Von Paul Appel

In heutiger Zeit beobachtet man es nicht allzu häufig, daß Kunst sich aus der Mitte eines stillgesunden Lebensgefühls entwickelt und daß die Bemühungen eines Künstlers von dem Wunsche getragen sind, ein Schicksalseinverständnis mit dem Leben und seinem Geschehen auszusprechen. Bei, dem hessen-nassauischen Bildhauer Kurt Lehmann ist dies jedoch der Fall. Dieser Künstler, der sucherisch, aber durchaus selbständig die Formenwelt der einfachen Meister der Moderne, eines Minne und Maillol, eines Lehmbruck, Marcks und Ludwig Kasper etwa, durchwandert hat, ist vorgedrungen zu einer Gestaltung, in der ein ethischer, schicksalsgehorsamer Ton nicht zu verkennen ist. Es ist eine Welt innerlicher Lebensbejahung, eine Welt der Gesittetheit, die er in seinen Plastiken darbietet. Dieser Umstand ist um so bemerkenswerter, als Lehmann keineswegs aus einer bewußt gezogenen seelischen Abgrenzung heraus arbeitet, sondern sich den Einwirkungen einer harten Gegenwart (Lehmann war Frontsoldat von 1940 bis 1945) als Mensch und als Künstler notwendig aussetzen mußte, Und obwohl ihm die grelle Problematik der jüngsten Vergangenheit somit nicht erspart geblieben ist – Arbeiten wie der "Stürzende" und die "Umschauende" von 1946 oder die "Geblendete" von 1947 beweisen es –, ist die reine Seelenmelodie bei Lehmann nicht abgebrochen, weil die Ergriffenheiten des Schmerzes und der Trauer durch eine religiöse Gehaltenheit dem positiven Weltbewußtsein mitverbunden blieben.

Die Themen des Lehmannschen Schaffens – es sind die ewig alten und ewig neuen Bildhauerthemen: Tier. Kind, Frau, Knabe, Mutter, Jüngling in ihren einzelnen Abwandlungen – werden in einem nachdenklichen, ganz zart erzählerischen Stile vorgetragen. Da ist der Knabe, der versonnen hockt und kniet und sitzt und das große Weltwesen gläubig über sich hinwegspülen läßt; da Tier, das die Welt- und Schöpfungslegende, am seinem mürben alten Leib herauserzählt; die Verlassene, die ihr Leid empfindsam-edel durch den ganzen Körper rieseln läßt, oder die Schwangere, die, hingekniet, nichts sein will als ein demütiges Menschenmonument aus Gottes Händen. Aber man. lasse sich durch die großvertrauliche, geschöpfliche Hingabe, die sich in solchen Formungen kundtut, nicht zu künstlerisch falschen Schlüssen verleiten: der leis geschichtenhafte Unterton in den Arbeiten, ein Unterton, der einen der wärmsten Reize dieses Schaffens ausmacht, hat nichts Seelenprogrammatisches und damit auch nichts künstlerisch Verschwimmendes an sich. Dafür sind diese Produktionen einmal viel zu elementar ausgefühlt, bis in zarteste Fasern ihres Wesens hinein durchleuchtet, und zum anderen wird der feine Klang der Arbeiten durch einen fast feierlichen Formenaufbau zur Wir-

kung einer schweigenden Würde hinaufgehoben. Diese Formwürde, die .unverwechselbar Lehmannisch, und zudem entschieden modern ist, ergibt erst den "eigentlichen Charakter der Plastiken und Zeichnungen. Man möchte in voller Bewußtheit von einem fugenhaften, frommen Formgefüge sprechen und nicht dabei vergessen hinzuzufügen, daß mit dem Richtungsspiel der Gliedmaßen eine Alt Weltenmathematik, eine Art kosmischer Musikalität verbunden ist, die über den jeweiligen bildhäuerischen Vorwurf hinausgehend, eine geglaubte Ordnung unseres geschöpflichen Schicksals mitverspüren läßt. Nicht außer acht gelassen werden darf dabei aber auch das Folgende: Dieser Lehmannsche Formenaufbau, so sehr er hervorgehoben werden, muß, geriete, wenn er allein die Wirkungen zu schaffen hätte, ins Spekulative, begegnete ihm nicht das naturhaft schlichte Spiel kleiner Formen, wie es am schönsten in den milden. Verschiebungen der Gelenke, der Füße und Hände seinen Ausdruck findet. Erst im Widerspiel abstrakterer und naturhafterer Formteile wirken sich Eigenart und Schönheit dieser Bildhauersprache voll aus.

Kurt Lehmann, ist heute 41 jährig. Sein künstlerischer Ton, der Grundstock des Menschlichen; überzeugen. Ihm in Zukunft weiter zu begegnen, dürfte keine Enttäuschung mit sich bringen.