Von Martin Kessel

Unter den Gestalten, zu denen man gleichfalls zählt, ohne sich dessen jeweils bewußt zu sein, ist die Gestalt des dessen eine der geheimnisvollsten. Es beruht dies einesteils auf der Stille, die ihn umgibt, einer Stille, die, so schmal sie auch sein mag, das Draußenliegende von sich weist, es liegt aber auch an einem romantischen Umstand, nämlich daran, daß dem Leser, solange er liest und nicht aufblickt, sein Spiegelbild fehlt. Ein Leser ist nicht imstande, sich selbst zu betrachten, es sei denn, der Weg seiner Selbstbetrachtung führe durchs Medium des Buches und spreche aus einer Figur oder irgendwelchen Gedanken. Darin liegt für den, der den Leser betrachtet, ein besonderer Reiz. Ist es. doch, als erblickte man vor sich in Leser und Buch eine abgezirkelte Welt, deren Vorhandensein sichtbar, deren Wirklichkeit aber unsichtbar ist. Noch im Zeitungsleser der Untergrundbahn wiederholt sich dies Schauspiel. Was ist es, das hierhinüberflieht? fragt dann die Neugier. Ist es ein Fremdes, kennst du es auch? Entspräche, was dort erlebt wird, auch deinen Wünschen, oder ist es vielleicht nur belächelnswert?

Das Antlitz des Lesers wirkt nahezu scheintot.Es ist, als empfinge es Meldung von irgendwoher, es lebt außer der Zeit, die die geläufige ist, doch innerhalb eines Wandels, in dem die Dinge so kostbar und überempfindlich sind, daß sie, berührte man sie von außen, sofort zerfielen. Beim Lesen unmittelbar finden Vorgänge statt, die auszumitteln kaum möglich ist, denn die Wirkung ist sehr verteilt und verschieden. Oft ist sie nicht sogleich feststellbar, oft bleibt es bei einerbloßen Bestandsaufnahme, es kommt auch vor, daß die Hauptsachewieder versinkt und nur kleine verteufelte Irrlichter bleiben. Man versteht dann, daß das Gedächtnis ein Sumpf ist, worin die Vergangenheit spukt. Überall aber herrscht Alchimie, und wie immer es sei, es ist ein Geheimnis um jeden Leser.

Aus dem demnächst im Rowohlt-Verlag, Stuttgart/Hamburg, erscheinenden Essay-Band von Martin Kessel "Romantische Liebhabereien"