Die Offenbacher Lederwarenindustrie gehört zu den Wirtschaftszweigen, die nach dem Zusammenbruch am schnellsten wieder in Arbeit gekommen sind. Offenbach darf darüber hinaus wohl den Anspruch erheben, daß von hier aus die ersten positiven Ansätze für eine Ausfuhr gemacht wurden. Der Platz stand 1945 ja nicht zum erstenmal vor der Aufgabe, ein vollkommen zerrissenes Netz von internationalen Verbindungen wiederanzuknüpfen. Schon nach dem ersten Weltkrieg hat es diese Aufgabe einmal mit Erfolg gelöst. Aber auch zu anderen Zeiten mußte die Stellung am -Weltmarkt immer wieder neu erkämpft werden, weil äußere Einflüsse (Schutzzölle, Devisenschwierigkeiten modische Änderungen usw.) die Verbindungen abreißen ließen.

Eine baldige Wiederaufnahme des Exports ist der erste Gedanke bei Wiederbeginn der Erzeugung gewesen, und man hat weder Arbeit noch Rohstoffe dabei geschont. Den Anfang glaubte man damit zu machen, daß man über die Besatzungmacht einen Weg öffnete. Es wurde in Offenbach ein Store geschaffen, in dem höchstwertige Lederwaren an die Besatzungsangehörigen verkauft wurden. Die endlose Schlange, die sich bereits in den frühen Morgenstunden bildete, gespeist aus Dutzenden von Omnibussen, Lastwagen und Personenwagen; die aus allen Richtungen nach Offenbach kamen, zeigte das groß? Interesse der amerikanischen Soldaten für die Offenbacher Lederwaren. Tatsächlich sind auf diesem Wege für mehr als 8 Mill. RM höchst-, wertige Lederwaren verkauft worden – aber eben nur gegen Reichsmark. Es hat sich also kein echtes Exportgeschäft entwickelt, dessen Deviseneingänge zum Einkauf von ausländischem Leder hätten gebraucht werden können. Lediglich ein kleiner Posten dänischer Schaffelle kam zu sehr hohen Preisen – etwa des Fünffacher des Friedenspreises – herein.

Die Bemühungen, ein größeres Exportgeschäft mit Amerika zustande zu bringen, haben nur ein sehr begrenztes Ergebnis gehabt. Dieses Ergebnis ist, vielfach mißverstanden worden, weil man daraus. Rückschlüsse auf die internationale Lieferfähigkeit Offenbachs zog. Solche Rückschlüsse sind aber absolut, unberechtigt. Die USA sind niemals ein wirklich großer Abnehmer für Offenbach gewesen, wenn wir von den Zeiten unmittelbar vor dem ersten Weltkrieg absehen. Das moderne Amerika legt keinen Wert auf die hochwertigen Offenbacher Lederwaren als Massenartikel. Dort will die Frau zu jedem Kleid die passende Handtasche, und diese soll möglichst so schnell gewechselt werden wie das Kleid. Auch werden in den Farben ganz andere Anforderungen gestellt als für Offenbacher Wertartikel, die eine gewisse Zeitlosigkeit haben müssen. Lediglich ein ganz kleiner Ausschnitt der Amerikanerinnen konnte, sich die hochwertigen Offenbacher Waren leisten, wozu auch die Spitzenklassen der Koffer mit Einrichtungen gehören, und vor allen Dingen die Beauty-box, das "Schönheitsköfferchen", aus erlesenstem Material. Gold, Silber, Elfenbein und Emaille spielten hierbei eine wichtigere Rolle als das Leder. Aber auch diese Artikel wurden zum sehr großen Teil nicht unmittelbar in die USA exportiert, sondern die Amerikanerinnen kauften sie bei ihren Besuchen in Deutschland oder noch häufiger in Paris oder an den anderen internationalen Treffpunkten der "großen Welt" – in diesen Fällen meistens ohne zu wissen, daß es sich um Offenbacher Erzeugnisse handelt. Der steigende Massenbedarf an Lederwaren für die breitesten Bevölkerungsschichten in den USA ist also kaum eine Grundlage für ein Exportgeschäft auf weite Sicht, zumal, der Geschmack dort noch eigenwilliger geworden ist. Ihm nachzugehen, hat wenig Zweck, weil hierzu die Rohstoffgrundlage fehlt. Dieses Geschäft ist eben kein Export von Arbeit und Geschmack in ihren Höchstleistungen, sondern diese Ausfuhr wäre rein rohstofforientiert, und dafür, fehlen uns weitgehend die Grundlagen.

Die Erfahrungen des USA-Geschäftes vermögen also keinerlei Aussagen über die Weltmarktstellung der Offenbacher Lederwarenindustrie zu geben. Diese wird vielmehr allein dadurch gekennzeichnet, wieweit die europäischen Länder: zu einer Aufnahme Offenbacher Artikel bereit sind. Hier lag der Schwerpunkt des Ausfuhrgeschäftes, und die nach Übersee gehenden Waren folgten auch meistens den europäischen Verkehrsströmen. Seitens der europäischen Länder wird aber nach wie, vor ein sehr starkes Interesse für die Offenbacher Erzeugnisse gezeigt. Daß es dabei weitgehend beim Interesse bleiben muß, liegt kaum in der Absicht der Kaufinteressenten, sondern in den gesamteuropäischen Verhältnissen, Eine Kompensation von Land zu Land ist bisher noch nicht zustande gekommen. Die Amerikaner verlangten Zahlung in Dollar, und diese sind in allen europäischen Ländern äußerst knapp. Jedenfalls gibt es im allgemeinen wichtigere Dinge, die auf der Dringlichkeitsliste des volkswirtschaftlichen Bedarfs wesentlich höher stehen. Wenn trotz dieser Lage die Offenbacher Lederwarenindustrie berichtet, daß für über 300 000 Dollar Exportabschlüsse getätigt werden konnten, dann ist wohl ihre Leistungsfähigkeit ausreichend bewiesen.

Allerdings bedeuten heute Exportabschlüsse noch keinen Export. Zunächst gehört zum tatsächlichen Export die Genehmigung der Besatzungsmacht, neuerdings der JEIA, und diese Bestätigungen lassen vorläufig noch auf sich warten. Aber auch wenn diese Bestätigungen da sind, wird die Durchführung der Geschäfte nicht ganz einfach sein. Das Schicksal von Offenbar steht und fällt mit Spitzenleistungen; Das zeigt sich auch jetzt schon wieder, denn die Abschlüsse erstrecken sich fast ausschließlich auf Spitzenerzeugnisse, die gleichwenig in Form, Arbeit und Material sind. Form und Arbeit haben wir über den Krieg, gerettet und können wir jeden Tag wieder einsetzen, aber im Material ist die Lederwarenindustrie weitestgehend auf ausländische Zulieferungen angewiesen. Die über den Krieg geretteten Bestände würden weitestgehend in der Hoffnung auf baldigen echten Export mit entsprechenden Gegenlieferungen an Leder in dem erwähnten Geschäft mit den Besatzungstruppen eingesetzt. Auch die Offenbacher Lederwarenindustrie ist eine Veredelungsindustrie im wahrsten Sinne des Wortes, denn sie hat Rotbaute aus allen Teilen der Welt eingeführt. Diese wurden entweder in Offenbach selbst durch Spezialbetriebe gegerbt, oder man bezog sie verarbeitet von den leistungsfähigsten Gerbereien, die auch bedeutenden unmittelbaren Export hatten. Dieser glatte Fluß der Rohstoffe ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für das erwünschte Aufblühen der Offenbacher Lederwarenausfuhr.