Von Adolf Oehme, Voigtländer & Sohn A. G.

Deutsche Kameras sind in der Welt immer beliebt gewesen. Sie wurden vor dem Kriege nach nahezu, allen Ländern der Erde exportiert. Der Wert dieses Exports belief sich 1938 auf rund 31 Mill. RM, wobei mehr als 40 v. H. der Produktion ins Ausland verkauft wurden. Auf den Gebieten der hochwertigsten und der mittleren Kameras war der deutsche Vorsprung unbestritten. Sie galten hinsichtlich der Präzision der Mechanik, der Zweckmäßigkeit von Form und Bedienung, dem gefälligen Äußeren und nicht zuletzt der Leistungsfähigkeit ihrer Objektive als unübertroffen. Nach diesem Kriege, hat man in verschiedenen Ländern, wo früher Kameras nicht oder nicht in bedeutendem Umfange hergestellt wurden, angefangen, eine eigene Industrie aufzubauen, in anderen Ländern, in denen schon früher in größerem Umfang Kameras hergestellt worden sind, wird diese Produktion stark erweitert. Die deutsche Kameraindustrie wird also in Zukunft erheblich mehr als früher mit ausländischer Konkurrenz zu rechnen haben. Wie sind unter-diesen Umständen die Aussichten des deutschen Kamera-Exports?

In diesem Zusammenhang ist darauf einzugehen, wie es überhaupt dazu gekommen ist, daß Deutschland auf diesem Gebiet eine ausgesprochen führende Rolle einnehmen konnte. Feinmechanische und optische Präzisionsinstrumente sind in Deutschland schon seit vielen Generationen in anerkannter Güte hergestellt worden. In den wichtigsten Standorten dieser: Produktion, wie zum Beispiel Jena, Berlin, Dresden, Rathenow, Braunschweig, Wetzlar, München u. a. haben sich Interesse für diese Arbeit, Geschicklichkeit und Erfahrung immer wieder vererbt, so daß die führenden Firmen über einen hervorragenden Stamm von Facharbeitern und Techniken verfügten. Aber nicht nur für die Fertigungsfachleute ist die traditionsgewachsene Qualitätsleistung wichtig, sondern in gleicher Weise für die Konstruktions-Ingenieure und Wissenschaftler, die an der Entwicklung feinmechanisch-optischen Geräte maßgeblich mitarbeiten. Die deutsche Industrie verfügt auf diesem Gebiet über die besten Spitzenkräfte der Welt. Die wissenschaftlichen Entwicklungsarbeiten an optischen Hochleistungssystemen nehmen viele Jahre in Anspruch, und Voraussetzungen für Spitzenerfolge, speziell auf diesem Gebiet, sind neben hohem fachlichem Können, umfassenden Erfahrungen und traditionsbedingtem Fortschrittswillen auch Systematik der Arbeit, Gründlichkeit und Geduld: Eigenschaften, über die der deutsche Mensch verfügt. Wichtig war auch, daß die Kameraindustrie im deutschen Publikum, das sich auf breiter Basis immer für die Fotografie interessierte und sich, gerade auch für ihre ideellen und kulturellen Werte begeisterte, einen anspruchsvollen (was sehr wichtig ist!) und dankbaren Markt besaß. Aus diesem großen und mit steigender Lebenshaltung wachsenden Kreise inländischer Abnehmer kamen immer wieder Anregungen zu Verbesserungen und Neuerungen, ohne die eine erfolgreiche Arbeit der Konstrukteure, optischen, Rechner und Erfinder auf die Dauer nicht möglich ist.

Das führte auch dazu, daß auf dem Gebiet der lichtempfindlichen fotografischen Artikel (Platten, Filme, Papiere) in Deutschland hervorragende Qualitäten erzeugt wurden, die auch ihrerseits eine große Exportbedeutung hatten. Ohne dieses Interesse des deutschen Publikums und ohne einen großen Inlandsmarkt hätten sich weder die deutsche Kameraindustrie noch die deutsche ferochemische Industrie so hervorragend entwickeln und die Exportbedeutung gewinnen können, die sie vor dem Kriege tatsächlich gehabt haben. Wenn auch zur Zeit von einer Tätigkeit des deutschen Fotoamateurs wegen des Mangels an Kameras und Fotomaterial kaum die Rede sein kann, so ist doch festzustellen, daß das Interesse des Publikums an der Fotografie nicht nachgelassen hat. Im Gegenteil, es hat wahrscheinlich sogar noch zugenommen. Die grundsätzliche. Voraussetzung weiterer Erfolge, ein eigenem an der Entwicklung der Kameraindustrie interessierter Markt, ist also gegeben.

