Von Hans Leitner, Wirtschaftsverband, Maschinenbau, Düsseldorf

Produktionsmittelexporte waren immer umstritten. Man erinnere sich z. B. an die wiederholten Proteste der Textilindustrie gegen eine Textilmaschinenausfuhr, von der befürchtet wurde, daß sie das Entstehen neuer Textilproduktionen im Auslande begünstigte und damit die Ausfuhrmöglichkeiten für deutsche. Textilerzeugnisse schmälere. Andere Verbrauchsgüterindustrien äußerten die gleichen Bedenken. Es sei dahingestellt, ob die Entwicklung ihnen recht gab. Entscheidend war schließlich, daß eine Zurückhaltung in der Maschinenausfuhr keineswegs auch die anderen großen Maschinenbauländer veranlaßt hätte, ihre Exporte einzustellen oder zu vermindern. Und wenn man nur den gesamtwirtschaftlichen Effekt gelten ließ, d. h. also lediglich die Auswirkung des Maschinenexportes auf die deutsche Devisenbilanz in Betracht zog, so war kaum ein Zweifel möglich, daß eine Beeinträchtigung der Ausfuhr irgendwelcher Verbrauchsgüterindustrien durch die Devisenergiebigkeit der Maschinenausfuhr mehr als ausgeglichen wurde. Der Anteil des Maschinenbaues an der deutschen Gesamtausfuhr lag vor dem Kriege zwischen 13 und 16 v. H. Die Maschinenausfuhr war damit einer der bedeutendsten Aktivposten des deutschen Außenhandels. Außerdem darf nicht übersehen werden, daß von dem im Maschinenexport erzielten Brutto-Devisenerlös nur 10 v. H. für Auslandskosten (einschließlich devisenbelasteter Rohstoffe) beansprucht wurden, so daß 90 v. H. als reiner Valutaerlös verblieben. Mit dem Netto-Devisenertrag der Maschinenausfuhr konnte die Hälfte der vor dem Kriege eingeführten Nahrungs- und Genußmittel devisenmäßig abgedeckt werden.

Seiner früheren Ausfuhrbedeutung entsprechend wird auch heute vom Maschinenbau eine sofortige und wirksame Wiedereinschaltung in den Export erwartet. Wiederum aber sind die Meinungen über die Zweckmäßigkeit einer Maschinenausfuhr nicht einhellig; diesmal jedoch aus ganz anderen und zweifellos sehr gewichtigen Gründen. Es wird die Frage gestellt, ob nicht angesichts des ungemein großen und dringenden Maschinenmangels im Inlande, dem eine viel zu geringe Maschinenproduktion gegenübersteht, die Maschinenausfuhr einen "Ausverkauf", d. h. Substanzverlust, bedeuten würde. Können wir es uns leisten, die durch Demontagen und Beschlagnahmen eingetretenen Maschinenverluste noch dadurch zu vergrößern, daß wir zugunsten des Exportes auf einen erheblichen Teil der neu gefertigten Maschinen verzichten?

Diese Frage wäre ohne weiteres zu verneinen, wenn wir die Wahl hätten, das eine oder das andere, zu tun. Aber der Zwang, zu exportieren, ist ebenso unausweichlich wie die Notwendigkeit, zur Ausfuhr diejenigen Fertigwarenindustrien heranzuziehen, die auch früher die Stützen des deutschen Exportes waren. Daß ein Umbau der Ausfuhrstruktur im Sinne einer Verstärkung der Rohstoffexporte nicht in Betracht kommt, braucht nicht nochmals betont zu werden. Es bleibt also nichts anderes übrig, als wohl oder übel auch künftig Maschinen zu exportieren. Wie die gesamte Fertigwarenausfuhr wird-auch die Maschinenausfuhr sogar noch wesentlich über den Vorkriegsstand hinaus gesteigert werden, – müssen, wenn es uns gelingen soll, den elementarsten Einfuhrbedarf aus eigenen Mitteln zu bestreiten. Das Ausfuhrproblem ist damit in erster Linie ein Kapazitätsproblem.

