Für die Tonne geförderter Steinkohle sind nach den Angaben des Ruhrverband-Ruhrtalsperrenvereins nicht weniger als 2,5 cbm Wasser erforderlich. Die gesamte Rhein-Ruhr-Industrie steht und fällt mit ihrer Wasserversorgung, Sie benötigt für die Tonne Koks 5 cbm, für die Tonne Roheisen 10 bis 22 cbm und für die Tonne synthetischen Treibstoffes sogar 75. bis 95 cbm Wasser. Für diese Wasserversorgung ist der Rhein unerheblich. Das von Westen nach Osten auf 100 km sich erstreckende Kohlengebiet stößt nur mit wenigen Kilometern an ihn. Als Abwässern fluß fällt auch die Emscher hierfür aus, desgleichen der Lippefluß wegen seines hohen Salzgehaltes, So muß fast der gesamte Bedarf des Ruhrgebietes für Industrie und Bevölkerung aus dem Niederschlagsgebiet der Ruhr selbst mit nur 4489 qkm entnommen werden. In Jahren guter Produktion stieg die Wasserentnahme aus der Ruhr auf eine Milliarde cbm im Jahre an, von der fast die Hälfte in das Emscher- und Lippegebiet übergepumpt wurde oder anderweitig verlorenging. Ermöglicht wurde – und dies eben weiß die Welt nicht – eine regelmäßige Wasserversorgung des Ruhrgebietes nur infolge der Speicherung der Winterniederschläge durch die umfangreichen Waldgebiete am Oberlauf der Ruhr, die eine ausreichende Wasserführung der Ruhr in den Sommermonaten sicherten, indem ihr Laub- und Fichtenwaldboden sich in den Regenzeiten vollsog und durch langsame Versicherung das gespeicherte Wasser im Sommer an den Fluß abgab. Nach Angaben des Ruhr Verbandes entsprechen nur 100 mm Niederschlag bereits einer gespeicherten Menge von 230 Mill. cbm Wasser. Trotz der ausgleichenden Rolle der Wälder schwankt jedoch die Wasserführung der Ruhr immer noch zwischen 2200 cbm in der Sekunde bei Hochwasser und einer niedrigsten natürlichen Wasserführung von nur 6, cbm in der Sekunde in trockenen Sommermonaten. Man sah sich daher veranlaßt, die ausgleichende Wirkung des Waldes zu ergänzen durch den Bau von Talsperren, von denen, gegenwärtig zwölf mit einem Gesamt-Stauraum von 263 Mill. cbm vorhanden sind. Dennoch ist nach Ansicht der Fachkreise auch unter voller Berücksichtigung der Speicherfähigkeit der Ruhrwälder der gegenwärtige Talsperrenraum nicht mehr ausreichend, um eine gleichmäßige Deckung des Wasserbedarfs des Ruhrkohlenbergbaus auch in trockenen Zeiten und bei steigender Industrietätigkeit zu gewährleisten. Ein-weiterer Abbau der Ruhrwälder würde für den Wasserhaushalt des Industriegebietes die verhängnisvollsten Folgen haben. Nicht mit Unrecht hat eine Denkschrift des Ruhrverbandes an die Militärregierung daher die Ruhrwälder als den "Wasserturm des Ruhrkohlenbergbaus" bezeichnet und vor einer Verminderung dieser Wälder gewarnt.

In diesem Bilde deutscher, ja kontinentaler Gefahren der Waldverwüstung dürfen auch beginnende Austrodknungserscheinungen – von Flüssen nicht übersehen werden. Der Düsseldorfer Pegel des Rheins, der noch in den Jahren 1907 bis 1916 ein Jahresmittel von 2,72 in zeigte, verzeichnete den Jahren 1927 bis 1936 nur noch 1,82 m und 19.41 bis 1946 sogar nur noch 1,38 m als Jahresmittel. Ja, in nicht weniger als acht der letzten 26 Jahre haben sich sogar Austrocknungsperioden des Niederrheins gezeigt, die den Pegelstand bis auf 0,74 m und 0,68 m, ja selbst bis auf 0,45 m zu drücken vermochten, Das an der Rheinschiffahrt interessierte westeuropäische Verkehrssystem kann von der Fortsetzung einer solchen Entwicklung nicht unberührt bleiben.

