Das verbliebene deutsche Wirtschaftspotential wird über Gebühr geschmälert durch die Von den Besatzungsmächten befohlene Demontage reiner Betriebe der Friedenswirtschaft oder von Fabriken die auch einst in die totale Kriegswirtschaft eingespannt wurden, aber "von Haus aus" Friedensproduktion betrieben. Es sei nur erinnert an des kürzlich erfolgten Abbau der Kammfabrik Kolibri in Schötmar (Lippe) zugunsten einer englischen Firma gleichen Fertigungszweiges, oder, an die jetzt verfügte Demontage von Kugel-Fischer, Schweinfurt, zugunsten von vier Siegerstaaten.

Über diese Demontagepolitik liegt nun ein authentisches Urteil eines Gouverneurs, vor, dak zeitlich zusammenfällt mit der Nachricht vom Kontrollrat, wonach die Vertreter Großbritanniens und der USA erklärten, daß sie keine weiteren Reparationslisten aufstellen wollen, bis das Industrieniveau ihrer Zone endgültig festgesetzt sei. Der Gouverneur von Schleswig-Holstein hält es in seinem Urteil für eine schlechte Politik, eine Fabrik zu unterstützen, die offensichtlich für Kriegsproduktion gebaut wäre. Der britische Offizier meinte damit die Anlagen Krümmel und Düneberg an der Elbe.

In dankenswerter Offenheit hat nun der zuständige Landrat, Dr. Gülich, vor dem Landtag Schleswig-Holsteins seine Ansicht, die wir, nur unterstreichen können und daher, in Auszügen wiedergeben, zu diesem Problem formuliert:

"Uns interessiert nicht die Erhaltung einer Anlage, die in einer unglücklichen Vergangenheit für Kriegszwecke gebaut war, sondern nur die Erhalt tung von Anlagen, die für die Friedensproduktion einer hoffentlich besseren Zukunft geeignet sind... Kein Staatsanwalt wird dem Mann hinter dem Ladentisch dafür Verantwortlich machen, Wenn mit dem von ihm verkauften Brotmesser ein Mord ausgeführt worden ist... Der deutsche Eisenbahnverkehr droht aus Mangel, an rollendem Material zum Erliegen zu kommen. Ist es dann eine gute oder eine schlechte Politik, wenn man eine Waggonreparaturwerkstatt erhalten will, die seit Herbst 1945 bereitsteht, um monatlich. 200 Eisenbahnwaggons zu reparieren? Ist es eine Schlechte Politik, wenn man die Entladeeinrichtungen für Kohle eines Umschlaghafens verwenden will, um Schleswig-Holstein besser mit festem Brennstoff zu versorgen? Ist es eine schlechte Politik, wenn man bei dem Mangel an Baumaterialien die 19 Vorhandenen Pressen, mit denen früher Förderbänder für Bergwerke hergestellt wurden, nun zu Torfpressen verwendet, die aus dem reichlich vorhandenen heimischen Rohstoff Bauplatten in großen Mengen herstellen können? Ist es eine schlechte Politik, wenn man ein paar hundert Arbeitskräfte in einer bereits stehenden Papierfabrik beschäftigen will, anstatt eine neue zu bauen? Ist es nicht vielleicht doch eine gute Politik, wenn man vorhandene Kühlanlagen zur Konservierung von Gemüse und Obst verwenden will, um die Versorgungsschwierigkeiten unserer Bevölkerung zu mindern? Ist es nicht vielleicht doch eine gute Politik, wenn man ein Krankenhaus, welches da ist, mit Kranken belegen will, die auf Krankenhauspflege warten; wenn man bei diesem Wohnungsmangel die dafür geeigneten Gebäude mit Menschen belegen will?... In Schleswig-Holstein fehlen 40 000 Lehrstellen. Hier stehen große und gut eingerichtete Lehrwerkstätten, die immer nur der Ausbildung von Schlossern, Drehern, Maschinenbauern und Tischlern gedient haben, unbenutzt. ... Ist es eine gute oder eine schlechte Politik, wenn wir nutzbare Werte nutzen wollen, um der Unterversorgung der Bevölkerung zu steuern, um die Exportunfähigkeit zu verringern und die Einfuhr auf Kosten fremder Mächte einzuschränken? Dürfen wir uns nicht für etwas Vernünftiges einsetzen; weil es gleichzeitig auch unseren Vorteil bedeutet und für niemand aber einen Schaden. Wn.