Mit den Augen des Ostens gesehen ist Ungarn ein Industrieland, das einen wesentlichen Beitrag zum Wiederaufbau Osteuropas leisten kann. Die Russen wissen jedoch, daß die Stahlwerke, die, Maschinenindustrien, die Ölraffinerien, die Schiffswerften an der Donau, die Telefon- und Radiofirmen Ungarns ohne Unterstützung an Rohstoffen und technischem Material aus dem Westen nicht wirklich wirksam arbeiten können.General Swiridow und seine Kollegen von der Roten Armee in Budapest sehen sich daher vor dem Problem, Ungarn politisch zu stabilisieren, ohne es in den Augen Großbritanniens und der Vereinigten Staaten wirtschaftlich labil erscheinen zu lassen.

Dieses Problem bildet den Hintergrund für viele der gegenwärtigen Streitfragen über die Sozialisierung der Banken und die Liquidation des ehemals deutschen Eigentums. Die führenden Budapester Banken besitzen gemeinsam etwa 50. v. H. der ungarischen Industrie. Eine Sozialisierung der Banken bedeutet deshalb eine sehr viel einschneidendere Maßnahme, als es zunächst den Anschein hat, denn wer die Kontrolle der Banken innehat, kontrolliert gleichzeitig einen großen Teil der Industrie. Vor dem Kriege bestand bei mehreren ungarischen Banken eine erhebliche Beteiligung deutschen Kapitals, das nach den Potsdamer Beschlüssen in russischen. Besitz überging. Eine Sozialisierung dieser Banken würde eine absolute ungarische Staatskontrolle bedeuten und demzufolge eine Einschränkung des direkten sowjetischen Einflusses. Nur wenn man das weiß, versteht man die eigenartige gegenwärtige Situation, daß die Sozialisten alle Banken verstaatlichen wollen, Während die Kommunisten eine strenge und übereilte Anwendung der marxistischen Theorie auf russisches Eigentum ablehnen.

Auch im Hinblick auf die Landwirtschaft, Ungarns nächstgrößtes Kapital, liegen die Dingeähnlich. Innerhalb weniger Wochen nach der Einnahme – oder, wie es jetzt heißt, der Befreiung – von Budapest durch die Rote Armee wurde eine weitreichende und längst fällige Bodenreform durchgeführt, in deren Verlauf der Großgrundbesitz aufgeteilt wurde. Heute werden die großen Güter mit beträchtlichen Anfangserfolgen von einer neuen Klasse zuverlässiger, selbstbewußter Kleinbauern bewirtschaftet, die sich von den etwas revolutionären, besitzlosen Landarbeitern des halbfeudalen Ungarns vor dem Kriege stark unterscheiden. Diese Wandlung ist den kommunistischen Verfechtern eines revolutionären Umschwunges sehr überraschend gekommen. An Stelle der wohlausgerichteten Kolonnen dankbarer Marxisten ging eine starke Mehrheit individualistischer Bauern aus den Wahllokalen, hervor und stellte die "Führung" vor ein neues Problem. Das russische Beispiel vor Augen, hatten die Kommunisten mit Sicherheit angenommen, daß die Aufteilung des Großgrundbesitzes nur die Vorstufe zur Bildung von Kollektivgütern darstellen würde. Davon aber wollen die Bauern nichts wissen. "Warum sollen wir die Kommunisten unterstützen?" sagen sie. "Damit sie den Großgrundbesitz als Staatsgüter bewirtschaften, anstatt uns das Land zu geben? Nein, jetzt wollen wir endlich den Lohn für unsere Arbeit. Wer pflügte denn schließlich ohne Pferde die Felder? Wer mähte das Korn mit nichts als ein paar alten Sensen? Wer tat das alles – nicht etwa die alten Gutsbesitzer und auch nicht die neuen Kommunisten in den Ministerien von Budapest!" Man wird sehr behutsam vorgehen müssen, um Menschen mit solchen Ansichten für eine hochmechanisierte kollektive Form der Agrarwirtschaft zu gewinnen.

Der Wiederaufbauplan, der am 1. August in Kraft getreten ist, stammt in erster Linie von dem ungarischen Verkehrsminister Gero, einem Mann von überragenden Fähigkeiten. Als politischer Häftling der ungarischen Vorkriegsregierüng wurde er während des Krieges gegen ungarische Kriegsgefangene ausgetauscht, die die Russen an der Woronesch-Front eingebracht hatten, später, in der Sowjetunion ausgebildet und an die Macht – gebracht, als die Russen Ende des Jahres 1944 eine provisorische ungarische Regierung in Debreczin einsetzten. Dennoch wäre es ein schwerer Fehler, ihn gleich anderen, wie etwa dem stellvertretenden Premierminister Rakosi, mit einem Achselzucken, als "Sowjetagenten" abzutun. Diese Männer sind ehrlich überzeugt von der Gerechtigkeit ihrer Sache, und das genügt ihnen zur Rechtfertigung der Mittel./Sie können nicht verstehen, warum sie ihren Gegnern das Recht der freien Meinungsäußerungen zubilligen sollen, das ihnen versagt war, als sie selbst in der Opposition waren. Sie fragen, warum heute Großbritannien und Amerika wegen ein paar "notwendiger" Verhaftungen protestieren, während nie ein Wort darüber verloren wurde, als sie selbst lange Jahre im Gefängnis verbrachten. Sie wissen, daß sie nur Erfolg haben können, wenn sie die wirtschaftlichen Verhältnisse bessern, und sind sich mit ihren russischen Gönnern darin einig, daß dieses in Ungarn am besten dadurch zu erreichen ist, daß man die wirtschaftliche Tür nach dem Westen offenhält und die Opposition zu irgendeiner Form aktiver-Zusammenarbeit bringt. Welche Überraschungen sie auch immer für die Durchführung ihrer Maßnahmen in petto haben mögen, niemals werden sie ihr oberstes Ziel aus den Augen verlieren, Ungarn zu einem stabilen und nutzbringenden Glied des osteuropäischen Systems zu machen.

Autorisiert durch Reuter