Die Gablonzer und Haida-Steinschönauer Exportindustrien nahmen sowohl innerhalb der Tschechoslowakei als auch später in der deutschen Wirtschaft eine Sonderstellung ein. Sie stellten neben den Skodawerken in Pilsen die bei weitem größte Exportindustrie der Tschechoslowakei dar und exportierten im Wirtschaftsjahr 1937/38 für 2,5 Milliarden skr. Schmuck- und Gebrauchsgegenstände aus Glas, Metall und Holz. Die Eigenart dieser Industriezweige bestand darin, daß sie in räumlicher und wirtschaftlicher Zusammenfassung zahlreicher spezialisierter Fachkräfte aus billigen Rohstoffen hochwertige Fertigfabrikate herstellten.

Auf Grund der Potsdamer Beschlüsse wurde der weitaus größte Teil der sudetendeutschen Einwohner dieses Gebietes innerhalb kürzester Frist ausgesiedelt. Die Mitnahme von Werkzeugen, Maschinen, Rohmaterial oder von Mustern war ihnen versagt. Die Betriebe wurden auseinandergerissen und auf verschiedene Besatzungszonen vertreut.

Da die einzelnen Unternehmen infolge ihrer Spezialisierung stark aufeinander angewiesen waren, mußten sie versuchen, sich räumlich und wirtschaftlich zusammenzuschließen, um erneut eine Existenz zu finden. Den Bestrebungen der sudetendeutschen Fachkräfte kam das Verständnis einzelner Länder stark entgegen. Man erkannte bald, daß diese Menschen für ein industrielles Aufbauprogramm besonders geeignet waren, da hier eine arbeitsintensive, rohstoffsparende Veredelungsindustrie für Gebrauchs- und Exportgüter, die in Mittel-, Klein- und Heimbetrieben verankert ist, mit geringem Aufwand von Kapital und Maschinen einen hohen Nutzen gewährleistet. Da der Kontrollrat die Produktion freigegeben hat, betreiben die deutschen Länder bewußt eine Innenkolonisation mit erheblichem Aufwand an Mitteln und Energie.

So haben sich in der britischen Zone in Trappenkamp bei Bad Segeberg, in der amerikanischen Zone in Kaufbeuren, Bayreuth-Warmensteinach, Homburg/Hessen, Burgtann, Vohenstrauß und Neustadt/Zwiesel sowie auch in der russischen Besatzungszone neue Zentren von Fachkräften gebildet, deren hohes, seit Jahrhunderten in der Familie vererbtes handwerkliches Können eine Gewähr dafür bietet, daß in Kürze dem ausländischen Exporteur wieder die Möglichkeit gegeben ist, die von ihm so begehrten Exportartikel in Deutschland zu erstehen.

Die ehemaligen Gablonzer und Haida-Steinschönauer Firmen werden bald in der Lage sein, ihre Produktion 60 zu verbessern, daß sie dem ausländischen-Käufer die gewohnten Qualitäten anbieten können. Doch darf nicht übersehen werden, daß gerade dem Aufbau, dieser Industrien zeitbedingte Schwierigkeiten gegenüberstehen, die den Export behindern. Die deutscher. Betriebe haben durch die jahrelange Abschließung vom Weltmarkt die Verbindung mit der dort laufenden Entwicklung in jeder Hinsicht verloren. Gerade auf dem Gebiet der Modewarenindustrie ist eine ständige Verbindung mit den Modezentren des Auslandes Voraussetzung für produktives Arbeiten. Erst wenn uns die Möglichkeit gegeben wird, unmittelbar mit dem ausländischen Käufer in Deutschland und im Ausland Verbindung aufzunehmen, wird diese Voraussetzung geschaffen sein. Auch die Rohstoffrage läßt sich ohne Mithilft des Auslandes nicht befriedigend lösen. Material wie Tombak, Aluminium und Silber stehen uns nicht mehr in dem Ausmaß zur Verfügung, auf dem eine umfangreiche Produktion aufgebaut werden kann. Durch eine starke Belebung des Veredelungsgeschäftes könnten die ersten Verbindungen geknüpft werden. Nicht zuletzt aber wäre es notwendig, daß auch die innerdeutschen Regierungsstellen ihr möglichstes tun, um die bürokratischorganisatorischen Hemmnisse zu beseitigen, die trotz allen Wohlwollens an vielen Stellen noch immer den Aufbau hindern.

Die Exportmesse in Hannover gibt einem Teil der Gablonzer Fachkräfte die Möglichkeit, ihre Anfangserzeugnisse vorzulegen. Sie sind davon überzeugt, ihre Produktion in qualitativer und quantitativer Hinsicht von Monat zu Monat steigern zu können; dies vor allem dann, wenn die Exportmesse dazu beitragen sollte, die bisherigen Schwierigkeiten zu beheben. Die ehemals Gablonzer und Haida-Steinschönauer Industrie wird dann in kürzester Zeit wieder das sein, was sie einmal, war: die konkurrenzlose Glas- und Schmuckwaren-Exportindustrie! Herbert Mattutat