Von Alfred Strothe, Hannover

Betrachtet man die volkswirtschaftliche Aufgabe des Handwerks im zertrümmerten, von Rohstoffen weitgehend entblößten Deutschland, so wird deutlich, daß von seiner Arbeit erheblich mehr abhängt, als nur sein eigenes Wohlergehen. Da das Handwerk in der Hauptsache Verbrauchsgüter erzeugt oder instandsetzt, so trägt es auch die Verantwortung für die Ernährung, Bekleidung und – Behausung des Volkes in,weitem Umfange mit. Es hat sowohl der Landwirtschaft wie der Industrie und dem Handel wichtigste Hilfsdienste zu leisten, Hilfsdienste, von denen die Arbeit der anderen Wirtschaftszweige vielfach abhängt. Man braucht nur an die Erhaltung und Instandsetzung all der Güter zu erinnern, die seit Jahren nicht mehr erneuert werden konnten.

Eine weitere Aufgabe ist dem Handwerk aus dem Export erwachsen. Ihm ist der Export nichts Neues. Die ersten Anfänge lagen in der Zeit der Zünfte. Träger des Vertriebs handwerklicher Erzeugnisse war die Hanse. Die Tatsache, daß damals ein einheitlich organisierter und gemeinschaftlicher Absatz nicht bestand, führte, beim Zusammenbruch der Hanse im 16. Jahrhundert fast zum Erliegen aller außenwirtschaftlichen Beziehungen. Doch die Erzeugnisse handwerklichen Könnens waren schon damals im Auslande sehr gefragt So exportierte Nürnberg schon sehr früh Kurzwaren nach Amerika, teils über Spanien, teils durch Zwischenschaltung französischer und italienischer Kaufleute. In den Niederlanden war deutsche Leinwand und Augsburger Barchend geschätzt. Schweden war Absatzland für Frankfurter Seide und Bücher, Dänemark für Tuche und Leinwand. Charakteristisch war allerdings für die damalige Zeit, daß die einzelnen Handwerkserzeugnisse standortgebunden waren, d. h. man verlangte "Frankfurter" Bücher, "Nürnberger" Kurzwaren und so fort. Mit der starken Ausdehnung des--Exports wurde dann im Laufe der Zeit der Kaufmann unentbehrlich. Es schien auch, als ob das Handwerk gegen Ende des 19. Jahrhunderts lediglich ein Hilfsgewerbe der Industrie, werden würde.

Die Industrie hatte im 19. Jahrhundert mehr und mehr die Produktion von Erzeugnissen aufgenommen, die ursprünglich dem Handwerk vorbehalten waren. Kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges war zwar ein leiser Anstieg in der wirtschaftlichen Entwicklung zugunsten des Handwerks zu verspüren, aber das bittere Ende dieses Krieges ließ die gewonnenen Positionen wieder verlorengehen. Bei dem erbitterten Kampf der einzelnen Volkswirtschaften untereinander und dem hohen Preisstand der deutschen Erzeugnisse war erst zu Beginn der dreißiger Jahre ein Wiederaufleben des Handwerksexports zu verspüren. Der Umsatz steigerte sich dann von Jahr zu Jahr. 1935 wurde die direkte Ausfuhr handwerklicher Erzeugnisse bereits auf über 100 Mill. RM geschätzt. In den folgenden Jahren war das Handwerk mit über 7000 Betrieben und 136,6 Mill. RM an der Ausfuhr beteiligt. 34 Länder wurden mit handwerklichen Erzeugnissen beliefert, wovon 60 v. H. auf Europa, 30 v. H. auf Südamerika und der Rest auf die anderen Erdteile entfielen. Artikelmäßig gliederte sich der Handwerksexport etwa wie folgt: Produktionsgüter 70 v. H. (davon Maschinenwerkzeug 26 v. H., Elektrogeräte 22; Feinmechanik und Optik 21, chirurgische Instrumente 1 v. H.). Die Gruppe der Konsumgüter, die insgesamt 30 v. H. des handwerklichen Exports ausmachte, umfaßte insbesondere Lederwaren und Musikinstrumente.

Als die Militärregierung zur Exportmesse in Hannover aufrief, war es für das Handwerk eine Selbstverständlichkeit, sich an dieser Messe zu beteiligen. Nicht nur die Frage einer Ausstellungsbeteiligung war von Bedeutung; es galt ja für das Handwerk auch, den äußeren Rahmen zu schaffen. Rund 2000 Handwerker wurden eingesetzt, und wenn auch die Materialschwierigkeiten recht groß waren, so kann doch heute gesagt werden, daß es beispielhaft war, wie es das beteiligte Handwerk verstanden hat, mit beschränkten Mitteln und in kurzer Zeit dieser Messe auch ein annehmbares Gesicht zu geben.

An der Ausstellung selbst ist das Handwerk mit über 120 Betrieben (etwa 20 v. H. der Gesamtaussteller) vertreten. Von Damenmodellkleidung über Lederwaren, Werkzeuge für Goldschmiede, Feinmechaniker-Erzeugnissen und chirurgischen Instrumenten bis zu landwirtschaftlichen Geräten, Spielzeug und Kunsthandwerk wird die Messe einen Überblick über den augenblicklichen stand des handwerklichen Könnens geben. Da auch die Rohstofffrage weitgehend gesichert erscheint, ist zu erwarten, daß der Erfolg den Aufwand rechtfertigt.