Paraphrasen um ein aktuelles Thema

Von Peter Chr. Baumann

Jean Paul Sartre, Angehöriger der französischen Wderstandsbewegung, Schriftsteller, Romancier, Dramatiker und Professor der Philosophie an der Pariser Universität, hat mit seiner Lehre des atheistischen Existentialismus allen Philosophen – und vor allem auch allen Nichtphilosophen – erregende Erlebnisse verschafft. Und das Schrifttum, das aus der Lehre von der gnadenlosen Freiheit Sartre; emporgeblüht ist, stellt Sartres eigene Werk< förmlich in den Schatten, in erster. Linie rein nengenmäßig. In der ganzen Welt hat der Existentialismus in der Prägung Sartres Kritik gefunden, die, indem sie ihn auf seinen Gehalt hin sezieren, "existentialistisch" verfuhren: sie nahmen sich die persönliche Freiheit, unter Existentialismus zu verstehen, was sie wollten. Eine populäre Darstellung aber hat Sartre selbst gegeben "Existentialismus ist Humanismus". Es handelt sich dabei um eine Schrift, in der Sartre, sogar für Laien verhältnismäßig leicht verständlich, eine Widerlegung der häufigsten gegen ihn gerichteten Vorwürfe versucht. Aber so leicht lassen ihn seine Kritiker, die über das dankbare Objekt entzückt sind, nicht fahren. Sartre ist viel tiefer, muß viel tiefer sein, als er ahnt – das werden sie ihm schon beweisen.

Es ist bewundernswert, was in dieser Richtung für Fortschritte erzielt sind.

Die für den "Giftstoff" Sartre entwickelten Antitoxine sind in gewissem Umfang geographisch bedingt, das heißt, es kommen zwar Mischungen und Kreuzingen vor, jedoch läßt sich deutlich erkennen, daß in bestimmten Gegenden der Welt ganz bestimme Elemente den Hauptbestandteil bilden, in anderen Gegenden wieder andere. In den Bezirken der östlichen Demokratie wird der Existentialismus abgelehnt, weil er, wie es heißt, mit dem historischen Materialismus nicht zu vereinbaren sei. Auch sei im Lebensraum des Existentialisten kein Platz für revolutionäre Handlungen. Sartre hingegen sagt: "Der Existentialismus definiert den Meroder durch Handlung; er behauptet, daß es nirgend Hoffnung gibt als gerade in seinem Handeln, daß das einzige, was dem Menschen das Leben möglich macht, die Handlung ist. Wir haben es mit einer Moral der Handlung und der Verpflichtung zu tun! Der Existentialismus sagt, daß der Fege sich selbst feig macht und der Held sich selbst zum Helden. Für den Feigling besteht immer eine Möglichkeit, nicht mehr feig zu sein und für den Helden, mit dem Heldisch-sein aufzuhören. Der Mensch ist nicht anders als sein Leben." –

In Skandinavien ist Sartre mit größtem Interesse aufgenommen worden. Stockholm, Gotenburg, Oslo, Helsinki haben bemerkenswerte, mit glühendem Kunsteifer hervorgebrachte Aufführungen seiner Stücke gezeigt, und die existentialistische Lehre hat zu lang andauernden öffentlichen Diskussionen, ja Fehden geführt, die, soweit sich bisher übersehen läßt, unentschieden verlaufen sind. Der Höhepunkt an öffentlichem, geistigem Tumult wurde jedoch anläßlich eines Stückes erreicht, das gar nicht von Sartre stammt. Und zwar war es die "Antigene" von Anouilh, die von der einen Seite als Musterbeispiel des existentialistischen Defaitismus, der nihilistischen Lehre, vom Nichts verdammt, von der anderen Seite aber als prachtvolles Exempel für die Sartresche Willensfreiheit des Menschen und seinen völlig unbeschränkten Möglichkeiten des Handelns gepriesen wurde. Noch während sich die Ausdeuter Sartres im Hinblick auf die "Antigone" erbittert stritten, erklärte ihr Dichter, Jean Anouilh, daß er mit dem Existentialismus und mit Sartre überhaupt nichts zu tun habe. Er habe sich niemals als Existentialist betrachtet ja, er verkehre nicht einmal in jenem ’Pariser Café, das die französischen Existentialisten zu ihrem Hauptquartier erwählt haben. Die Ernsthaftigkeit dieses Dementis darf nicht unterschätzt werden, Es brachte dann auch vorübergehende Abkühlung. Aber bald gingen die Diskussionen weiter. Es wurden ästhetische und moralische Bedenken geltend gemacht. Ein hervorragender schwedischer Kritiker bezeichnete Sartre als "intellektuellen Sadisten", gewiß ein hartes Wort.

Sartre selbst hingegen sagt: "Die erste Aufgabe des Existentialismus muß sein, jeden Menschen in den Besitz dessen, was er. ist, zu setzen und ihm die volle Verantwortung für seine Existenz aufzubürden. Wenn wir sagen, daß der Mensch. vor sich selbst verantwortlich ist, wollen wir damit nicht sagen, daß er nur für seine eigene Individualität verantwortlich ist. Er ist es vielmehr für alle Menschen. Es gibt nicht eine unserer Handlungen, die nicht, indem sie den Menschen so schafft, wie wir sein wollen, gleichzeitig ein Bild des Menschen schafft, so wie wir meinen, daß er sein’sollte. Bei denjenigen, die dem Existentialisten vorwerfen, daß er soviel Gewicht auf die schlechten Seiten des Menschen lege, frage ich mich, ob ihre Klage nicht viel mehr dem Optimismus des Existentialismus gilt als dem Pessimismus. Denn meine Lehre stellt den Menschen ja gerade vor die Möglichkeit einer Wahl!" –