Anthropologie – das war bislang, der Name für ein strittiges Grenzgebiet zwischen Philosophie, Soziologie und Psychologie, den Naturwissenschaften und der Theologie – ein Jedes- und Niemandslands. Dabei kann Wissenschaft ohne ein festes Wissen vom Menschen zu haben (nicht also davon, was er tut, und auch nicht davon, was er soll, sondern davon, was er sei) – gar nicht leben. So hatte denn jede Disziplin ein besonderes Bild des Menschen gezeichnet, jede eine eigene Lehre von ihm entwickelt, die einander keineswegs glichen, ja nicht einmal sich gegenseitig ergänzten, sondern oft genug unter sich im heftigsten Widerspruch standen. Der Mensch, dieser Gegenstand unserer fortwährenden und unmittelbarsten Erfahrung, wurde zu einem immer vieldeutigeren und unbestimmteren Thema; seine Gestalt verlor sich für uns, seltsam verzerrt und entrückt, ins Schemenhafte – ein unsicher schwankendes Schattenprofil. Die Unbekanntheit des Menschen mit sich selbst gipfelt in unserer Zeit in der dämonischen Vereinfachung zum Typ, dem Objekt der heute so, häufigen pseudowissenschaftlichen Typologien: in ihnen wurde jene kühle Distanz zum lebendigen Individuum errichtet und jener unheilvolle Grad der Versachlichung und Verallgemeinerung erreicht, der tödlich ins Leben zurückschlägt. In den Konzentrationslagern liquidierte man ,,Typen" und die Sterbenden richteten ihren letzten Haß ebenfalls gegen "Typen"; aber Opfer wie Henker waren Menschen. Und auch der Krieg mit seiner starren Frontenbildung war im Grunde ein einziger riesenhaftet Typisierungsvorgang, in dem nur noch die Typen Feind und Freund unterschieden wurden. Aus der Erschütterung darüber muß die wissenschaftliche Besinnung zu einem neuen Leitbild vom Menschen kommen; denn das alte, in zahlreiche Ausschnitte zerlegte, hat versagt.

Zu den nicht gerade häufigen Veröffentlichungen über dieses-Thema – ein Buch, das "kürzer wäre, wenn es länger wäre" – gehört Alexander Mitscherlichs Abhandlung "Freiheit und Unfreiheit in der Krankheit" (Claassen & Goverts Verlag Hamburg). – Ihre Sprache wirkt gedanklich, übersättigt wie eine zu hoch konzentrierte Lösung, und es bedarf einer hingebenden Vertiefung, sie flüssig werden zu lassen. Dann erweist sich, was bei Beginn des Lesens in dieser schmalen Schrift wie ein Mangel erscheint, als eine Notwendigkeit, weil eine Fülle von Gedanken und Erlebnissen darin zusammengetragen ist. Sie geben eine neue Antwort auf die uralte Frage: "Was ist der Mensch?", und es geht um eine neue Weise, sie zu suchen. Darum darf hinter dem Titel kein populär-medizinisches Werk vermutet werden, das sich etwa an den Genesungswillen im Kranken wendet, vielmehr verbirgt sich darunter das Bestreben, – mit den Mitteln und Erkenntnissen der Psychotherapie zu einer "reinen Anthropologie" zu gelangen – in "tastenden Versuchen wie Mitscherlich im Vorwort fast zu bescheiden seinen weit ausgreifenden Exkurs nennt. In Wahrheit leistet er bereits die Grundlegung zu einer solchen Lehre vom Menschen, die ihn nicht nur zu beschreiben, sondern gleichzeitig zu heilen unternimmt. Aus der Psycho-Analyse ist Psycho-Therapie geworden, deren höchstes – oder vielmehr "tiefstes" Anliegen – denn sie ist eine wesentliche Tiefenlotung in die Gründe und Hintergründe der menschlichen Seele, in ihre "Nachtseite", wie die Romantik zu-sagen liebte auf eine Heilung des Menschen überhaupt hinausgeht, nicht also nur des "Kranken" im her-> kömmlichen Sinne. Das Selbstvertrauen, das sich darin ausdrückt, überrascht um so mehr, als dieser jüngste Zweig der Heilkunde heute noch nicht – einmal auf seinem engsten Arbeitsfeld – der Behandlung von Psychosen – volle Anerkennung genießt. Und doch wagt sich die Psychotherapie – schon an einen solchen Entwurf, der sie weit über die Grenzen der gesamten Medizin hinausträgt. Die Berechtigung dafür liegt einmal, in der "existentiellen Ausnahmesituation des Unbewußten" und in der genialen Methode, die, im wesentlichen auf Freud zurückgehend, die Gestalt des Menschen gleichsam aus seiner eigenen Tiefe schöpft. Der Mensch: das ist in diesem Falle der Arzt, der in der Krankheit nun nicht mehr allein die Aufgabe der Diagnose und Therapie gestellt sieht, sondern darin die einzigartige Gelegenheit wahrnimmt, den Menschen als Menschen zu begreifen, indem er den Kranken und gleichzeitig sich selbst erlebt. So gelingt ihm der Doppelgriff, der Objekt und Subjekt gemeinsam umspannt, ein Griff, der auch die Tiefenschicht des Unbewußten mit erfaßt und herauf, in die Helle des Bewußtseins hebt.