Man hört heute wenig von Kameraneuheiten. Das ist verständlich, wenn man bedenkt, daß der deutsche Erfinder zur Zeit schutzlos ist. Wenn deutsche Erfindungen erst wieder vollgültig geschützt werden können, dann wird die deutsche Kameraindustrie auch wieder Neuheiten auf den Markt bringen, die ihre Wettbewerbsfähigkeit und ihre Erlöse entsprechend steigern werden. Es kann sogar angenommen werden, daß sich in den letzten Jahren ein reicher Fundus von Erfahrungen und Erfindungen bei den deutschen Erfindern angesammelt hat, der nur darauf wartet, realisiert zu werden.

Eine größere Zahl bedeutender deutscher Kamerafabriken lag in der jetzt sowjetischen Zone, über deren heutige Leistungsfähigkeit nur ungewisse Nachrichten vorliegen. Diese Werke, auf die vor dem Kriege ein großer Teil der deutschen Kameraproduktion entfiel, fallen heute wegen Kriegsschäden, Demontagen, Personalausfällen und Auslands-Dienstverpflichtung führender Fachleute, weitgehend aus. Aber die westlichen Zonen besitzen eine genügende Kapazität, um auch in Zukunft größere Leistungen zu erreichen, zum Beispiel Leitz in Wetzlar, Zeiß-Ikon und Kodak in Stuttgart, Agfa und Linhof in München, Robot in Düsseldorf, Franke & Heidecke und Voigtländer in Braunschweig und andere. Die Leistung aller dieser Firmen leidet allerdings zur Zeit noch unter den allgemeinen Verhältnissen: also. Unterernährung der Belegschaft, Mangel an Strom und Kohle, ferner unter der Schwierigkeit, gewisse Rohmaterialien und Betriebsmittel in der notwendigen hohen Qualität zu bekommen und unter dem Mangel an Facharbeitern und Hilfskräften. Die geringe Leistungsfähigkeit der Belegschaften, infolge Unterernährung und geringem Anreiz des Reichsmarklohnes, ist vielleicht das wichtigste Hindernis, das einer Entfaltung der Produktion im Wege steht. Der geringe Kostenanteil des Rohmaterials, von nur rund 10 v. H. wurde bisher immer als ein großer Vorteil dieser Industrie angesehen. Daß aber die vielen Menschen, die zur Erzeugung solcher Geräte nun einmal erforderlich sind, heute nur 50 v. H. von dem leisten können, was sie beispielsweise 1938 geleistet haben, muß sich nicht nur auf die Herstellungskosten, sondern auch auf die Produktion und damit auf das Volumen und den Devisenerlös des Exportgeschäftes auswirken. Wenn es möglich wäre, dies Belegschaft an einer Steigerung der Produktion unmittelbar zu interessieren, so würde auch unter den augenblicklichen ungünstigen Umständen die Produktion und damit der Export wahrscheinlich erheblich, gesteigert werden können.

Diese Schwierigkeiten sind dem Ausland und den dortigen Konkurrenzunternehmen wohlbekannt, und man versucht auch, aus der Situation Nutzen zu ziehen. Der Chefredakteur einer bekannten nordamerikanischen Foto-Zeitschrift hat kürzlich in einem Leitartikel zu der Frage Stellung genommen: "Werden die deutschen Kameras wiederkommen?" Er ist zu folgendem bemerkenswerten Ergebnis gekommen: "Sie werden wiederkommen. Die Qualität der deutschen Kameras hat nicht nachgelassen! Aber es wird einige Jahre dauern, bis sie wieder in größeren Mengen zur Verfügung stehen werden. Die amerikanische industrie sollte die ihr voraussichtlich zur Verfügung stehende Spanne Zeit ausnutzen, und auch der amerikanische Handel sollte sich in dieser Zeit auf die nur zur Verfügung stehende amerikanische Produktion einstellen."