Ein Haupthindernis für die deutsche Textilindustrie ist die unzureichende Spinnkapazität, besonders für Baumwolle und Wolle. Selbst nach Wiedervereinigung der Zonen wird der frühere eingespielte innerdeutsche Austausch wegen der Demontage thüringischer und sächsischer Spinnereien nicht wieder voll aufgenommen werden können.

Am stärksten ist das Gleichgewicht der Produktionsstufen, in der Baumwollverarbeitung gestört. Die ehemals beträchtlichen sächsischen Garnliefejungen nach dem Westen und Süden fallen aus, und die Spinnkapazität der Westzonen hat noch mehr als die Webkapazität durch den Krieg gelitten. Außerdem fehlen annähernd 10 000 Arbeitskräfte. Allein die Spinnereien an der holländischen Grenze haben auf mehrere tausend früher beschäftigter Grenzgänger verzichten müssen. Die münsterländische Baumwollindustrie plant deswegen, in den sogenannten Spinnerorten, hauptsächlich in Gronau und Bocholt, Mädchenheime einzurichten und Wöhningen zu bauen, um Frauen und Familien umzusiedeln, die im Ruhrgebiet nicht mehr eingesetzt werden können.

Nach einer gemeinsamen Erhebung von Textilverbänden der britischen und amerikanischen Zone kann aber selbst bei voller Besetzung aller Spindeln und ausreichender Stromversorgung nur der halbe Garnbedarf des Gebietes gedeckt werden, deshalb ist zu befürchten, daß Webereien und Wirkereien vorübergehend stillgelegt und Arbeitskräfte freigesetzt werden. Die Spinnkapazität muß also vordringlich – zunächst vor allem durch Reparatur – erweitert werden. H. A. N.