Von Werner Haftmann

In einer Zeit, da das religiöse Problem vielfacheiner neuen Glaubensbereitschaft begegnet, wäre es feige, einer notwendigen Lösung an auszuweisen. Die folgenden Ausführungen mögen, wenn man will, als-Grundlage einer Diskussion aufgefaßt werden. In ihnen nimmt ein moderner Autor, Vertreter neuer philosophischer Richtungen und doch nicht Theologe seines Faches, Stellung zu der Frage, auf welchen Voraussetzungen heute der Glaube beruhen muß. Es ist ein brennendes Problem der Gotterkenntnis, das er darin behandelt und dem man das Wort Werfels als Motto voranzusetzen versucht ist: "Es stirbt, wer Gott erblickt – – "

Glaube und Religion sind die großen Themen der Gegenwart. Und es heißt überall, nur im Geiste des Christentums werde es möglich sein, der Welt den Frieden zu geben. Aber welche, inneren Voraussetzungen dem modernen Menschen gegeben sind, damit er glaube – davon hören wir nur Weniges und Ungenaues. Dennoch ist in der augenblicklichen Lage des modernen Geistes das religiöse Motiv überall zu erkennen. – In Philosophie und Literatur wie in den kleinen Legenden des täglichen Lebens hören wir immer wieder von dem Begriff des "ins-Leben-geworfen-seins". Mehr noch: wir haben dies alle erfahren! Arbeiter und Baiern, Deutsche, Russen und Amerikaner, Revolutionäre und Reaktionäre, Begeisterte und Indifferente – jeder Mensch der Gegenwart hat etwas vom Getriebenwerden im Leben zu spüren bekommen. Glück und Unglück traten an uns heran, so Unabänderlich und eigenwillig wie die Schicksalsgöttinnen der Alten. Und doch erkannten wir zuletzt hinter alledem eine deutlich wahrnehmbare, unerbittliche Folgerichtigkeit, die unser blindes und bewußtloses Tun (denn als solches stellte es sich bald heraus) in eine bestimmte Linie zu bringen schien. Und so entstand im modernen Menschen jenes Gefühl der Hilflosigkeit, des Verlorenseins, des Getriebenwerdens, das selbst einem so unbekümmert, dem Ideal des praktischen Massenglücks optimistisch lebenden Volke wie dem amerikanischen in seiner Literatur in der überraschenden Vision Thomas Wolfes vom "Lost american in this great fest country" entgegentrat. In diesem Gefühl der Hilflosigkeit aber scheint das Motiv Gottes in der modernen Welt verborgenzu sein. Warf doch vorahnend schon Rilke in einem Brief von 1915 die Frage auf: "Wie ist es möglich, zu leben, wenn doch die Elemente dieses Lebens uns völlig unfaßlich sind?" Jedesmal, wenn wir überhaupt in den Wirrsalen unseres furchtbaren Lebens an Gott dachten, schien es uns schwer und dennoch notwendig, seine Gerechtigkeit als Gegensatz zu der uns so maßlos umstrickenden Schuld zu begreifen. Wir glaubten jedesmal, seine Gerechtigkeit als Widerpart zu der – Ungerechtigkeit, in der wir ausweglos zu leben gezwungen sind, fühlen zu müssen. Und dann, gab uns gerade das Wissen um unser Geworfenwerden das Gefühl, daß jeder unserer Schritte verloren sei, daß jeder Schritt – so gerecht er uns im Augenblick des Tuns scheinen mochte und so seit er vielleicht auch von allen sittlichen Bereichen des Augenblicks zu rechtfertigen war – doch ausweglos zur Ungerechtigkeit führte. Da kam uns wohl allen eine furchtbare Einsicht, die uns aus den dunklen Räumen des Alten Testaments ins Herz sprang: die Einsicht, daß Gott es ja sein muß, der "unseren Steig verkehrt", daß er es ja sein muß, der "uns geführt hat und hat um lassen gehen in die Finsternis". Gott selbst also war der Geier, der über den blutbedeckten Federn und über den von uns erschlagenen Brüden schwebte! So stieg eine echte Verzweiflung an Gott in uns auf, die Einsicht in sein böses – Spiel mit uns, in die vollkommene Paradoxie seiner, uns umgebenden Logik. Was blieb uns noch in der Furchtbarkeit unseres Lebens? Entweder die völlige Lossagung von ihm oder die volle Anerkennung dessen, was wir die "Sinnlosigkeit" Uni die "Bosheit" seiner Menschenführung nannten, Die Starken im Glauben nahmen diese Anerkenntnis auf sich. Aber was war deren Hoffnung? Ihre Hoffnung war die des großen Paradox der Heilsbotschaft, daß wir, je tieferuns Gott ausweglos in die Sünde verstrickt und unsere Selbstgerechtigkeit zerschlägt, desto wilder, verzweifelten und dringlicher auf seine Gnade bauen müssen. Gott entfernt uns so unendlich weit von sich, daß der endliche Moment seines Kommens wirklich die unendliche Spanne seiner Gnadeaugenfällig erweist. Bei alledem aber ist das Bewußtsein der ausweglosen Schuld die Ursorge des religiös, empfindenden Menschen von heute. Unter den göttlichen paradoxen Determinismus Unter der moderne Mensch wie Jeremias, stöhnt der moderne Mensch wie Paulus: "Denn was ich liebe, das die ich nicht, nur was ich "Denn das tue ich."

