..Man pflegt an vielen Orten die Gelehrten und Künstler mit lauter Bravo fast zu vergöttern, ohnesie mit einer andern gebührenden und nachdrücklichen Belohnung zu beehren. Allein, dergleichen magere Lobeserhebungen sollten den Herrn Virtuosen auch eine Natur der Götter einflößen und ihre Leiber verklären, damit sie von himmlischen Einbildungen leben könnten und nimmer einer zeitlichen Notwendigkeit bedürften."

(Leopold Mozart in seiner "Violinschule")

In Schleswig-Holstein ist manches knapper alsanderswo. Zuletzt war es das Heizmaterial. Nun drohen es auch die Künstler zu werden. Nicht die bildenden – sie weiden brav auf den Feldern der Landschaft und in den Landschaften der menschlichen Gesichter die Motive ab, und niemand wacht darüber, welche Preise sie für die Erzeugnisse ihrer Gaben fordern oder erhalten. Die Sänger aber unddie Sängerinnen, die Größen des Klaviers, des Tanzes, des Vortrages, und der kleinen und großen Orchester werden, wie es-scheint, vielleicht schon mit der bevorstehenden Saison das Land der Milchwirtschaft meiden, wenn nicht...

Die ihnen hier nämlich gezahlten Gagen drohen abzusinken, weil seit November 1946 eine Vorschrift der Preisbildungsstelle Schleswig Eintrittspreise festgesetzt hat, bei denen weder für die Künstler noch für die Konzertdirektionen, die deren Auftreten vermitteln und vorbereiten, noch lohnenswerte Gewinne herauskommen. Die Eintrittspreise für Schleswig-Holstein sind generell auf eine, zwei und vier Mark festgesetzt, doch, schon in dem nicht weniger dicht besiedelten Lande nebenan, in Hannover, sind sie höher (ganz abgesehen von denen, in Hamburg, wo eine eigene Preisregelung gültig ist). Daß aber nirgendwo der Gagenbaum des Künstlers in den Himmel wächst, dafür sorgt der "Gagenstopp" der Landesarbeitsämter (Höchstgage 1500 Mark je Auftreten). Immerhin enthält die Lohntüte, die ein Künstler nach seinem Auftreten heimbringt, oft ein Erkleckliches mehr als die eines Arbeiters während eines ganzen Monats. Mit welchem Recht?, fragten die Vertreter der Gewerkschaften in einer Protestversammlung der Konzertdirektionen, von der gleich die Rede sein wird. Wer nicht mit diesen Dingen vertraut ist, weiß kaum etwas von den Kosten der Jahrelangen, oft bereits im Kindesalter, einsetzenden Ausbildung des Künstlers, weiß nichs von denen des Wartens, bis sein Name Ruf gewonnen hat, ahnt nichts von dem Risiko, dem eines Künstlers Auftreten ausgesetzt ist, und nichts von der unberechenbaren Dauer des Blühens seiner Gaben und seines Könnens.

Eine seit November 1946 bestehende Verwaltungsanweisung der Kontrollkommission der Landesregierung Minden, Hauptabteilung Preis – man verzeihe diesen Bandwurm einer behördlichen Determinierung! –, gibt den Preiskommissaren der einzelnen Länder bei besonders gelegenen Verhältnissen, Vollmachten, zugunsten einer Landesregelung von der Zentralregelung abzuweichen. Das gilt für Preise aller Art. Die Preisstelle Schleswig hat diese Regelung nun in künstlerischer Hinsicht besonders streng genommen und die Preise der Eintrittskarten auf eine bis vier Mark festgesetzt. Sie schließen eine Vergnügungssteuer von 15 v. H. ein (vor dem Kriege hieß sie Lustbarkeitssteuer und betrug 3. v. H.). Auf die Preise kommt obendrein der Aufschlag einer zusätzlichen, sofort abzuführenden Steuer, die beim Kauf der Eintrittskarten erlegt wird.

Gegen diese Preisfestsetzung nun legten die Unternehmer durch ihren Verband der Konzertdirektionen Schleswig-Holsteins e.V. Beschwerde ein und versammelten sich kürzlich in Kiel, um vor den dorthin eingeladenen Vertretern der Landesregierung erneut Protest zu erheben. Der Kern ihrer Polemik, durch den Vorsitzenden des Verbandes, Dr. Goette, vorgetragen, bestand in dem Argument, daß die gegenwärtige Preispolitik bei den hohen geschäftlichen und steuerlichen Unkosten nicht zu vertreten sei. In Hannover betrage derHöchsteintrittspreis 6 Mark; in manchen anderen Orten der Zone gebe es überhaupt keine behördliche Preisfestsetzung.

Die angegriffene. Behörde, die Preisbildungsstelle Schleswig, kam diesmal nicht dazu, eines ihrer Gegenargumente, daß ihre Preispolitik sich auf die unbemittelten Bevölkerungsschichten einstelle, voll auszuspielen, kam auch nicht zur Verlesung eines furchterregend umfangreichen Aktenpaketes, das, Sinnbild des "Papierkrieges", die Versammelten wie eine Keule in der Hand des Referenten bedrohte. – Als charakteristisch für unsere so widerspruchsvolle Gegenwart sei vermerkt, daß billige Eintrittskarten selten, ungern und nur dann gekauft werden, wenn die teueren vergriffen sind, wie dieUnternehmer feststellen, und daß, als zu einer künstlerisch. hochwertigen musikalischen Veranstaltung 100 Eintrittskarten für die billigen Plätze verschenkt werden sollten, nur 31 angenommen wurden, doch nur elf von den Beschenkten besuchten das Konzert, – Es kam also nicht zu der Austragung eines Wortgefechtes, weil die Vertreter der Landesregierung eine neue Aussprache für ein anderes Datum vorschlugen. Dann will ein Ausschuß von Unternehmern, Gewerkschaftsvertretern: und Besuchern erneut versuchen, eine Einigung zu erzielen. Vielleicht gelingt es dadurch, die zu befürchtende Abwanderung der Künstler in gagenfreundlichere Gefilde noch vor der mit dem 1. September beginnenden Saison aufzuhalten, die sie mitden Zugvögeln gemein zu haben pflegen. N.