Würde man den künftigen Maschinenexport zunächst nur mit 800 Mill. RM jährlich in Ansatz bringen (gegenüber rd. 790 Mill. 1932), so wäre ein solches Ausfuhrvolumen auf der Grundlage des im Berliner Industrieplan festgelegten Umfanges der Maschinenproduktion niemals erreichbar. Die Exportfähigkeit der Maschinenindustrie setzt einen genügend breiten Inlandsabsatz voraus, nicht allein, um kontinuierlich und damit billig genug zu produzieren, sondern auch um Neuentwicklungen, die für einen erfolgreichen Wettbewerb im Ausland von so großer Wichtigkeit sind, im Inlande in allen Richtungen erproben zu können. Außerdem ist gerade im Maschinennbau das Ausfuhrgeschäft so anspruchsvoll und kompliziert, daß auch im Interesse der Risikoverteilung ein gesundes Verhältnis zwischen Inlandsabsatz und Ausfuhr gewahrt bleiben muß. Im Durchschnitt der letzten zehn Jahre vor dem Kriege belief sich im Maschinenbau der Anteil des Exportes am Gesamtumsatz auf rd. 28 v. H. Auf die im ‚Industrieplan erlaubte Maximalproduktion bezogen, würden 800 Mill. RM Maschinenexport einer Exportquote von 41 v. H. entsprechen. Es soll nicht geleugnet werden, daß es in der Zeit zwischen beiden Kriegen Jahre gegeben hat, in denen die Exportquote des Maschinenbaues sogar über 50 v. H. lag. Aber entweder ist dabei eine wesentlich breitere Berechnungsbasis zu berücksichtigen oder doch zu bedenken, daß eine maschinengesättigte Wirtschaft Ersatzbeschaffungen und Neuinvestitionen vorübergehend ohne schädliche Folgen vernachlässigen kann. Unter den heutigen Verhältnissen und falls sich an dem Produktionsniveau des Industrieplanes nichts ändern würde, wäre eine Ex- – portquote des Maschinenbaues in Höhe von 41 v. H. weder erträglich noch überhaupt erreichbar. Auch von dieser Seite her muß daher die Aufhebung der im Berliner Industrieplan festgelegten Kapazitäts- und Produktionsbeschränkungen gefordert werden.

Die in der bisherigen ersten Phase des Anlaufs im Maschinenexport gemachten Erfahrungen lassen sich dahingehend zusammenfassen, daß die gegenwärtigen Produktionsschwierigkeiten zu groß und die Unsicherheiten zu vielfältig sind, um in nennenswertem Umfange Auslandsabschlüsse tätigen zu können. Es scheint auch, daß die Absatzlage für deutsche Maschinenbauerzeugnisse doch nicht ganz so günstig ist, wie man anfangs annahm. Nicht etwa, weil die Größe des Maschinenbedarfs in den früher von Deutschland belieferten Ländern überschätzt worden wäre, sondern weil sich inzwischen gezeigt hat, daß der deutsche Maschinenbau infolge denkbar ungünstiger Umrechnungsrelationen der Reichsmark zur Valuta in vielen. Fällen über dem Preisniveau des Weltmarktes liegt. Hinzu kommt, daß die derzeitige Form der Exportabwicklung für langfristig zu vereinbarende und speziellen Erfordernissen anzupassende Lieferungen, wie sie im Maschinenbau üblich, sind, immer noch viel zu schwerfällig ist.

Alles, was zur Zeit im Maschinenbau getan werden kann, dient daher auch weiterhin nicht so sehr der Bewerkstelligung eines gegenwärtigen als vielmehr der Vorbereitung eines künftigen Exportes. Es ist eine Vorbereitung im weitesten Sinne. Hierzu zählen sowohl die Bemühungen um die Erhalt tung der Betriebe und ihrer Belegschaften, die Bemühungen um die Wiederherstellung der Rentabilität, die Anpassung und Umstellung der Produktionsprogramme, die Orientierung über die Marktlage im Ausland, die Wiederanknüpfung alter Beziehungen zu Auslandskunden und Auslandsvertretern, die Mitarbeit an der Verbesserung des Ausfuhrverfahrens u. a. m. Ob diese Vorbereitungszeit auch dazu benutzt werden kann, die Weiterentwicklung der technischen Ausführungen im Maschinenbau wieder aufzunehmen, hängt, wie vieles andere auch, nicht allein von den einzelnen Firmen ab. Eine sehr wesentliche Voraussetzung dafür ist es, daß die Wirtschaft ganz allgemein ein gewisses Maß von Bewegungsfreiheit wiedergewinnt, auch eine Bewegungsfreiheit in der Forschung, ohne die nach dem Verlust des deutschen Patentkapitals ein Fußfassen und Fortschreiten auf dem Weltmarkt nicht möglich sein dürfte.