Bleibe im Lande und nähre dich redlich so sagte man in früheren Jahren, die in der Rückschau gern als "die gute alte Zeit" bezeichnet werden. Heute klingt dieser biedere Spruch für uns schon deshalb nicht recht zeitgemäß, weil man "im Lande" nur noch redlich hungern, aber sieht mehr sich redlich nähren kann. Und ganz allgemein sind die deutschen "Rationen" an Lebensglück und Lebensharmonie, an Sicherheit und Freiheit, an Arbeitsfreude und Zukunftshoffnung auf einen Hungerstandard abgesunken. Alles fehlt, was zur Atmosphäre des Sich – redlich – Nährens gehört, und das führt zu dem Verlangen, eben nicht "im Lande zu bleiben", sondern zu entfliehen, so schnell wie möglich und so weit fort wie möglich.

Es mag stimmen, daß Deutschland sehr bald menschenleer wäre, wenn sich die Tore des deutschen "Gettos" wirklich öffnen würden. Und es trifft sicher zu, daß es mehr Auswanderungslustige als Bleibewillige bei uns gibt, besonders unter den jüngeren Menschen. Der Auswanderungsdrang ist eine unbezweifelbare seelische Wirklichkeit in Deutschland. Wer von ihm erfaßt ist, der steht nur noch mit einem Fuß im Lande, lebt nur noch mit halbem Herzen im Lande. Das führt bei unzähligen Existenzen zu einer seltsamen Vorläufigkeit und Planlosigkeit, zu einer, Stimmung, daß sich hier nichts mehr so recht lohne, weil man Ja doch nicht bleiben wolle und werde. Wenn zu dem ohnehin in unseren Verhältnissen liegenden "von heute auf morgen" noch dieses subjektive "von heute auf, morgen" hinzukommt, so ist das eine sehr ernst zu nehmende Sache,-ein Lähmungszustand, der jede Vorwärts- und Aufwärtsentwicklung beträchtlich erschweren muß.

Bei dieser Lage müssen zwei Fragen ernsthaft, geprüft werden. Die erste lautet: Ist eine Massenauswanderung aus Deutschland notwendig, sinnvoll und überhaupt möglich? Die zweite heißt: Ist die Spekulation des einzelnen Deutschen auf ein Auswanderungsglück vernünftig und berechtigt?

Durchaus ernsthafte Menschen vertreten in Deutschland die Überzeugung, daß Massenauswanderung den einzigen Ausweg – aus unserer Not bedeutet. Sie glauben nicht, daß wir die Ostgebiete zurückerhalten werden. Sie halten es auch nicht für möglich, den deutschen Warenexport so zu steigern, daß der Erlös genügen würde, um die notwendigen Einfuhren an Lebensmitteln und Rohstoffen zu bezahlen. Das veranlaßt sie zu der Schlußfolgerung, daß der Übervölkerung in Restdeutschland einzig und allein durch einen Minschenexport großen Stils Beizukommen ist. Hierbei muß man sich zunächst einmal die Größenordnungen klarmachen, Deutschland wird seine Agrarerzeugung im Laufe der nächsten Jahre kaum über 1300 Kalorien je Tag und Kopf der Bevölkerung steigern können. Zur ausreichenden, die Arbeitskraft erhaltenden Ernährung braucht man 2600 Kalorien, also genau das Doppelte. Mit Rationen von 2600 Kalorien können wir daher aus eigener Kraft in absehbarer Zeit nur die Hälfte der siebzig Millionen Deutschen ernähren. Das würde bedeuten, daß wir fünfunddreißig Millionen Menschen exportieren müßten, um bei einem Verzicht auf Lebensmitteleinfuhren Rationen von 2600 Kalorien je Tag und Kopf garantieren zu können. Selbst Wenn wir uns darauf einstellten, 80 v. H. selbst zu erzeugen und 20 v. H. einzuführen, so könnten wir immer noch nicht mehr als vierundvierzig Millionen Menschen versorgen, was bedeuten würde, daß sechsundzwanzig Millionen auszuwandern hätten.

