Von Hans Georg Fellmann

Bei der Entwicklung-des modernen Theaters ist die Feststellung nicht ohne Reiz, daß die Pflege der klassischen Überlieferung im Wortdrama an. keiner deutscher. Böhne so bewußt und konsequent durchgeführt worden ist wie im Schauspieltheater der Industriegßostadt Bochum. Damit hat sich dieses Theater, inmitten der Fabrik- und Zechenlandschaft, einen einzigartigen Rang geschaffen. Hier keimte in einer amusischen Atmosphäre nach dem ersten Weltkrieg ein starkes Kulturbewußtsein auf Eine vorbildliche Dezernatvertretung in der Stadtverwaltung, dazu die in unserer schnellebigen Zeit seltene Tatsache einer nun schon über 25 Jahre währenden einheitlichen künstlerischen Leitung haben dem Bochumer Theater eine Richtung gegeben. die, vom geistigen Erlebnis bestimmt, die Veranstaltung klassischer Dramenzyklen zum Kernstück intensiver Bühnenarbeit gemacht hat. In dieser Konsequenz der Shakespeare-, Goethe-, Schiller-, Kleist-, Hebbel- und Grabbe-Wochen erwuchs mit der geistig bewegenden und zusammenfassenden Kraft des Intendanten Saladin Schmitt auf diesem Boden ein universales Theater, dem man in Deutschland und darüber hinaus große Beachtung schenkte. Die Gefahr eines einseitigen Doktrinarismus und einer starren künstlerischen Weltanschauung die man früher schon als "Bochumer Stil" bezeichnet hatte, wurde stark aufgewogen durch die imponierende Fülle des vermittelten Überlieferungsgutes. das auch seltene Werke mit einbezog, durch die Intensität der Arbeitsleistung in einem durchgeformten Ensemble, das seit je die Heranziehung fremder Kräfte verschmähte, und durch eine vorbildliche Hingabe des Regisseurs an das Werk und seine dramatische Verdichtung.

Heute ist Bochum eine Ruinenstadt wie alle Städte dieses Industriereviers. Auch sein, schönes Theater steht nicht mehr, und die Bemühung, in das Behelfstheater etwas Geist des festlichpathetischen. dekorativen Stils seiner Klassiker? -Aufführungen hinüberzuretten, bedurfte hier größerer Umstellung als anderswo. Nun hat man an die Tradition der alten Tage repräsentativer Theaterdemonstrationen wieder angeknüpft, indem man die Mitglieder der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft zur Jahrestagung nach hier einlud. Bochum ist jetzt Hauptgeschäftsstelle dieser Gesellschaft für die drei Westzonen: ihr Präsident ist Prof. Dr. Saladin Schmitt, dessen Theater mit der Titelverleihung einer "Bühne der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft" eine Ehrung erfuhr, die ihm auf Grund seiner großen. Verdienste um das Werk des englischen Dramatikers mit der zyklischen Wiedergabe fast des gesamten Dramengutes (1927 und 1937) zukam. Drei Dramen aus den verschiedenen Schaffensbereichen zeigten auch diesmal die geistige und darstellerische Spannkraft dieses von einer starken Wortkunst getragenen Theaterspiels: den "Hamlet", das Lustspiel "Wie es euch gefällt" und die menschlich am tiefsten verankerte Gabe aus der Königsdramen-Reihe: "König Richard II." Wenn man auch diesmal wieder den vorbildlichen Ensemblegeist dieses Theaters erfuhr, der in sommerlicher Hochglut großes und die letzte Kraft einspannendes Theater bot, und wenn man in der Hingabe der Hauptdarsteller, unter denen der sehr begabte Walter Uttendorfer an drei aufeinanderfolgenden Tagen in den so unterschiedlichen Rollen des Hamlet, des Orlando und des zweiten Richard auf der Bühne stand, eine bewundernswerte Zucht und Disziplin erkannte, dann spürte man. was die große Überlieferungskunst dieser Bühne verdankt Ein solch künstlerisches Monopol bietet in der derzeitig unübersichtlichen deutschen Theatersituation ein geistiges Gegengewicht von nicht geringem Wert. Es müßte allerdings, wenn das Bochumer Theater in seiner weiteren Entwicklung nicht einer im künstlerischen System begründeten. Starre und Einseitigkeit verfallen soll, rechtzeitig der Gefahr begegnet werden, die sich aus einer abseitigen Stellung ergeben kann.