Gerade die Figur des heiligen Paulus gibt das rechte Bild für die heutige Lage der Christen. Denn bei Paulus, dem jüdischen. Theologen seiner jüdischen Nationalkirche, trat die Gnade Gottes – wie uns das Damaskus-Wunder zeigt – mit der zerstörerischen Schärfe einer einschlagenden Granate in sein heißes und eiferndes Leben. Das, was er für Gerechtigkeit gehalten hatte, erkannte er jetzt als Todsünde, "so daß er nicht mehr sehen konnte". Gerade, indem er sicher gewesen war, für Gott zu kämpfen, hatte er gegen ihn gekämpft; gerade, indem er den Feind Gottes hatte, schlagen wollen, hatte er Gott selbst verwundet. Hier, bei Paulus schon, erscheint dieser – nach menschlichen Maßen – unverständliche Gott, den wir Heutigen in eiliger und merkantiler Anraffung der gelegentlichen Gnadenversprechenin der Heilsbotschaft vergessen hatten und über den sich die Theologen der liberalen Kirchen so eilig hinweggesetzt haben. Das ist aber gerade der Gott, von dem das Alte Testament im Buch Hiob und indem Buch des Propheten erzählt. Und nicht umsonst rückt uns heute das Alte Testament so ins Bewußtsein. Ja, es ist eine angstvolle Neugier, die diese moderne Entdeckung des Alten Testaments begleitet. Und dies scheint sicher: Der Gott des Alten Testaments und die paulinische Situation, in der sich der Mensch heute befindet, können allein der Ausgangspunkt einer neuen Entwicklung des christlichen Denkens sein!

Die strenge Theologie des neuen Protestantismus und die Gesinnung der Bekenntniskirche können heute am Beginn einer wunderbaren Leistung stehen. wenn es ihnen gelingt, unsere existentielle Furcht zu einer Gottesfurcht zu machen. Denn dies ist die heutige Situation: Wir sind alle unter-das Zorngesicht Gottes, geraten, wie dies schon die – Herzensangst Luthers und die tiefe Sorge Kierkegaards war,

Die liberale Theologie der letzten Jahrzehnte indessen hatte aus den Lehren der Evangelien einen, sehr praktischen/Gott entwickelt, der das Leben, einer fortschrittbewußten Zeit in praktischer Hilfestellung begleitete und einen im schönsten Sinne "erfreulichen" Anteil an der menschlichen Existenz nahm. Die reine Heils- und. Erlösungsbotschaft stand dabei in so naher, absolut menschlicher Perspektive vor dem gläubigen; gottvertrauenden, und gottvertraulichen Menschen, daß jenes andere Bild Gottes, das doch düster im Pathos des Alten Testaments lauerte, dem zu nahsichtig auf die praktische Erlösung gerichteten Auge nicht mehr sichtbar war. In der Erwartung schneller Gnade verdämmerte die drohende Ge- – wißheit von Gottes Gerechtigkeit. Bis schließlich ein angstvolles Bewußtsein entstand und sich von Jahr zu Jahr vertiefte, daß das scheinbar so offenstehende Tor zur Gnade geradenwegs in die Gerichtszone eines zürnenden Gottes führt.

Heute erhebt sich vor den Menschen das Bild der Heilsbotschaft wie eine letzte, unendlich ferne Vision. Und ein unfaßbar harter Gott, der echte Vater Christi, ist in den Vordergrund getreten, Gottvater, der in seiner grausamsten Paradoxie seinen sündefreien Sohn an das Kreuz brachte zur Erlösung jener Menschen, die er selbst in seiner Freiheit rundum von tödlicher Sünde umgab, denen er die lautere Bemühung unter der Hand zur Sünde verkehrte. "Denn was ich liebe, das tue ich nicht, und was ich hasse, das tue ich." So kann es heute kein anderes Gebet vor diesem Gott geben, als des Paulus "unaussprechliches Seufzen": – "Ach, ich elender Mensch!" Und es kann kein anderer Ruf und keine andere Bitte sein, als die des Psalmisten;