Das sind die Größenordnungen, um die es sich handelt. Und nun muß noch der Zeitfaktor berücksichtigt werden. Wenn wir überhaupt "über den Berg" kommen sollen, so ist Eile dringend geboten. Bei einer auf zwanzig oder noch mehr Jahre verteilten Auswanderung wären, wir längst verhungert, bevor das Gleichgewicht erreicht ist. Die physische Substanz des deutschen Volkes ist nur zu retten, wenn in spätestens fünf Jahren eine ausreichende Nahrungsversorgung sichergestellt ist, Will man dieses Ziel mit dem Mittel der Massenauswanderung erreichen, so müßten während der nächsten fünf Jahre jährlich fünf bis sieben Millionen Menschen Deutschland verlassen. Solche Zahlen sind aber völlig illusorisch. Bis auf geringfügige Ausnahmen, die für nächste Verwandte Geltung haben, Ist die Auswanderung seitens der Besatzungsmächte noch völlig gesperrt. Sie müßte also aus dem Nichts in Gang gebracht werden. Das bei weitem größte Auswanderungsabkommen der Nachkriegszeit sieht vor, daß 200 000 Italiener im Jahre 1947 als Arbeiter nach Frankreich gehen sollen. Eine argentinisch – italienische Abmachung: betrifft die Auswanderung von 60 000 Italienern jährlich nach Argentinien. Wir sind von derartigen Verträgen Doch sehr weit entfernt. Und auch bei den meistzitierten Einwanderungsländern – Südafrika und /Australien – handelt es sich um relativ sehr niedrige Zahlen.

Als eine ernsthafte Lösung des deutschen Problems kommt also die Massenauswanderung überhaupt nicht in Frage. Es ist immer noch sehr Viel wahrscheinlicher, daß wir innerhalb der nächsten fünf Jahre die Ostgebiete zurückerhalten oder einen Export von fünf bis sechs Milliarden Mark jährlich erzielen, als daß fünfundzwanzig oder gar fünfunddreißig Millionen Deutsche auswandern. Denn das ist nicht nur unwahrscheinlich, sondern ganz und gar unmöglich. Die Zahlen machen aber auch klar, daß eine Auswanderung Von zwei oder drei Millionen Menschen an unserer (Übervölkerung und unserer Ernährungsnot nur Behr wenig ändern würde. Sollen wir uns trotzdem auf den Standpunkt stellen, daß jede Erleichterung Richtig ist und daß daher jede, auch die kleinste Auswanderung gefördert werden muß?

Das wäre eine Fehlrechnung. Eine Auswanderung Kleineren Umfangs wäre für Deutschland kein Vorteil, sondern ein sehr erheblicher Schaden. Wir haben nach, der letzten Volkszählung 7,3 Millionen mehr Frauen als Männer. Selbst nach Rückkehr der Kriegsgefangenen wird ein Frauenüberschuß von annähernd fünf Millionen verbleiben. Bei den Jahrgängen zwischen zwanzig und vierzig ist das Mißverhältnis geradezu ungeheuerlich Entsprechend hat sich aber die gesamte Bevölkerungsstruktur verändert. Auf den Mann im besten Arbeitsalter kommt heute – von den Frauen der gleichen Altersklasse ganz abgesehen – ein sehr viel höherer Prozentsatz von Arbeitsunfähigen – alten Menschen, Kindern, Kriegsversehrten – als vordem Kriege. Und ganz unabhängig vom Wirtschaftssystem verhält es sich so, daß das Sozialprodukt von den Arbeitsfähigen erarbeitet wird und daß die Arbeitsunfähigen aus ihm mitversorgt werden müssen. Diese Hypothek, mit der die Arbeit belastet wird, ist heute unvergleichlich viel höher als in normalen Zeiten. Nun sind es aber gerade die jüngeren Männer, für deren Arbeitskraft das Ausland Interesse hat. Nehmen wir einmal an, wir würden durch Auswanderung weitere zwei Millionen Männer der arbeitsfähigen Jahrgänge einbüßen, so wäre das ein ganz untragbarer Verlust; da die Arbeitsbasis unserer ganzen Volkswirtschaft bereits jetzt viel zu schwach ist und keine weitere Schwächung verträgt.