Von Jan Molitor

Alle haben den Besucher, der gekommen war, mit einem Auge nach der Ernte und mit dem anderen ein bißchen nach der – Bodenreform zu sehen, fragend angeschaut, nachdem sie sich eine Weile – jeder in seiner Weise – mit ihm unterhalten hatten, und einige, haben auch geradezu gefragt, mit gewissem Stolz gefragt, wie ihm das Gut gefiele. Offen gestanden: mir gefallen die großen Güter alle nicht besonders. Aber das ist eine persönliche Ansicht. Wenn ich einen Gutsbesitzer hoch zu Roß sehe, wie er über die großen Schläge von Horizont zu Horizont reitet, quer über die Felder, und Äcker, wo die gebildeten Kolonnen arbeiten, kurz aufschauen und an der Mütze rücken – schön im Film gefällt mir das nicht. Wie sollte dies auch einem Menschen gefallen, der gewöhnt ist, weder zu befehlen noch zu gehorchen? Doch davon abgesehen! es war ein schönes Gut, 3500 Morgen groß, davon 2000 Morgen Ackerland und 1500 Morgen Grünland und Weiden. Ganz in der Nähe liegt das nette holsteinische Städtchen Neustadt, wo einige Eisenbahner wohnen, die insoweit an dem Gute interessiert sind, als sie seit Jahren schon einen erklecklichen Streifen gutseigenen Ackerbodens am Stadtrand als Gartenland bebauen, wofür sie, wenn ich nicht irre, keinen Pfennig, oder, wenn ich mich irre, nur sehr wenige Pfennige Pacht zahlen. Zugegeben: so großzügig wäre ein Bauer nicht und könnte es wohl auch nicht sein, aber dem Gut macht das nichts aus: es ha ja auch den Flüchtlingen Gartenland gegeben, auch daß sie nicht verhungern in harter Sommerszeit

Erinnern die Bilder und Szenen des Gutes nicht an jene Schaltbilder, die wir früher, in der Schule zu sehen kriegten, wenn wir beispielsweise Klassenthemen wie "Der Sommer" oder "Die Ernte" oder dergleichen Bausch- und Bogenstoffe "durchnahmen"? Hier wie dort sah man den Schäfer inmitten seiner "Wollmäuse", wie neulich ein Berliner sagte, an den treuen Stab gelehnt, und der treue Hund war ihm zur Seite. Hier wie dort drängten sich die Erntewagen. Hier wie dort blickte die Sonne majestätisch vom Himmel herab, und man glaubte beinahe,, ihre sengenden Strahlen mit – Händen greifen zu können. Auf dem Hügel aber

– hier wie dort – grünten die knorrigen Eichen, und da stand auch ein Buchenhain mit Stämmen so hoch und schlank wie gotische Pfeiler – welch ein Jammer, daß man sie in diesen für die Wälder so bedrohlichen Zeiten nicht wegräumen und ein Weilchen verstecken kann: eines Tages werden sie, die soviel Hoheit atmen doch wohl noch umgeschlagen werden. Doch wie dem auch sei... Hier, in der Natur, wie dort, auf dem alten Anschauungsbilde in der Schule, leuchteten nahe dem Gehöft hinter einer grünen Laubwand gelbe Augustäpfel. Das Gehöft indessen sah aus wie ein vollkommenes Dorf: Häuser, Schuppen, Ställe, Scheunen. Und in der Mitte, umrahmt von blauem Wasser, stand das Schloß, weiß unter blauem Himmel–oh, ihr schönen Fronleichnams-Farben – und drei Stock hoch. Hier lebte vor drei Generationen eine Gräfin: der war das Schloß zu klein, und sie wollte rechts und links Seitenflügel errichten lassen. Freilich, es kam nicht so weit, aber heute leben 90 Flüchtlinge in dem Schloß, und der derzeitige Herr im Hause, der "junge Chef", der mit seiner Familie ein paar Zimmer bewohnt, träumt davon, daß, falls noch einmal bessere Zeiten – lernen, et vielleicht ein kleines, nettes Häuschen bauen könnte, für sich und die Seinigen ganz allein. Dann könnten die Flüchtlinge ruhig weiter in dem Schlosse wohnen, das übrigens samt dem Mobilar unter Denkmalschutz steht. Der Denkmalschutz aber hat diese Folgen: in Prachtsälen, wo die Einrichtung behördlicherseits geschützt ist, schlafen die einen Flüchtlinge in schönen, kunsthistorisch wertgeschätzten Betten, die anderen – gleich, daneben – in neuen Bettgestellen aus Kistenholz oder in alten Wehrmachtbetten. So

steht das Alte und das Neue sonderlich beisammen. Unten die meterdicken Kellergewölbe haben noch die Zisterzienser-Mönche gebaut. Aber das Wappen zu Häupten des Hauses – wer weiß, wie lange es hoch bleibt? Oder droht die Bodenreform hier nicht?

Das Gut ist ein Mustergut und hat im vorigen Jahre doch 100 000 Mark Zuschuß gekostet, obwohl es dem Ablieferungssoll vollkommen genügte – dies ist ein Rätsel, das noch zu lösen sein wird –, kurz, man spürte den ganzen Tag, wie die Sorgen durchs Haus, durch Schuppen und Ställe schlichen. Aber spät abends sang ein Männerchor aus Neustadt im Gutshof; sang vor einem Auditorium von alt und jung, groß und klein, der "junge Chef" und die junge Gutsherrin in der Mitte. Es klang so friedlich, und irgendwo gurrten Tauben im Schlaf. Soll man dies auseinanderreißen? Die Anhänger der Bodenreform machen sich offenbar nichts aus musikalischen Abendidyllen und sagen: ja. Aber ich habe einen Mann gefragt, der groß und schwer an der Molkerei-Tür lehnte, und der sagte: Nein! Er trug den schönen, an Homer gemahnenden Titel "Haushalter" und hatte, wie er sagte, "das Rindvieh unter sich" – 500 Stück. Er sagte mit schwerem holsteinischen Akzent – jeder Satz ein

rocher de brouce –: "Bodenreform? Das sind doch bloß solche Posaunentöne für den Fall, daß mal wieder Wahlen kommen! Bodenreform? – wie sollte die bei. uns hier wohl vor sich gehen? Sie teilen das Rindvieh auf... na, schön! Wie Wollen sie aber die Ställe aufteilen? Wollen sie dort drüben den großen Stall mit der automatischen Tränkanlage kaputtreißen und aus den Balken und Steinen da und dort, überall rundum" – und er beschrieb mit mächtigem Arm einen Kreis, der von Horizont zu Horizont reichte – "miserable, kleine Hundehütten für Kühe aufstellen, dort, wo sie ihr Land zugewiesen kriegen? Blödsinn! Land ohne Baulichkeiten? Unfug! Oder soll ich hier, auf dem Hof, wohnen. bleiben und dann vielleicht, wenn ich Pech habe und kriege mein Land am allerletzten Ende, da hinauspilgern. mutterseelenallein und ärmlich? Quatsch!"