Von Hans-Achim Dewitz

Es scheint der Menschheit die glückliche Gabe, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, nicht verliehen zu sein. Nicht nur die Politiker, sondern auch die Volkswirte der Welt beweisen dies immer wieder von neuem. Haben sie doch nicht zu lernen vermocht aus der Tatsache, daß die Vereinigten Staaten in wenigen Jahrzehnten als Folge gewaltiger Abholzungen ein Drittel ihrer gesamten landwirtschaftlicher, Nutzfläche verloren haben. Es sind über eine Million Quadratkilometer durch Bodenerosion, reißende Fluten, Hochwasser und Fortschwemmung von Humuserde, Staub- und Sandstürme und Senkungen des Grundwasserspiegels in Steppe und Wüste verwandelt worden., aber es hat den Anschein, als habe es den Bewohnern dieses Planeten noch nicht genügt, daß aus ähnlichen Gründen in früheren Jahrhunderten die Wüsten ganz Norddafrikas des Vorderen Orients, Innerasiens und Chinas oder die Steppen am Don und an der Wolga entstanden sind. Wird die moderne Selbstherrlichkeit nicht stutzig bei der Beobachtung, daß die Technik es bis in die neueste Zeit nicht vermocht hat, auch nur ein einziges dieser Gebiete – von lokal begrenzten Fällen abgesehen – in fruchtbares Land zurückzuverwandeln? Ist, um von Deutschland zu sprechen, die Tatsache nicht deutlich genug, daß auf dem Raum der heutigen Wanderdünen den Kurischen Nehrung noch vor 300 Jahren, zur Schwedenzeit, Wälder standen, wie heute nur noch im Norden der Nehrung? Kann Europa es sich leisten, in Deutschland die sicheren Voraussetzungen für eine Versteppung zu schaffen., nur um während weniger Jahre eine ins Sinnlose übersteigerte Holzausbeute durchführen zu können?

Seit Monaten erheben sich, aus Deutschland immer dringlicher die Stimmen der Warnung vor einer Fortsetzung der gegenwärtigen Abholzungspolitik. Bisher vergeblich Ihr erstaunliches Echo bestand darin, daß der Vorsitzende des britischen Holzhändlerverbandes, Harold Wrigh, erklärte, er nehme an, daß "niemand in diesem Lande durch diese Krokodilstränen gerührt wird," und daß die deutschen Wälder auf viele Jahre hinaus durchschnittlich 200 Millionen Kubikfuß Nadelschnittholz jährlich für Großbritannien leisten müßten. Dies sei. der einzige Weg, um den britischen Holzhandel bei leidlicher Gesundheit zu halten. Es ist eben ein entscheidender Unterschied, ob man im Walde nur das Handelsobjekt in Schnittholz sieht oder den lebendigen und unentbehrlichen, weil entscheidenden Ordner im Wasserhaushalt der Natur. Bodenbeschaffenheit und Klima, Landwirtschaft und Industrie werden gleichermaßen berührt, wenn die Funktionen des Waldes durch Abholzung erlöschen. Die Niederschlagsmenge, die durch den Wald verursacht und beeinflußt wird, geht zurück. Gleichzeitig versickert natürlich weniger Wasser im Boden. da die Verdunstung, wie Versuche bewiesen, haben, auf freiem Felde das Sechsfache der im Walde stattfindenden Verdunstung beträgt. Der Wald wirkt wie ein Schwamm, der in niederschlagsreichen Zeiten die Wassermengen aufsaugt, um sie in trockenen Perioden wieder abzugeben. Ein Fortfall dieses Versickernngs- und Aufsaugungsprozesses beraubt die Natur ihres Regulativs; die Niederschläge verursachen Bodenfortschwemmungen. Flußrandverwüstungen und Hochwassergefahr, während in den folgenden trockenen. Perioden eine empfindliche Unterbilanz an Wasser auftritt. Sie kann kritisch werden, wenn nun noch, wie bereits im Gebiet des Niederrheins, eine Senkung des Pegelstandes der Flüsse eintritt. Die notwendige Folge, der Entwaldung ist immer ehe Senkung des Grundwasserspiegels, die dann die Ausgleichsstörung in der Wasserverteilung des Bodens ebenso anzeigt, wie das aus den gleichen Gründen eintretende Ansteigen des Wasserspiegels in anmoorigem Boden.