Liebe eines Sommers – Seite 1

Ein Gedichtzyklus von Manfred Hausmann

Zinnien

Der Strauß von Zinnien, Geliebte, ist es

dort auf der Truhe vor dem hohen Spiegel,

der immer mich verlockt, an anderes

als an dein Antlitz, wenn du sprichst, zu denken.

Was läßt doch, denke ich, die viele Buntheit

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so voller Schwermut und Beglückung sein,

daß ich für einen Augenblick sogar die süße Senkung auf der Freundin Wange

so innig nicht mehr weiß wie sonst? Es liegt

nicht an den Farben, nicht am Samt der Blumen,

wiewohl sie unbegreiflicher sich darum

als das Inwendige von Abendwolken,

– wenn vor dem weichen Fall der Nacht ein Wind

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sie. langsam öffnet und die Glut der roten,

der gilbenden, der lila, der verblauten.

der violetten Dämmerungen da ist. –

Und auch nicht an dem Anflug liegt es, der

wie Staub sich auf den Wölbungen der Blüten,

wie grauer Schmelz von Falterflügeln zeigt.

Vielleicht ist’s aber, weil sie sind wie das.

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was bleibt von einem Traum, wenn man sein fremdes

Hinwandeln lange schon vergessen hat.

Nur daß er schwer von Glück war, weiß man noch,

und bunt und seltsam traurig wie Musik.

Nachklang

Vor einer Stunde saßest du noch hier

und sagtest mir von deiner Sehnsucht und

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von deinem Irrsal mit verzagtem Mund

und schwiegst. Ich sah dich an, sah hinter dir

die großen. Falter hin und wider ziehn,

sah Königskerzen still und Salbei steigen,

das Schleierkraut sich übers Wasser neigen,

die Bienen durch den Glast des Sommers fliehn.

Du flüstertest, doch ich vernahm es nicht.

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Ich sah den Duft nur, der auf allem log.

nur deine wehe Schönheit vor dem Licht

dein Antlitz nur im goldnen Nachmittag.

Am Fenster

Ich bin am Fenster dunkel neben dir.

Und alle Inbrunst, alle Sommerfülle

wird überselig in der großen Stille.

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In dieser Nacht ertrinken wir.

Wir haben uns noch nie geküßt.

Wie still die Stunden gehen,

wie still die Sterne wehen,

wie still dein Antlitz ist,

wie still dein Antlitz ist!

Auf dem Heimweg

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So war die Nacht nicht, als ich zu dir ging,

nicht so wie jetzt, da ich, traumüberhangen,

von deinem lächelnden und todesbangen

Gewähren komme, das mich weich umfing.

Die Stille war nicht so gehalten zwischen

den Föhrenstämmen und den Schlehdornbüschen,

nicht so verblaut und geisterhaft die Luft

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und so durchweht noch nicht vom Mondesduft,

o, und der größeren Gestirne Licht

war nicht wie jetzt, da sich’s in Schleiern bricht.

Nichts ist mehr, wie es war, ich atme schwer.

Was ist mit mir geschehn? Ich bin’s nicht mehr.