DIE ZEIT

Zunächst, im Jahre 1945, sah es so aus, als ob sich die Trennungslinie verlagert habe, die nach der klassischen Theorie vom Klassenkampf zwischen den "Besitzern von Produktionsmitteln" und den ausschließlich vom "Verkauf ihrer Arbeitskraft Lebenden" gezogen ist. Selbst kluge Leute, die plötzlich zu Habenichtsen geworden waren, meinten damals, daß sich eine neue "Klassenkampfsituation" ergeben werde: Zwischen den im Besitz Gebliebenen einerseits; den Ausgebombten und Heimatvertriebenen andererseits. Mittlerweile ist wohl offensichtlich geworden, daß diese neue Theorie vom Klassenkampf nicht zutreffend war. Wie das so gekommen ist, könnte ein Thema für eine sehr bedeutungsvolle soziologische Dissertation werden – überlassen wir es also ruhig deren Autor, sich mit scharfsinniger Analyse dieses; Stoffes anzunehmen!

Während der kritischen Lage der Lebensmittelversorgung im Frühjahr 1947 haben andere, nicht minder kluge Leute die These verfochten, daß der "neue Typ" des Klassenkampfes zwischen Selbstversorgern und Normalverbrauchern ausgefochten werde. Auch das trifft offenbar nicht zu, weil es zu einseitig gesehen ist und die inzwischen eingetretene Entwicklung ignoriert, in derem Zuge sich ganze Arbeiterkategorien – amtlich anerkannte "Mangelberufe" und solche, die es, nur effektiv sind – sich eine den "Sachwertbesitzern" weitgehend gleichwertige Situation gesichert haben.

Dafür ein Beispiel. Am Frankfurter Hauptbahnhof hängen große Plakate der Oberbauleitung "Zweizonenaktion". Bauarbeiter aller Sparten werden gesucht, Sie erhalten: ein, zusätzliches amerikanisches Mittagessen, erhöhte Tarife, Unterbringung, Zuzugsgenehmigung, Betreuung und Freizeitgestaltung. Wenn das nicht zieht! denkt der naive Leser. Aber: es zieht nicht/wie unser Frankfurter Korrespondent uns berichtet; die Meldungen liegen weit unter den erwarteten Zahlen, und der Zustrom von außerhalb bleibt-trotz der gebotenen Vorteile recht gering. (Die Folge ist, daß wieder einmal "Zwangsmaßnahmen" beabsichtigt werden.) Der Schlüssel für dies Rätsel aber liegt in der Höhe, der schwarz gezahlten Bauarbeiterlöhne. Ein Bauunternehmer nannte die folgenden "gängigen" Sätze: ein warmes Essen und 10 amerikanische Zigaretten täglich; je Woche außerdem drei Brote (zu je 1 Kilogramm). Das, so wurde uns versichert, war bereits die Norm, ehe die Oberbauleitung "Zweizonenaktion" mit ihrem Konkurrenzangebot herauskam. Inzwischen mögen die Sätze noch höher geklettert sein...

Aber lassen wir einmal die Frage ruhig offen, was da und dort effektiv an schwarzen Löhnen gezahlt wird, wie auch die weitere Frage, wie groß der Kreis der Bevorzugten, der zu schwarzen Sätzen Entlohnten, nun wirklich sein mag. Es genügt für unsere Betrachtung völlig, die Tatsache hervorzuheben, daß erhöhe Tarife, die Gewährung einer Zuzugsgenehmigung für die Großstadt und die Unterbringung dort, plus einem zusätzlich zur normalen Schwer? oder Schwerstarbeiterkarte gegebenen warmen Essen aus USA-Beständen, keinen ausreichenden Anreiz zum Arbeitsplatzwechsel für Tausende oder gar Zehntausende bedeuten. Und das, obgleich eine durchaus "normale" Arbeit, die Arbeit auf der Baustelle, in Frage steht, nicht die besonders harte und (für den Bergfremden) immer etwas unheimliche Arbeit unter Tage mit ihrem hohen Verschleiß an Arbeitsbekleidung – für die, mit einigem Erfolg, durch einen weit stärkeren Anmit (Bergmannsbutterbrot, warmes Essen und Punkte) geworben wird. Warum aber sind die gebotenen Arbeitsprämien und die sonstigen Vorzüge nicht voll wirksam? Ganz offenbar doch deshalb, weil – für ähnlich schwere und nicht besonders erstrebte Arbeit – bereits ähnlich hohe Prämien (oder analoge Vorteile) schon ganz allgemein in Anwendung sind.

