsere Existenznur durch den Export industrieller Fertigwaren bestreiten. Darüber sollte unter Fachleuten kein Zweifel mehr bestehen.

Es kommt nun darauf an, das durch den Krieg zerrissene Außenhandelsnetz wieder neu zu knüpfen. Die prinzipielle Ausreisegenehmigung deutscher Exportkaufleute ist wenigstens ein symbolischer Auftakt. Vorläufig bleibt festzustellen, daß auch die Bemühungen unserer früheren Außenhandelspartner die schon aus eigenem Interesse die geschäftlichen Beziehungen so schnell wie möglich wieder neu knüpfen möchten, nicht immer erfolgreich gewesen sind.

Schweden – um dieses eine konkrete Beispiel zu erwähnen – zeigt Monaten großes Interesse, sich mit deutschen Firmen zu verständigen. Aber die bisherigen Erschwerungen der Einreise nach Deutschland waren so groß, daß eigentlich nur ein paar Zufallsbeziehungen wieder zustande gekommen sind. Es kommt hinzu, daß die strikte Unterbindung von Gegenseitigkeitsgeschäften und die Verpflichtung, daß alle Außenhandelsgeschäfte auf Dollarbasis verrechnet werden müssen, auch im europäischen Nordraum auf Widerstand stoßen.

Diesen und anderen Startschwierigkeiten zum Trotz ist kürzlich auf Initiative dreier schwedischer Großbanken ein Finanzierungskontor für deutsche Geschäfte in Erwägung gezogen. Es besteht die Absicht, die noch vorhandenen deutschen Kapazitäten für Veredelungsarbeiten heranzuziehen und für diesen Zweck Rohmaterialien mit entsprechender Vorfinanzierung bereitzustellen. Das Kontor selbst will sich auf die Anbahnung und Finanzierung der Geschäfte beschränken. Natürlich denken dabei die Schweden in erster Linie an die Reaktivierung der Eisenerzlieferungen: eine Hoffnung, die trotz der Schrottberge hierzulande vielleicht doch in Erfüllung gehen dürfte.

In einigen Fällen, haben die Verhandlungen bereits zu konkreten Vorschlägen geführt. Ein schwedischer Konzern hat sich beispielsweise bereit erklärt, Ferrochrom für die Herstellung rostfreier Gegenstände, hauptsächlich Bestecke und Instrumente, zu liefern. Der Veredelungsaufwand soll in Dollar bezahlt werden. Bei anderen Projekten, deren Durchführung besonders energieintensiv ist, ist der schwedische Kontrahent bereit, aus seinem europäischen Kohlenkontingent Abzweigungen zu machen.

Dieses praktische Beispiel zeigt, welch eine Fülle von Vorbereitungen dazu gehören, um die deutsche Werkstattkapazrtät, deren europäische – Unentbehrlichkeit offensichtlich ist, möglichst bald auch für die Durchführung zwischenstaatlicher Geschäfte zu beleben. Bei der Reaktivierung unseres Exportes könnten die Veredelungsgeschäfte eine große Rolle spielen. Das würde allerdings den Abbau der Umständlichkeiten voraussetzen, die heute, noch der Anbahnung solcher Geschäftsbeziehungen im Wege stehen.