Die British Federated Home Timber Association fordert für viele Jahre eine jährliche deutsche Leistung von 200 Mill. Kubikfuß oder 5,6 Mill., Kubikmeter Nadelschnittholz (Timber). Da diese Leistung an England infolge der anderweitigen Inanspruchnahme – der übrigen Zonen praktisch Von der britischen Zone so gut wie allein getragen werden müßte, und da es sich bei den geforderten Stammstärken allgemeinen um mindestens 80jährige Bestände handelt, ist die Rechnung einfach und bitter genug. Von dem 1944 noch verzeichneten Vorrat der heutigen britischen Zone an altem Nadelholz von etwa 18 Mill. fm (Festmeter) sind durch Krieg und Einschläge der letzten Jahre rund 5 Mill. fm verschwunden. Die restlichen 13. Mill. fm enthalten rund 10 bis 11 Mill. fm Stammholz, das bei 60prozentiger Ausnutzung etwa 6 Mill. cbm Schnittholz (timber) liefern würde. Dieser Vorrat würde also bereits in einem einzigen Jahre durch die britische Forderung von 5,6 Mill. cbm so gut wie erschöpft. Daß die Entfernung der alten Bestände und das Verbleiben von nur jungen Beständen etwa im Harzgebiet z. B. zu einer Beschleunigung der Schneeschmelze infolge verringerten Schattenschutzes führen, damit aber die Hochwassergefahr im Frühling erhöhen, das Versickern im Sommer verringern würde, ist eine landwirtschaftliche Binsenwahrheit.

Bedrohter Wiederaufbau

Für die Engländer selbst aber ergibt sich eine sehr viel aktuellere Konsequenz. Die Vernichtung der Nadelholzbestände der britischen Zone (und jeder anderen Zone desgleichen) würde den Bevin-Plan unmittelbar vereiteln, demzufolge die deutsche Wirtschaft so wieder aufgebaut werden soll, daß sie die Einfuhr von Rohstoffen und Nahrungsmitteln selbst bezahlen kann. Deutschland ist das zerstör-, teste Land Europas. Allein, in der britischen Zone würde der Bau oder die Wiederherstellung von 2,9 Millionen zerstörter oder beschädigter Wohnungen 15. Mill. cbm Sageholz erfordern. Ein volles Drittel dieser Menge würde allein in einem einzigen Jahre verbraucht sein, wenn die britische Exportförderung befriedigt würde. Noch dazu in der dem Bevin-Gedanken völlig widersprechenden unrationellsten Form des Exports, indem das Holz als Rohstoff ausgeführt wird, anstatt als Fertigware (Möbel usw.) oder als Halbfabrikat (Bretter, Furniere) ein Vielfaches an Devisen zu erbringen. Äußerst ungünstig für den Ausnutzungsgrad haben sich bereits die sehr rohen Hiebmethoden der vielfach (vor allem im Harz) herangezogenen kanadischen Holzfäller sowie die Eigenarten der transportablen britischen Sägen (zu breite Zähne) ausgewirkt, die die Ausbeute vielfach auf 40 v. H. herabminderten.

Noch katastrophaler-, für den deutschen Holzbestand wurde die Brennstoffpolitik des letzten Jahres, nachdem, die Militärregierung verordnet hatte, daß die Kohle zwecks Steigerung des Kohlenexports nicht für den Hausbrand verwandt werden dürfe, sondern dieser ausschließlich durch Holz und Torf zu decken sei. Dies führte zu der verhängnisvollen Folge, daß nicht weniger als 7 Mill. fm Nutzholz zusätzlich zu den 3 Mill. fm echten Brennholzes geschlagen wurden, darunter nicht weniger als ein Zwanzigstel des gesamten Vorrats der britischen Zone an über 40jährigem Holz. Allein im Hamburger Stadtwald beispielsweise ist ein Zehnfaches des jährlichen Zuwachses geschlagen worden, und im Sachsenwald hat die amtliche Einschlagsauflage neben dem wilden Einschlag der frierenden Bevölkerung viele Kahlschläge geschaffen. Von dem in der britischen Zone vorhandenen gesamten Holzvorrat von 160 Mill. im sind im Jahre 1946 18 Mill. fm geschlagen worden, und zwar 8 Mill. fm Nutzholz und 10 Mill. Im Brennholz, so daß allein in einem Jahr der Holzbestand um 11 v. H. vermindert worden ist. Deutlicher kann das Prinzip des Raubbaues kaum zutage treten. Die frühere Behauptung Minister Hynds, der Abbau der deutschen Wälder betrage nicht mehr als 2 v. H., ist durch die Tatsachen längst widerlegt.

Leider jedoch ebenso die Erklärung Bevins vor dem Unterhaus, daß die Wiederaufforstung "in der üblichen Weise" berücksichtigt und vorgenommen werde. Wir sind im Besitz der Unterlagen auf einem Forstrevier, wo durch britischen Truppeneinschlag trotz deutscher Vorstellungen und Berufungen auf amtliche Zusicherungen täglich über 200 fm 115jährige anerkannte Kiefernsaatgutbestünde ohne Beladung von Überhältern kahlgeschlagen werden.

Wenn trotz aller immer dringender ausgesprochenen deutschen Warnungen die Holzexporte der britischen Zone nach Angaben der North German Timber Control von 77 836 cbm im März, 10? 653 cbm im April und 119 356 cbm im Mai auf 151 364 cbm im Juni angestiegen sind, und wenn hierbei, wie das erwähnte Saatgutbeispiel zeigt, sogar die Reserven der Wiederanpflanzung nicht geschont werden, so ist es schwer, sich dem Eindruck zu entziehen, als werde hier wieder einmal eine Gefahr, verkannt, die eines Tages zu einer europäischen werden kann.