Von Karl O. Paetel

Der Schriftsteller und Journalist Karl O. Paetel, New York, hatte sich an die "Zeit" gewandt, mit dem Vorschlag, weitere Möglichkeiten zu suchen, daß Publizisten des Auslandes, insbesondere Nordamerikas, Männer der Öffentlichkeit und also die Öffentlichkeit selbst über die Zustände in Deutschland unterrichtet würden. Es sind in aller Welt eine Reihe Irrtümer über das Deutschland unserer Tage, verbreitet! es herrschen überall noch Antipathien, die dem Nationalsozialismus zuzuschreiben sind. Hier nun darf kein Mittel der Unterrichtung ausgelassen werden. Die Briefe, die Karl O. Paetel auf, diesen seinen Vorschlag zugingen, werfen ein Schlaglicht auf einen großen Teil der Erwartungen, die von vielen in Deutschland an viele Ausländer gestellt werden – und leider nicht immer ein gutes. Nicht nur für das Ausland, sondern auch für uns selbst, gilt es, nachdenklich zu werden! Die Sachlichkeit, die wir verlangen, wird zunächst von uns zu fordern sein! Allein schon um dieser Tatsache willen ist Paerels Antwort auf deutsche Leserbriefe interessant und der Beherzigung wert.

Während der letzten Tage hat wahrscheinlich mein Briefträger mich verflucht: mehr als 350 Briefe liefen bei mir ein als Antwort auf meine Zuschrift an die Hamburger "Zeit" und auf eigen in der "Neuen Zeitung", München, daraus veröffentlichten Auszug. – Ich danke allen, die mir schrieben! Vor allem denen, die Zeitungsausschnitte, Zeitschriften und Bücher sandten! Jeder Bericht, jedes Zitat wird aufmerksam gelesen und irgendwie – wenn auch oft nur indirekt – mit dazu verwandt werden, hier in den USA ein wenigüber die deutsche Realität wahrheitsgemäß zu berichten. Wenn ich im folgenden mir ein paar Bemerkungen zu den Briefen gestatte. die vielleicht den einen oder andern enttäuschen, bitte ich um Entschuldigung. Aber es hat keinen Sinn, sich gegenseitig etwas vorzumachen.

Fast alle Zuschriften überschätzen bei weitem meine persönlichen Möglichkeiten. So komisch es für manchen in Deutschland heute klingen mag:, auch, im gelobten Land Amerika muß man hart um seinen Lebensunterhalt kämpfen. Ich bin. – so schmerzlich dieses Nein mir ist – nicht in der Lage, Pakete an jeden zu senden, der an mich schreibt. Ich kann weder Verwandte und Freunde für mehrere Dutzend Leute suchen, noch bestimmte Buch-, Zeitschriften- oder Kleiderwünsche ohne weiteres erfüllen, so gerne ich das tun würde, dazu in der Lage wäre.

Niemand, der auf meinen Appell, Material über die deutsche Situation an ausländische Journalisten zu senden, positiv reagierte, kann sich aus dieser Bereitschaft leider eine "kleine Einnahme verschaffen. Ich kann nicht einmal allen auf ihre Briefe antworten. Ich bin ein einzelner deutscher exilierter Schriftsteller, der seine Freizeit, zusammen mit einigen Freunden dazu verwendet, "ehrenamtlich", ohne einen Pfennig Verdienst, mit einem regelmäßigen Informationsdienst "Deutsche Gegenwart", einem bestimmten Sektor deutschsprachiger Amerikaner einige Wahrheiten über die Lage in Deutschland zu berichten, der aber einfach machtlos ist – aus geldlichen und zeitlichen Gründen – allen Deutschen, die an ihn schreiben, in ihren speziellen Problemen zu helfen.

Man gestatte mir einige Worte zu dem Material, das man mir zusandte. Zeitungsausschnitte, die nicht genaues Datum, Erscheinungsort und Titel der Zeitung oder Zeitschrift enthalten, sind für eine publizistische Verwendung wertlos. Alle Reden der großen Staatsmänner, Interviews mit leitenden Persönlichkeiten der Occupation, die durch das britische Reuterbüro oder die amerikanischen Nachrichtendienste AP (Associated Press) und UP (United Press) verbreitet wurden, sind überflüssig. Das Ausland hat jeweils den Originaltext. Auch die offiziellen Kalorienzahlen sind inzwischen so bekannt geworden, daß ihre Mitteilung sich erübrigt; dagegen sind wichtig Einzelerhebungen, etwa wenn eine-Stadt festgestellt hat, wieviel Schuhe für eine besimmte Zeitspanne zur Verfügung standen, wie lange Flüchtlingsfamilien in einem Bunker Hausen – alles wieder nur dann, wenn es nicht Gerüchte, sondern amtliches Material wiedergibt! – Feuilletonistische Originalartikel in deutscher Sprache sind kaum zu lanzieren, Gedichte nur, wenn sie außergewöhnlich gut sind. Die deutschamerikanische Presse hat genügend Zusendungen dieser Art. Daß sie nicht gerade immer geschickten Gebrauch davon macht, steht auf einem ganz andern Blatt. – Mein Vorschlag aber meinte vor allem: Beliefert Journalisten, Radiokommentatoren und Erzieher, die in den fremdsprachigen Zeitungen und Zeitschriften zu Wort kommen – oder zu Wort kommen könnten, wenn sie durch das Gewicht des ihnen zugeleiteten Materials dazu innerlich getrieben würden!

Natürlich – ich wiederhole das – bin ich froh über jeden Bericht, den man mir sendet! Aber der Radius meiner und meiner Freunde Arbeit ist recht begrenzt. Um wirklich auf die Dauer von diesen Informationen Wirkungen zu erzielen, müssen die gutwilligen und aufnahmebereiten Journalisten, der großen Auslandspresse erreicht werden. Es fällt mir auf, daß nur wenige Briefe mich nach solchen Adressen fragen! Alle andern ergreifen die Gelegenheit eines sich anscheinend bietenden personlichen Briefwechsels mit kuriosen Sonderwünschen dabei: der eine wünscht Tausch von Postkarten und ausländischen Briefmarken, ein. anderer die Adresse einer Konzertagentur, ein vor vierzig Jahren in den USA publiziertes Buch, einen amerikanischen Verleger für ein Buch. Empfehlungen an die Presse. Geräte für Sportspiele und vieles andere. Fast alle erhoffen in irgendeiner Form – Hilfe.