Der gotische Backsteinbau von St. Marien zu Lübeck, der in der Palmsonntagnacht des Jahres 1942 von Bomben getroffen wurde und in Brand geriet," galt viel bei den Kunstfreunden in der Welt. Noch heute, fünf Jahre nach dem Brande, empfängt den Besucher die Würde eines Bauwerkes, das trotz seiner Nacktheit – oder gerade durch diese – seine edle Einmaligkeit verrät. – St. Marien war und ist – um die Wende des 13. zum 14. Jahrhundert errichtet – der Urtyp eines gotischen Kirchenbaues, nach dessen Vorbild mehrere inzwischen zerstörte andere im Gebiet der Ostsee, zum Beispiel in Wismar, in Rostock, in Danzig, erfanden. Sie galt – "Mutter" dieser "Kirchenfamilie" – in ihrem statischen Gefüge als nicht übertroffenes Beispiel für den Wagemut und das Wissen der mittelalterlichen Bauhütten. Doch heute droht ihrem ehrwürdigen, alten Leibe, der die Ge- – schicke von mehr als fünf Jahrhunderten überdauerte, der völlige und, wie Fachleute ermittelt haben, schnelle Zerfall, wenn nicht sofort die notwendigen Maßnahmen getroffen werden, die dem entgegenwirken.

Noch kurz nach der Brandnacht glaubte einer der bedeutendsten deutschen Statiker, Professor Rüth-Dresden, in seinem Gutachten sagen zu dürfen, daß die das Gewölbe tragenden Pfeiler durch die Strebebögen genügend gesichert und standfest sein würden. Nun war aber der ursprüngliche schwere Dachstuhl nicht allein Träger des an ihm hängend befestigten Gewölbes; seine eigene Last bewirkte auch das Zusammenfassen der schiebenden, drückenden und tragenden Kräfte des Bauwerks, die, begünstigt durch einen relativ sicheren Baugrund, in einer seltenen Geschlossenheit einander ausglichen. Das leichte Notdach aber, das heute die in ihrer Festigkeit durch die Einwirkungen des Brandes sowie durch Witterungseinflüsse sosehr geschwächten Gewölbemassen nur deckt, ohne sie wie das frühere gleichzeitig zu tragen, vermag nun auch die anderen, nunmehr in ihrem Gleichgewicht aufgestörten Kräfte nicht mehr zusammenzuhalten. Das in Unordnung geratene "statische System" bewegt sich. Man hat es Jahr um Jahr kontrolliert, und die letzten Überprüfungen, die der neue Kirchenbaumeister Dr.-Ing. Fendrich – er überwachte 15 Jahre hindurch das schöne Bauwerk der Danziger Marienkirche – mit Unterstützung von Dr. Pieper, dem Leiter des Amtes für Statik und Bau in Lübeck, vornahm, ergaben erschreckende Ziffern: In dem (38 Meter hohen) Gewölbe haben sich Risse von acht bis vierzehn Zentimeter Breite gebildet. Die Pfeifer sind unter dem Druck des verlagerten Gewichts zu S-Linien bis zu 60 Zentimeter ausgebogen. seit die hölzernen Zuganker verbrannten und der letzte eiserne vor nicht langer Zeit riß; und infolge der Kantenpressungen, die den nunmehr unmittelbar auf die Pfeiler wirkenden Druck verraten, werden (wie bereits an zwei von ihnen gestehen) die zum Gewölbe hinaufrankenden Profile abgesprengt, als wären sie aus Glas.

Vor einigen Monaten stürzte das Gewölbe der Nicolaikirche in Wismar, eine zu jener "Kirchenfamilie" gehörende, ein. Die Überprüfung ihres Baubefundes hatte ähnliche Erscheinungen ergeben, wie sie heute bei der Lübecker Marienkirche mit größter Besorgnis beobachtet werden. Der Dom zu Trier, die Kunibertkirche in Köln, die gleich manchen anderen während des Krieges schwer beschädigt wurden, sind – um nur einige zu nennen – zum Teil wiederhergestellt worden. Es waren Mittel und Wege gefunden worden, das notwendige Material, selbst Eisen für den Dachstuhl der Kölner Kirche zu beschaffen. Sollte es nicht auch möglich sein, ein so kostbares Baudenkmal, wie die Marienkirche zu Lübeck, in letzter Stunde vor dem Zusammenbruch zu bewahren? Zunächst wäre es notwendig, eiserne Zuganker einzubringen. Sie sollen unmittelbar unter dem Gewölbe zu den Strebebögen an der Außenwand führen und die heute fehlende zusammenfassende Kraft des früheren Dachstuhls ersetzen. Bemerkenswert ist, daß sich für die besonders gefährlichen Arbeiten Männer, zur Verfügung gestellt haben, die, wie Dr.-Ing. Fendrich, der in ihrer Mitte die Arbeiten leiten will, Flüchtlinge aus dem Osten sind,

A. Nowakowski