Die Bochumer Tagung war aus allen Zonenteilen zahlreich besucht. Der Mitgliederbestand hat sich, wie man aus dem Jahresbericht erfuhr, stark erhöht. Die Publikationen, vor allem die Herstellung des Jahrbuchs der Gesellschaft, nehmen trotz der zeitbedingtenSchwierigkeiten ihren Fortgang. Der Ernennung Albert Bassermanns und Horst Caspars (der früher dem Bochumer Ensemble angehörte) als Repräsentanten der älteren und der jüngeren Schauspielergeneration wurde einmütig zugestimmt. Daß man die Ehrenpräsidentschaft dem Kölner Kardinal Dr. Frings antrug, der das Amt annahm und auch der Mitgliederversammlung sowie der Aufführung des Königsdramas beiwohnte, mag als symptomatisch für den Wandel grundsätzlicher Anschauungen gelten. Der Kardinal bekannte sich in einer Ansprache ausdrücklich zu Größe und Wert des Shakespeare-Werkes, "das im tiefsten Grunde der Glaube" an eine göttliche Weltordnung durchleuchte". Man konnte bei diesem Bekenntnis "zum herrlichen und gewaltigen Geist Shakespeares, dem auf unsere verworrene Zeit und auf unser darniederliegender deutsches Vaterland ein möglichst tiefgehender Einfluß gesichert werden müsse," die Äußerung nicht überhören, daß man sich nach dem früheren Mäzenatentum der Fürsten und Industrieherren nunmehr "an die Kirche als die krisenfesteste Position" gewandt habe und daß er. als Ziel der Gesellschaft hinstellte, "sich politisch nicht mißbrauchen zu lassen". Das klang wie eine deutliche Absage an die kulturpolitischen Tendenzen in der Ostzone, in der diese Gesellschaft ja vordem ihren Sitz gehabt, hat. Am Beginn der Bochumer Tage zeigte man den Mitgliedern mit dem englischen Farbgroßfilm "König Heiurich V." den mit großen Mitteln unternommenen und mit einführenden Worten von Dr. Emil Strodthoff (Hannover) gedeuteten Versuch, die Welt des realen und des irrealen Geschehens in der englischen Geschichte im farbig sinnfälligen Bild phantasiestark erstehen zu lassen. In großen Zügen entwarf bei einer Morgenfeier der Kölner Theaterwissenschaftler Professor Dr. Carl Nießen ein Bild der "Begegnungen mit Shakespeare", wobei er vor allem den Einfluß des dichterischen Werkes auf die Musik des 19. Jahrhunderts. unterstrich und in der Wiedergabe der "Sommernachtstraum"-Ouvertüre von Mendelssohn und zweier Sätze aus der sinfonischen Dichtung "Romeo und Julia" von Berlioz durch das unter Emil Peeters klangschön spielende Bochumer Orchester eine trefflich musikalische Unterstützung fand. Den Festvortrag am letzten Tage hielt der Bonner Anglist Professor Dr. Walter Schirmer. In seinem Thema "Shakespeare und der junge Goethe" kennzeichnete er den Weg Goetheszu dem englischen Dramatiker und ließ in prägnanter Darstellung deutlich werden, wie Goethe, der Shakespeare nicht zu erklären noch zu beweisen sich unterfängt, sondern ihn aus innerstem Erleben künstlerisch erfahren habe, die Möglichkeiten für die imponierende Darstellung Shakespeares durch August Wilhelm von Schlegel schuf, der wir noch heute verbunden seien.