In derSommerhitze Washingtons ist es nicht mehr zu einer Entscheidung über die Bereitstellung von 75 Liberty-Schiffen gekommen, die Deutschland für Getreideverschiffungen und andere Transporte, bemannt mit deutschen Besatzungen, zur Verfügung zu stellen wären. Präsident Hoover hatte diesen Plan sehr befürwortet, der einerseits den Alliierten bei ihrer Nahrungsmittelversorgung für Deutschland wesentliche Deviseneinsparungen ermöglicht, andererseits einen Teil der gegenwärtig aus Mangel an ausländischen Mannschaften in amerikanischen Häfen aufliegenden Liberty-Schiffe wieder in Betrieb gebracht haben würde.

Vorläufig ist nicht damit zu rechnen, daß der amerikanische Kongreß vor dem üblichen Termin, also Anfang Januar nächsten Jahres, wieder zusammentreten wird. Selbst falls wider Erwarten eine Sondersitzung zur Beratung europäischer Unterstützungsanträge im Zusammenhang mit dem Marshall Planvorher einberufen werden sollte, bleibt es zweifelhaft, ob auch die laufenden Akten aus ihren Schränken geholt und in der Sondersessionbearbeitet würden.

Angesichts des großen Interesses, das der USA-Kongreß (in anderen Fällen) Einsparungsvorschlägen im amerikanischen Budget entgegengebracht hat, läßt sich kaum annehmen; daß ausschließlich Zeitmangel die Ursache für die weitere Verzögerung der Entscheidung gewesen ist. Man gewinnt vielmehr ausden Äußerungen der US-Maritime Commission den Eindruck, daß trotz des herrschenden Mangels an einsatzfähiger Tonnage gewisse Befürchtungen in den Vereinigten Staaten aufkeimen, zu umfangreiche Vercharterungen von Liberty-Schiffen könnten zur Entwicklung einer unerwünschten Konkurrenz für die amerikanische Handelschiffahrt führen. Die Übernahmevon Liberty-Schiffen durch verschiedene kleinere Schifffahrtsnationen (wie Griechenland) haben in den USA erkennen lassen, daß diese im Kriege entstandene Tonnage zwar nicht den Ansprüchen des Qualitätsschiffbaues gerecht werden kann, aber dennoch besser als ihr schlechter Ruf ist. Es wird dabei in Amerika meist vergessen, daß die Besatzungen dieser kleineren Schiffahrtsnationen sehr viel bescheidenere Ansprüche an Heuern und an Unterkünften stellen als amerikanische Seeleute, noch dazu im Zeitalter der USA-Vollbeschäftigung. Es scheinen auch bei der Beurteilung der Zweckmäßigkeit, weitere Liberty-Schiffe an das Ausland zu verchartern, Verwechslungen mit einem Bericht der Maritime Commission über den Mangel an Spezialtonnage für die amerikanische Handelsschiffahrt zu bestehen. Tatsächlich fehlen, und nicht nur in den USA, sowohl Frachter mittlerer Größe, also 3000 bis 6000 BRT, als auch Kühl- und andere Spezialschiffe und schließlich gemischte Passagierfrachtschiffe. – Wenn auch die Vertagung der Entscheidung nicht aufzuhalten war, bleibt zu hoffen, daß aufgeschoben noch nicht aufgehoben bedeutet Gw.