Ein Beispiel: Ein Patient kommt mit einem gelähmten Arm zum Arzt. Auch die sorgfältigste -Untersuchung zeigt keinen Organbefund, er hat in der Tat keinen. "Der Kerl simuliert", hört man den "bloßen Techniker der körperlichen Reparatur" schnarren, "ein Psychopath"! Aber die Lähmung bleibt bestehen. – Was ist das, ein, "Psychopath"? Zunächst kaum mehr als ein medizinisches Schimpfwort. Und doch drückt der unmittelbare Wortsinn, dem der Psychotherapeut auf den Grund geht, schon recht genau aus, was: dem Mann fehlt: er ist ein seelisch Leidender, Der wahre Arzt darf es daher keineswegs bei dieser Verlegenheitsformel belassen, sondern er muß weiter fragen: warum ist dieser, Patient ein Psychopath? Mehr noch: warum ist er es geworden, was brachte ihn dazu? Und es stellt sich heraus, daß der Mann vor einer schweren persönlichen Entscheidung steht, der er sich innerlich nicht gewachsen fühlt. Er ist völlig ratlos, er hat Angst. Vor der persönlichen Verantwortung, die am Ende aller Freiheit steht, scheut er zurück, vor, einer Verantwortung, die ihm niemand abnehmen kann. Aber dennoch scheint es etwas zu geben, das dies kann: die Krankheit. Zu ihr flüchtet er, die ihn unfrei macht, denn Zwang ist ihm in seiner Lage hochwillkommen. Wenn sie dann wirklich eintritt, ist sie freilich kein bloßer Zufall mehr, der ihm gerade jetzt zustatten kommt. Nein, sie hat nicht ihn heimgesucht, sondern er hat sie heimlich bewirkt, er hat sie gerufen. Doch davon weiß er nichts, wirklich nichts – zu seinem Glück, denn sonst könnte sie ihm nicht diese innere Hilfe bringen. Er blickt auf seinen Arm und der ist ohne Zweifel gelähmt. Wenn man ihn jetzt zum Handeln drängte, er wiese mit gutem Gewissen, darauf hin: er kann jetzt nicht mehr wie er will, er ist abhängig geworden, von einer Tatsache, über die er keine Gewalt hat. Erst muß er wieder gesund sein, dann wird man weiter sehen. Vorläufig noch lebt er, in dem schützenden Kreis der Krankheit, der ihn der Notwendigkeit des Entschlußfassens, des Handelnmüssens, der Verantwortung, all den Mühen und Qualen einer unerwünschten Freiheit enthebt.

Was ist geschehen? Eine organische Erkrankung, ein nachweisbar objektiver, Tatbestand, ist ohne organische Ursache eingetreten. Die Seele hat ihn provoziert und projiziert aus der Tiefe des Unbewußten hinauf an die Oberfläche des Körpers. Eine seelische Bewegung hat sich in ein körperliches Ereignis umgesetzt, aus einem subjektiven Vorgang ist ein echtes Faktum geworden., Das Verhältnis von Ursache und Wirkung, das für das kausale Denken so unerschütterlich fest als das Wesen der Objektivität in der Form wissenschaftlicher Wahrheit zu gelten pflegt, ist damit nun auch in der Medizin (ebenso wie in der zeitgenössischen Physik) ins Gleiten geraten. Es ist fließend geworden. Unversehens geht Subjektives in Objektives über, und einwandfrei Objektives scheint es kaum noch zu geben. Das Symptom, das einen Organschaden anzeigt, genügt nicht mehr in allen Fällen für eine sichere und umfassende Diagnose. Oft will das Anzeichen als Sinnzeichen gewertet werden, der organischen Ursache tritt eine innere Begründung aus der Geschichte des Patienten, aus seiner "Biographie", gleichwertig zur Seite. Der Befund wird zweigesichtig wie ein Januskopf: das Symptom ist gleichzeitig Symbol. Um die Kausalität vollends fragwürdig zu machen setzt Mitscherlich auch bei ihr die Methode des "Darunterhindurchgreifens" an, durch welche die Kausalanalyse als ein gleichsam historisches Bedürfnis des 19. Jahrhunderts, als eine Einstellung des Subjekts zur Welt entlarvt wird, und in dieser Einstellung drückt sich ihre tiefe metaphysische Unsicherheit aus. Nun aber ist die Stunde der Ablösung gekommen, nachdem die Kausalanalyse selbst einst das finale Denkprinzip abgelöst hatte. Mit ihrem Absolutheitsanspruch stürzt das alte Welt- und Menschenbild und ein neues ist im Entstehen.

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Ging es dem Kausalismus darum, den Menschen als eine Entwicklungsstufe innerhalb der Gesamtentwicklung der Natur zu erklären, indem er eifrig alle Unterschiede gegenüber der Tierwelt verwischte, so betont diese neue Sicht des Menschen gerade seine radikale Sonderstellung. Der Mensch stamme vom Affen ab – diese Theorie Darwins war bezeichnend für den Kausalismus. Nun erklärt man ihn als ein Geschöpf aus eigener Urform, ja man gelangt geradezu zu der paradoxen Umkehrung. des Darwinschen Glaubenssatzes: "Der Affe stammt vom Menschen ab", wofür übrigens gute Gründe ins Feld geführt werden. Zwei Urerlebnisse bestimmen nunmehr die Anschauung von der Besonderheit der menschlichen Existenz in der Welt; die eine, Freiheit zu haben, die andere, im Geist zu sein. