Zwischen den anglo-amerikanischen Militärregierungen und allen Deutschen besteht Einigkeit darüber, daß der deutsche Export im Interesse der ethisch-amerikanischen Steuerzahler und zur Selbsterhaltung des deutschen Volkes erhöht werden muß. Meinungsverschiedenheiten herrschen dagegen über die Frage, was aus Deutschland exportiert werden soll. Da es darauf ankommt, zur Bezahlung der notwendigen Einfuhren von Lebensmitteln und Rohstoffen möglichst hohe Beträge an Devisen hereinzubringen, müßten an erster Stelle arbeitsintensive Fertigwaren für die Ausfuhr bereitgestellt werden. In Wirklichkeit aber werden im großen Umfange Roistoffe (besonders Kohle und Holz) exportiert, die für die Belebung der deutschen Wirtschaft von entscheidender Bedeutung sind, weil sie die „Iritialzündung“ hervorrufen, sollen.

Alle deutschen Versuche, wenigstens eine vorübergehende Unterbrechung der Kohlenausfuhr und eine wesentliche Einschränkung des Holzexportes zu erreichen, sind bisher gescheitert. Kohlen sind ebenso wie Holz für die Ausfuhr zwar leicht greifbar. Daß der Kohlenexport zur Wiederherstellung der Wirtschaftsstabilität von Europa notwendig sei, wir! von der Gegenseite stets betont, so auch wieder in der Begründung des sogenannten Ausfuhrplates der vereinigten Westzonen, wonach unter Berücksichtigung der zurückgebliebenen Kohlenförderung der Gesamtexport für die Zeit vom April 1947 bis März 1948 rund 350 Mill. $ betragen soll. Der Plan unterstreicht selbst die großen Vorteile der Ausfuhr von Fertigerzeugnissen, wenn er für die Herstellung der für den Export veranschlagten Fertigwaren im Werte von 100 Mill. $ nur etwa 330000 t Kohle ansetzt, während nach den bisherigen Ausfuhrpreisen (13 $ für die Tonne) ungefähr 7,7 Mill. t Kohle – also mehr als die Hälfte der ... vorgesehenen Menge – ausgeführt werden müssen, um den Erlös von 100 Mill. $ zu erzielen.

Unerwünscht ist auch die Ausfuhr von Industrieanlagen auf dem Wege der Demontage, besonders wem es sich um Werke handelt, die der Friedensproduktion gedient haben oder auf Friedensarbeit umgestellt werden können. Wird die bisherige Demontagepolitik fortgesetzt, und hält die damit verbundene Ungewißheit an, so wächst die Gefahr daß im deutschen Volk das Vertrauen in die uns gegenüber angewandte Wirtschafts- und Industriepolitik von Tag zu Tag weiter abnimmt Kann die deutsche Industrie aus Mangel an Kohle und Energie in den übervölkerten Westzonen nicht in Gang gebracht und gehalten werden, dann ist es ferner unmöglich, die hier zusamnengedrängte Bevölkerung zu beschäftigen, menschenwürdig zu ernähren und zu kleiden, so daß in eine Auswanderung in großem Umfang gedacht werden muß. Diese Entwicklung an Stelle des Exportes von Fertigwaren ist ebenso unerwünscht wie die Abwanderung so vieler wissenschaftlicher Kräfte, die erst im Laufe der Zeit zum Nachteil Deutschlands stärker fühlbar werden wird.

Wenn die europäische Wirtschaftsstabilität wiederhergestellt werden und jedes Land entsprechend seinen Bodenschätzen und seiner industriellen Leistungsfähigkeit einen Beitrag dazu leisten soll, muß auch alles vermieden werden, was die natürliche und historisch gewordene europäische Arbeitsteilung stört und hemmt. Der schwer mitgenommene Kontinent kann nur dann wieder zu neuem wirtschaftlichen und politischen Leben erweckt werden, wenn die nationalistische Wirtschaftspolitik, wie auch immer sie begründet sein mag, von einer vertrauensvollen Zusammenarbeit auf allen Gebieten abgelöst wird. Gegen den Wiederaufbaugedanken in europäischem Sinne verstößt auch derjenige, der sich gegen die Änderung des Deutschland auferlegten Potsdamer Industrieplanes sträubt oder Industrieverlaerungen“ größten Stils herbeiführen will. Frankeich, das diese Politik angeblich aus Sicherheitsgründen vertritt, handelt so auch nicht im Sinne des Marshall-Vorschlages, der nicht nur einzelnen Ländern, sondern ganz Europa und damit allen Staaten; die sich beteiligen wollen, helfen soll.

Die Verwirklichung der französischen Pläne, die deutsche Stahlquote nicht heraufzusetzen und statt dessen einen Teil der Stahlproduktion von der Ruhr nach Lothringen zu verlagern, würde gegen die wahren Interessen Frankreichs und Deutschlands und damit Europas verstoßen, sosehr auch von französischer Seite behauptet wird, es sei wirtschaftlicher, Ruhrkoks nach dem lothringischen Minettegebiet als Erz von dort ins Ruhrgebiet zu fahren? Nach diesem Plan müßte Deutschland in Zukunft infolge seiner geringen Eigenerzeugung französischen (und luxemburgischen) Stahl importieren. Solche Einfuhren würden jedoch die ohnehin angespannte künftige Devisenbilanz Deutschlands noch mehr belasten und seiner wirtschaftlichen Wiederbelebung entgegenwirken. Das französische Vorhaben ist um so abwegiger, als Kohle, Produktionsanlagen und Arbeitskräfte in Deutschland vorhanden sind, während diese Voraussetzungen in Frankreich fehlen. Wie groß der Mangel an Arbeitern dort ist, wird durch die französische Politik gegenüber den deutschen Kriegsgefangenen und durch die Vorschläge auf der Moskauer Konferenz unterstrichen, nach denen die Auswanderung aus Deutschland im großen Umfang organisiert werden soll. Es bleibt daher auch sehr fraglich, ob die lothringischen Erzgruben in der Lage wären, die 12 bis 15 Mill. t Minette mehr zu fördern, die für eine zusätzliche französische Stahlerzeugung von 4 bis 5 Mill. t notwendig wären. Bei einer Verlegung umfangreicher Hüttenbetriebe von Ruhr und Rhein nach Lothringen würde von den Anlagen so viel zu Bruch gehen, daß die Verpflanzung einer Neuerrichtung gleichkäme. Sie bedeutet eine Kapitalvernichtung im Ruhrgebiet und eine erhebliche Neuinvestition in Lothringen. Nicht nur vom deutschen und französischen, sondern auch vom europäischen Standpunkt aus läge hier eine beträchtliche Kapitalfehlleitung vor. Da zur Erzeugung von einer Tonne Roheisen aus Minette (mit etwa 30 v. H. Eisengehalt) 1,2 Tonnen Koks erforderlich sind, müßten nach dem französischen Plan. 5 bis 6 Mill. t Koks oder eine entsprechend größere Menge Kohlen mehr als bisher nach Lothringen gefahren werden. Obwohl der Austausch von Ruhrkoks und lothringischer Minette in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen wieder beträchtlich zugenommen hatte, war der Verkehr selbst damals nicht ausgeglichen. In den Jahren 1929 bis 1938 schickte das Ruhrgebiet rund 42,5 Mill. t Koks und Kohlen nach Lothringen und Luxemburg, während es von dort nur etwas mehr als 14 Mill. Eisenerz erhielt. Auf dem Wasserweg war das Verhältnis hoch ungünstiger als auf der Schiene.

Die Verkehrsbilanz würde also bei einer Verwirklichung der französischen Pläne unerträglich verschlechtert. Durch die neue Grenzziehung im Westen nach dem ersten Weltkrieg wurde die französische Eisenkapazität verdoppelt; die deutsche Schwerindustrie verlor nicht nur ihre lothringischluxemburgische Erzbasis und die dort errichteten modernen Werke, sondern auch den engen Zusammenhang von Ruhrkohle und lothringisch-luxemburgischem Erz innerhalb der deutschen Zollgrenze. Die Eisenindustrie an Ruhr und Rhein stellte sich überwiegend auf die Verhüttung von hochwertigen ausländischen, vor allem schwedischen Erzen um, bei deren Verwendung übrigens der Kohlenverbrauch geringer ist als bei der Verhüttung von lothringischer Minette. Da der moderne Hochofen zu einer bedeutenden Energiequelle, gleichsam zu einem Generator, geworden ist, der nicht nur die in Verbundwirtschaft stehenden Eisen-, Stahl- und Walzwerke mit Energie versorgt, sondern auch die Ferngasleitungen und das öffentliche Stromnetz mitspeist, müßte eine Verminderung der deutschen Hochofenkapazität empfindliche Lücken in die Energieversorgung des Industriereviers und der von ihm abhängigen Gebiete reißen. Frankreich selbst würde infolge dieser Störungen aus deutschen Quellen zunächst nicht mehr die bisherigen Energiemengen erhalten können, die es so dringend gebraucht.

Deutschland ist bereit, sich nach Kräften an der Neubelebung der europäischen Wirtschaft und an der Wiedergutmachung der durch den Krieg verursachten Schäden zu beteiligen. Durch die Ausnutzung seiner Bodenschätze sowie seiner industriellen Anlagen und Fähigkeiten kann es den erwarteten, besonders wirkungsvollen Beitrag aber nur dann leisten, wenn zuvor seine eigene Wirtschaft wieder lebensfähig geworden ist. Unerwünschte Ausfuhren Von Rohstoffen und von Industrieanlagen sowie Erschwerungen im geschäftlichen Verkehr mit dem Ausland und die Abwanderung von Arbeitskräften aller Art verhindern oder beeinträchtigen den eigenen Gesundungsprozeß, infolgedessen die Wiederaufrichtung der europäischen Wirtschaft und ihre Neueingliederung in die Weltwirtschaft. J. Sch.