Staatsinterventionismus ist ein wirtschaftspolitisches Grundprinzip der türkischen Republik seit ihrer Entstehung nach dem ersten Weltkrieg. Er wurde also bereits proklamiert, als die meisten Länder noch versuchten, wieder an die liberalen Formen der Weltwirtschaft bis 1914 anzuknüpfen. Seine großen Ziele sind: Befreiung von der Vor? Herrschaft privaten Auslandskapitals, Aufbau einer nationalen Industrie und Heranbildung eines türkischen Unternehmertums. Diese Ziele erschienen nur durch direkte staatliche Maßnahmen oder wenigstens staatliche Unterstützung erreichbar. Der Staat übernahm die ausländischen Konzessionsgesellschaften, vor allem die Eisenbahn, die wesentlitt erweitert wurde, schuf eine Zentralbank, baute die alte Landwirtschaftsbank aus, beeinflußte so das Kreditwesen und wirkte mit verschiedenen Mitteln für ein türkisches Unternehmertum.

Die Kritik, der diese Wirtschaftspolitik in letzter Zeit verschiedentlich ausgesetzt war, ist weitgehend eine Folge von zusätzlichen kriegswirtschaftlichen Maßnahmen. Im Kriege wurden die Außenhandels- und Devisenrestriktionen verschärft, der Verbrauch industrieller Rohstoffe überwacht und eine Preiskontrolle geschaffen, während Konsumgüter nur in geringem Maße rationiert waren (Brot, Kaffee, Tee). Dabei zeigten sich die öffentlichen Überwachungsorgane ihren Aufgaben vielfach nicht gewachsen. Überdies war das Steuersystem unelastisch und nicht geeignet, Kriegsgewinne zu erfassen. Stärke Preissteigerungen und Schwarze Märkte waren die Folge: Zwar traten trotz des Krieges kaum Exportschwierigkeiten auf, und die Exportpreise entwickelten sich, auch aus politischen Gründen, zufriedenstellend. Dies führte zu einem beträchtlichen Aktivsaldo in der türkischen Handelsbilanz, da die Einfuhrmöglichkeiten sowohl für wichtige Gebrauchsartikel als auch für Maschinenersatzteile und dergleichen sehr beschränkt waren.

Bei Kriegsende wendete sich das Bild. Der inflatorische Preisauftrieb hemmte den Export, während die Einfuhr übermäßig stieg. Zahllose Vorschriften engten die Unternehmerinitiative ein, die Teilmobilisierung und andere Faktoren hinderten die gesamtwirtschaftliche Leistung, die Steuerlasten waren. wirtschaftlich wie sozial falsch verteilt. Schließlich fehlte es an Sicherheit über die Abgrenzung der staatlichen von der privaten Einflußsphäre,

Als erstes wurde die Währungsfrage in Angriff genommen. Die Devisenkurse wurden um gut die Hälfte heraufgesetzt und gleichzeitig die Importbestimmungen weitgehend gelockert. Es kam zu einer starken Belebung des Außenhandels, die allerdings auch mit Sonderkonjunkturen für türkische Exportartikel, wie zum Beispiel Rosinen, sowie mit den Weltmarktverhältnissen zusammenhing. Selbst Produkte, deren Ausfuhrpreise sich trotz der "Währungsangleichung" erhöhten (Trauben, Nüsse, Feigen usw.), konnten ohne Schwierigkeiten ausgeführt werden. Umgekehrt hat die Zollerhö-Kung um 100 bis 157 v. H. die Einfuhr nur wenig zu behindern vermocht, die ohne die Lieferungsschwierigkeiten wohl noch höher gewesen wäre. Abwertung und Zolltarifsteigerung sowie die Rückwirkungen der Exporthausse erhöhten das inländische Preisniveau erheblich.

Zur Lösung des Finanzproblems will die Regierung das veraltete, ungerechte, leistungshemmende und wenig wirksame Steuersystem durch eine moderne Einkommen- und Körperschaftssteuer ersetzen. Das neue Gesetz sieht für das Gesamteinkommen einen von 15 bis 50 v. H. ansteigenden Tarif vor, der die Effektivbelastung auf 40 v. Tl. begrenzt Ein Existenzminimum bleibt steuerfrei und ebenso Landwirtschaftseinkünfte, weil die meisten Landwirte Kleinbauern sind und kaum mehr als ein Existenzminium einnehmen. Von der Neuregelung erhofft man ein höheres Aufkommen bei gerechterer und zweckmäßigerer Lastenverteilung.

Bei den neuen Industrialisierungsplänen war ursprünglich davon die Rede, Großbetriebe zwar vom Staat errichten, aber privat weiterführen zu lassen. Aus den konkreten Plänen ist deutlich erkennbar, daß solche Absichten nicht mehr bestehen. Im Mittelpunkt des "Sofortprogramms" von 1946 stand wiederum die Erweiterung der Textilindustrie. Die Baumwollindustrie verdoppelte ‚bereits zwischen 1936 und 1944 ihre Produktion, die der Wollindustrie stieg auf das Dreifache, wobei der Anteil des Staates von 25 auf 37 v. H. bzw. von 36 auf 45 v. H. wuchs. Neugründungen sind für die Papier-, chemische und Schwerindustrie vorgesehen. Außerdem sollen bestehende Zement-, Eisen- und Stahlwerke ausgedehnt werden. Die ökonomische Tragfähigkeit dieser Pläne wird von verschiedenen Seiten bezweifelt. In der Vergangenheit jedenfalls haben manche Staatsfabriken, z. T. als Folge der Besoldungspolitik und des Bürokratismus, unwirtschaftlich gearbeitet. Gewisse Kreise versuchen daher, von der Regierung größeren Spielraum für-Privatinitiative zu erlangen. Und sicher sind heute, im Gegensatz zu der Zeit vor 15 Jahren, genügend türkische Unternehmer bereit und finanziell in der Lage, Industriebetriebe rationell zu betreiben.

Wenn gelegentlich die Ansicht vertreten wird, der neue Wirtschaftsplan würde die Türkei auf vielen Gebieten autark machen, so wird dabei die Dynamik der -wirtschaftlichen Entwicklung außer acht gelassen: die Industrialisierung dürfte die Kaufkraft der Massen erhöhen, und die Wirtschaftlichen Rückwirkungen des Krieges haben die Bedürfnisse der Bevölkerung gesteigert. In Anbetracht des bisherigen niederen Lebensstandards der Zuckerverbrauch je Kopf betrug zum Beispiel nur ein Zehntel desjenigen fortgeschrittener Industrieländer könnte die Industrialisierung im Gegenteil Absatzmöglichkeiten erschließen, die zu einer beträchtlichen Expansion des Außenhandels führen würden. F. Neumark, Istanbul