Die Deutschen und "die übrige Welt" – wie die verräterische Formulierung oft lautet – sind untrennbar. Die Welt mag ganz beruhigt sein: wir Deutschen lasset nicht von ihr. Wir Deutschen haben eine Schwäche für die Welt. Von alter Zeither bemüht sind ja die Sachsen, wie sie, den Hut an einer Aufhängevorrichtung vor dem Bauch befestigt, die Welt in Augenschein nahmen. Das war die Lust, die Welt durchs Auge zu erobern. Das hätten wir also hinter uns. Und jetzt kommt der neue Ansturm auf die Welt.

Die Welt hat geglaubt, sich gegen uns beschützen zu können, indem sie uns politisch, militärisch und wirtschaftlich, entmachtete. Ach, sie kennt die Deutschen schlecht. Denn jetzt kommen wir ihr international. Mit jenem unvergleichlichen Mangel an. Instinkt, der oft gutartige Personen und Personengruppen auszeichnet, stürzen wir uns auf die Welt, um sie an unsere ausgemergelte Brust zu drücken. Pionierin war jene bedauernswerte deutsehe Kriegerwitwe, die sich im Sommer 1946 zur Eröffnung der leichtathletischen Europameisterschaften in Oslo an die Veranstalter wandte und sich erbot, den Siegern-Preise zu überreichen – zur Erinnerung an ihren gefallenen Mann, der ein hervorragender Sportler gewesen war. Gewisse Mängel des deutschen Nachrichtendienstes verhinderten leider, daß den deutschen Zeitungslesern die Kommentare zur Kenntnis gebracht wurden, mit denen die Weltöffentlichkeit auf dieses Angebot reagierte. So ist es wohl auch zu erklären, daß sich bald ein Kreis vortrefflicher Männer, mit bewunderswürdigem Eifer an die Gründung, eines "Deutschen Olympischen Komitees" machten. Ausgehend von der Überzeugung, daß sich der internationale Sport nur durch seine Scheu davon abhalten lasse, die ersehnte Verbindung mit den Deutschen wieder aufzunehmen, beschloß man eilends, nachzuhelfen. Man Versicherte täglich, daß man sehr gern wieder zur Pflege der internationalen Beziehungen bereit sei – als ob die Welt daran gezweifelt hätte!

Wir Deutschen sind, wie die Boxer sagen, "hart im Nehmen", daher auch die Ereignisse bei der Züricher Sitzung des PEN-Clubs mit wohlwollender Toleranz aufgenommen worden sind. Solche Mißverständnisse bedeuten ja nichts, sagen sie, und rüsten sich für eine neue Runde. Und die bedauernswerte Welt, die das Tempo der mit glühenden! Herzen und bestem Willen vorstürmenden, um Verbrüderung ekstatisch bemühten Deutschen in normalen. Grenzen halten, ja nur ein ganz klein wenig verzögern möchte, ist ratlos. Was soll sie gegenüber so viel Herzlichkeit anstellen? Ausländische Redner dürfen sich kaum noch auf deutsche Podien wagen. Knapp haben sie "Meine Damen und Herren" gesagt, da bricht ein Beifallssturm los. Sie lächeln, sie winken ab, sie sprechen weiter: "... hat es mich sehr gefreut, nach langer Zeit wieder einmal zu Deutschen sprechen zu können ...". und der Saal tobt, fast, wütet vor Verbrüderung. Die Welt hat es schwer mit uns, wir sollten uns das eingestehen! Sie kann sich nur helfen, indem, sie den Finger auf die Wunden unserer Fragebogen legt und von dem immer noch nicht ausgereiften demokratischen Geist spricht. Und wir liefern hiervon sofort den Anschauungsunterricht, indem wir sagen: "Nehmen Sie nur einen Mann wie Schumacher. Ist der vielleicht Demokrat? Der ist Nazi..." Und die Welt, die das hört, ist verzweifelt. –

Wer, im Ausland lebend, früher geradezu körperliche Schmerzen erlitten hat beim Zusammenstoß des Expansionsdranges deutscher Herzlichkeit mit nichtdeutscher Reserviertheit, der weiß, was die Welt jetzt erdulden muß.

Früher wurden Deutsche, die um die Normalisierung des Verhältnisses zur Welt bemüht waren, in die weiträumige Kategorie der vaterlandslosen Gesellen eingereiht. Wohin kommen sie heute? Vielleicht-in die Klasse der Mitläufer. –

Zum Schluß ein Wort zur Besänftigung des "Reichsverbandes entschiedener deutscher nationaler Demokraten" (Es gibt ihn noch nicht? Es wird ihn bald, geben!): unter uns gesagt, in aller Ruhe und Friedlichkeit, Wir werden schon ein es Tages mit der Welt einig werden. Nur, um Himmels willen, mäßigt die deutsche Hast! Nehmt es ruhiger, vergewaltigt nicht die Welt mit eurem Freundschaftssturm! Es wird schon alles werden, nach und nach. Und wenn die deutschen Sprinter jetzt noch nicht mit ihren Leistungen den Anschluß an die internationale Spitzenklasse finden können - es macht ja nichts. Dann warten wir noch ein bißchen. Und wenn wir noch nicht zu diesem oder jenem eingeladen werden, dann wollen wir nicht dadurch nachzuhelfen versuchen, daß wir deutsche Einladungskomitees gründen und vor der Tür herumtrampeln.

Wir müssen bedeutend ruhiger werden.

P. Chr. B.