Von Ernst Wahle, Heidelberg

Mißt man den Stand einer Wissenschaft an äußeren, bequem greifbaren Merkmalen, dann scheint die Prähistorie im Dritten Reich besonders gefördert worden zu sein. Tatsächlich kann man auf eine ganze Reihe von Bemühungen hinweisen. Sie führen in bunter Folge von dem Eingang des Faches in den Schulen bis zu den Geschichtsabenden, vom großen Denkmälerwerk bis zum Unter-, haltungsblatt der Hausfrau, von den Pfahlbaurekonstruktionen in Unteruhldingen bis zu den Erdal-Bilderserien und den Ausschneidebögen. Und doch muß man rückschauend sagen, daß der bildungsmäßige Erfolg dieses Strebens nur sehr gering geblieben ist. Schon von etwa 1938 an zeigte sich eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber diesem Stoffgebiet, aus der späterhin da und dort eine regelrechte Ablehnung erwuchs. Als die neuen Lehrbücher für den Schulunterricht herauskamen und die Geschichte nun mit Eiszeitrassen und Faustkeilen anfing, da hatte die Prähistorie ihre "große Zeit" bereits hinter sich. Als dann bald darauf die Schule an Hand von wohl abgewogenen, verbindlichen Paragraphen dieses lehrte, da war ihre Zugehörigkeit zur allgemeinen Bildung wieder fraglich geworden.

Die Erklärung, für diese Wandlung kann vielleicht derjenige versuchen, der etliche Jahre hindurch Gelegenheit gehabt hat, den Erfolg des Schulunterrichtes in Prähistorie an den Studierenden kennen zu lernen. Er wird sich der Wenigen entsinnen, welche das Gebotene nicht nur gläubig aufgenommen hatten, sondern auch, fest davon überzeugt waren, daß eine andere Auffassung der Frühzeit überhaupt nicht möglich sei. Aber er weiß auch um die Vielen, die mit Schnurkeramik nichts Rechtes anzufangen wußten, die dem Norden, aus welchem Kultur, blonde Rasse und Indogermanen hervorgegangen sein sollten, innerlich doch nicht näher gekommen waren. Wie oft sah man in diesen jungen Leuten Zweifel aufkommen, wenn sie in den "bereinigten" Neuauflagen von Putzger und Andree die Karten studierten mit den von Norddeutschland nach dem Orient und Ostasien gehenden Völkerströmen Oder wenn sie davon hörten, daß eine autochthone, von Angehörigen der nordischen Rasse getragene Kultur auf mitteleuropäischem Boden schon im Eiszeitalter begonnen habe.

Kann da wirklich noch von einer besonderen Förderung der Prähistorie gesprochen werden? Ist es nicht vielmehr so, daß sie lediglich für die neue innerpolitsche Situation nutzbar gemacht werden sollte?

Der "Beauftragte des Führers für die gesamte geistige und weltanschauliche Schulung und Erziehung der NSDAP" richtete eine "Hauptstelle Vorgeschichte" ein, und etwas später wurde die "Stiftung Ahnenerbe" aufgebaut. Beide Gründungen, von denen die letztere nicht mehr zur vollen Entfaltung ihres Programms kam, arbeiteten ausschließlich auf parteiamtlicher Basis. Bis zu einem gewissen Grade haben sie das seit langem von vielen Seiten gewünschte Reichsinstitut für Frühgeschichte ersetzt, zu dessen Gründung es allerdings damals ebenso wenig gekommen ist wie zum Erlaß eines Reichsgesetzes zum Schutz aller historischen Denkmäler. Außerhalb dieses Konjunkturgetriebes wurde mit Hingabe versucht, die Tradition gediegener Wissenschaftsarbeit auch in diesem; Fach aufrecht zu erhalten. Freilich war nicht zu vermeiden, daß die Behandlung bestimmter Probleme in den Hintergrund trat. Wie stark hier aber trotz aller "Ausrichtung" die Tradition geblieben ist, zeigt zum Beispiel die Tatsache, daß eine der letzten Neuerscheinungen eine umfängliche Untersuchung zur Arbeitspsychologie der Altsteinzeit gewesen ist; sie kam 1942 heraus.

Der Schwerpunkt der parteiamtlichen Prähistorie lag in der Popularisierung des mitteleuropäischen Stoffes und in der Vorstellung von Alter und Eigenständigkeit sowohl der nordischen Rasse wie der Menschheitskultur auf deutschem Boden. Unter fortgesetztem Hinweis darauf, daß unsere Vorfahren keine Barbaren gewesen seien, wurde gegen den Begriff des Vandalismus angegangen und ebenso gegen das Germanenbildnis, welches einen Hügel- oder Hörnerhelm zeigt. Hieraus ergab sidf eine Uniformierung der frühgeschichtlichen Darstellung. Als Wegbereiter wurde Gustaf Kossinna († 1931), gefeiert und für sein Werk ewige Geltung beansprucht. So ist es bezeichnend, daß der Vertrieb einer Akademie-Veröffentlichung, welche sein Lebenswerk aus seiner Zeit heraus zu verstehen suchte und um die Weiterbildung seiner Methode bemüht war, kurzerhand unterbunden wurde.

Wie wenig diese parteiamtliche Prähistorie versucht hat, die innere Entwicklung des Faches zu beeinflussen, geht insbesondere daraus hervor, daß sie in den Bahnen desjenigen Positivismus und Materialismus verblieb, die sie hier vorfand. Man sollte doch meinen, daß von der Ideologie der völkischen Bewegung her in dem frühgeschichtlichen Stoffgebiet das Packende und Heroische, die Einzelgestalt und die große Leistung, zu suchen nahegelegen hätte. Tatsächlich aber war in der Prähistorie der handelnde Mensch vergessen worden, und, damit im Zusammenhang, der Sinn für das historisch Mögliche. Aus der starren Anwendung der von der Paläontologie übernommenen Typologie hatte sich die Vorstellung eines geradezu gesetzmäßigen, medianischen Ablaufes der Frühzeit gebildet. Der Werdegang vom Einfachen zum Entwickelteren, den man aus den heimatlichen Geräte fanden in einer sonst nicht gekannten Vollständigkeit glaubte ablesen zu können, wurde dem wesentlichen Inhalt des Geschehens gleichgesetzt. So versteht man, daß dieser Nachkömmling naturwissenschaftlich – materialistischer. Gedankengänge enttäuschte.