Gewiß, man kann versuchen, sich dieser ("ungesunden") Entwicklung entgegenzustemmen, die ganz offenbar, wie Herr Arbeitsminister Halbfell in Düsseldorf erst kürzlich – feststellen mußte, alle Wirtschaftsplanung illusorisch zu machen droht, weil die behördlicherseits erstrebte lückenlose Bewirtschaftung der "Ware Arbeitskraft" genau so wenig funktioniert wie jede sonstige Warenbewirtschaftung. Aber ob die behördlicherseits in Erwägung gezogene zusätzliche Zuteilung von Lebensmitteln, Arbeitsbekleidung und Wohnungen an die Angehörigen weiterer Mangelberufe – siehe die Erfahrungen mit dem Punktsystem! – dem Arbeiter mehr geben kann, als er heute (in "echten" Mangelberufen) schon schwarz erhält, muß bezweifelt fernen. Bleibt als letzter Ausweg die behördlicherseits, nach Minister. Halbfell, weiterhin erwogene "Schließung nicht-lebenswichtiger Betrebe", mit dem Ziel, so das Angebot der "Ware Arbeitskraft" zu erhöhen und die schwarzen Löhne zu drücken.

Aber wir fürchten, der behördlicherseits vorhandene Fundus an wirtschaftlicher Weisheit, der (einstmals) vielleicht gerade noch ausreichte, zwischen "rüstungswichtigen" und "rüstungsunwichtigen" Betrieben zu unterscheiden, ist einfach nicht groß genug, um "lebenswichtig" und "lebensunwichtig" zu trennen. Wäre nämlich diese Weisheit vorhanden, dann würde heute ja längst schon kein "unwichtiger" Betrieb mehr Kohle oder Kraftstrom zugewiesen erhalten, während gleichzeitig, wegen Mangel an Kohle oder Energie, solch Betriebe feiern müssen, die – auf dem Papier – im Besitz aller Prioritäten sind. Man macht die Dinge nicht dadurch besser, daß man ein "neues" Planungssystem fordert, das längst vorhanden ist, aber wegen mangelnder behördlicher Übersicht eben wohl nicht ganz sinnvoll funktioniert.

Und ganz grundsätzlich ist es wohl auch so, daß die Wirtschaft um so eher wieder in Gang kommt, je weniger die "Planer und Lenker", mit Stillegungen, Produktionsverboten, Stromabschaltungen, Arbeiterverpflanzungen und dergleichen, ihre Aufgabe im Negativen sehen. In einer Wirtschaft, wo zu nominellen Preisen gerade noch 1200 oder günstigenfalls 1500 Kalorien (und allenfalls acht Quadratmeter Wohnfläche, mit etwas Licht und Kochgas), zu haben sind, Wird naturgemäß auch zu nominellen Löhnen nicht mehr gearbeitet. Deshalb, nämlich weil das Geld seine Funktionsfähigkeit weitgehend eingebüßt hat – auch infolge, einer Zwangsbewirtschaftung, bei der das "zweite Papier" zunehmend die Geltung der Papiermark einschränkte – funktioniert die Zwangswirtschaft auch immer weniger. Kommt aber eines Tages endlich die nun von (fast) allen Seiten als vordringlich anerkannte Geldreform, sind also wieder klare Grundlagen für die Kalkulation gegeben, dann ist damit die Zwangswirtschaft weitgehend überflüssig geworden. Ein Minimum an echter, zentral (über die Kreditwirtschaft) angesetzter Lenkung wird künftig genügen, und keine Behörde wird sich mehr darum sorgen müssen, "lebensunwichtige" Betriebe aufzuspüren, sie stillzulegen und ihren Arbeiterstamm im Wege der Dienstverpflichtungen zu "bewirtschaften". Kleine Nuancierungen in der Lohn- und Preispolitik werden ferner ausreichen, um die Erzeugung da zu fördern, dort zu bremsen; im übrigen werden Löhne und Preise, Kosten und Erträge genug Anreiz für die notwendige Erzeugung geben, Hemmnis genug für unwirtschaftliches Arbeiten sein. Man möge-also etwas mehr Scharfsinn und Energie in Sachen Vorbereitung der Geldreform investieren, anstatt neue Zwangsmaßnahmen auszuklügeln für eine Reform des Systems der Energie-Waren-, und Arbeitskraftbewirtschaftung, das bei der gegenwärtigen Geldsituation von Tag zu Tag unwirksamer, wird. E. T.