Wann können Sie liefern? Ich würde gern eine größere Bestellung aufgeben. Wir warten auf die deutschen Waren. Uns liegen Angebote aus verschieden, anderen Ländern vor? aber die Preise sind ziemlich hoch, und die Qualität,entspricht nicht den früheren deutschen Lieferungen. Außerdem sind die amerikanischen-Lieferfristen sehr lang." So heißt es in einem der Briefe, wie sie täglich zu Dutzenden aus aller Welt, auf den Tisch des deutschen Fabrikanten flattern. Es ist nur ein kleineres Unternehmen, eines von Hunderten; aber Erfindungsgabe und handwerkliches Können haben dem kleinen Werk in Generationen einen Namen in der ganzen Welt erworben.

Das ist kein Einzelfall. Der seine Herkunft aus dem Handwerklichen nicht verleugnende, von dem Urenkel oder Enkel des Gründers kaufmännisch und technisch selbst geleitete Betrieb mit seiner spezialisierten Fertigung und seinem ausgedehnten Auslandsabsatz ist für die deutsche feinmechanische und optische Industrie typisch. Die hohen Anforderungen der Präzisionsarbeit haben an den wichtigsten, oft in Anlehnung an Hochschulen entwickelten Standorten dieser Industrie, einen Facharbeiterstand geschaffen, in dem Erfahrungen und Fertigkeiten sich von dem Vater auf den Sohn vererbten, und ein dem die natürliche Auslese der Arbeit die Tüchtigsten immer neue Betriebe ins Leben rufen, ließ, bis ganze Städte, wie Jena, Wetzlar und Rathenow, Dresden, Braunschweig und Göttingen, Glashütte und Solingen für die Welt gleichbedeutend waren mit einer spezialisierten Fertigung, deren Güte nicht übertroffen werden konnte. In den modern ausgerüsteten Fabriken aller Erdteile, in allen wissenschaftlichen Instituten und Krankenhäusern waren deutsche Mikroskope, Kameras, Instrumente, Meßgeräte, um nur Beispiele zu nennen, unentbehrliches Werkzeug des Ingenieurs, des Arztes, des Gelehrten. Es gibt kaum ein anderes Gebiet der Industrie, auf dem das "Made in Germany" so sehr zum Maßstab höchster Anforderungen geworden wäre... Dies ist kein Wunder: In den Jahren bis zur Schrumpfung des Welthandels kam die Hälfte des ganzen internationalen Handels mit feinmechanischen und optischen Erzeugnissen aus deutschen Fabriken. Von jeher war die deutsche feinmechanische und optische Industrie in besonders hohem Grade auf die Ausfuhr eingerichtet; ein Viertel bis ein Drittel ihrer gesamten Erzeugung, vor dem ersten Weltkrieg und bis zur Weltwirtschaftskrise – sogar zwei Drittel, wurden gewöhnlich exportiert. Zuviel demontiert...

Der deutsche Fabrikant kann seinem ausländischen Geschäftsfreund heute nicht allzu vielversprechend antworten. Die Hälfte der deutschen feinmechanischen und optischen Industrie lag in der sowjetischen Zone und in Berlin. Die Anlagen in der sowjetischen Zone sind zu drei Viertel, wenn nicht zu vier Fünftel demontiert worden. Die Berliner Industrie war durch Kriegsschäden besonders schwer getroffen worden. Auch die französische Zone, die den größeren Teil der Uhrenindustrie umfaßte, hat durch die Demontage ihrer besten und neuesten Maschinen ungefähr die Hälfte ihrer Kapazität eingebüßt.

In der amerikanischen und in der britischen Zone, die durch Kriegseinwirkung und Verlagerungen nach dem Osten Verluste erlitten hatten, haben volle Demontagen zwar nur vereinzelt (wie bei einem Werk von Hensoldt in Wetzlar und den Mikronwerken in Aschaffenburg) stattgefunden. Aber vor allem in der britischen Zone kam es zu zahlreichen von der Demontagestatistik nicht erfaßten einzelnen Eingriffen in den Maschinenbestand; zu der sogenannten "Vestitution" der Rückgabe von Maschinen, die in den früher von Deutschland besetzten Gebieten gekauft worden waren, trat die Wegnahme von "prototype"-Maschinen zum Studium deutscher Fabrikationsmethoden. Von der deutschen Vorkriegskapazität ist auf diese Weise wohl nur die Hälfte erhalten geblieben. Die Folge ist, daß die Erzeugung auf manchen Gebieten, wie zum Beispiel von Brillen und Brillengläsern, einst wichtigen Exportartikeln, heute den eigenen Bedarf nicht mehr zu decken vermag.

Das Kapitel der Demontagen ist obendrein noch nicht abgeschlossen. Der Industrieplan des Kontrollrats, der für ganz Deutschland einen feinmechanischen und optischen Produktionswert von 340 Mill. RM (70 v. H. von 1936) zuläßt, kommt wegen Unterschätzung des Anteils der sowjetischen Zone und Überschätzung der in den Westzonen vorhandenen Kapazität zur Demontage weiterer Anlagen mit einem Umsatzwert – von 100 Mill. RM in den vereinigten Westzonen. Allein in der britischen Zone sind rund 50 Firmen, nach der Zahl der Beschäftigten oder dem Umsatz reichlich ein Drittel der feinmechanischen und optischen Industrie – dort, zu Reparationszwecken beschlagnahmt; fast ohne Ausnahme handelt es sich um Unternehmen, die mit besonders spezialisierter Produktion in höchstem Grade am Export beteiligt; waren. Wenn auch das letzte Wort hierzu noch nicht gesprochen ist, so versteht sich doch, daß allein die Ungewißheit die Produktivität und die Exportleistung herabsetzen muß.

Bedrohte Fertigung

Neben diesen Dingen bildet, von den allgemeinen Schwierigkeiten der Produktion ganz abgesehen, die Rohstoff- und Energienot das größte Hemmnis des Exports. Auf dem Gebiet der Energie, der Versorgung mit Strom und Kohle, trat zutage, daß in einem zusammengebrochenen wirtschaftlichen Organismus jeder Versuch einer Teilbelebung, sei es: von Grundstoffindustrien, sei es. der Exportindustrie, von vornherein zum Scheitern verurteilt ist; die bestgemeinten, besterdachten Einzelmaßnahmen werden nicht wirksam. Dasselbe gilt für die Roh- und Hilfsstoffe. Der Bedarf an Eisen und Stahl, Hauptengpaß des größten Teils der übrigen Industrie, fällt der verhältnismäßig geringen Mengen wegen vielleicht, nicht so sehr ins Gewicht. Ernster ist die Lage auf anderen Gebieten: Nichteisenmetalle, Farben und Lacke, Holz, Papier für die Verpackung, um nur Beispiele zu nennen. Die Restbestände der Kriegswirtschaft sind verbrauchte sie haben überraschend lange gehalten. Importe, viel erörtert, haben bisher kaum stattgefunden. Mancher Rohstoff ließ sich behelfsmäßig ersetzen, aber nur unter Verzieht auf Qualität; für das Exportgeschäft kam dies nicht in Frage: Durch Ausfall anderer Rohstoffe kommt die Fertigung überhaupt zum Erliegen. Die Hoffnungen der Industrie richten sich heute auf den Devisenbonus, der dem Fabrikanten die Möglichkeit geben soll, den dringendsten Bedarf selbst im Ausland einzukaufen; unbürokratische Handhabung wird eine Voraussetzung des Erfolges sein.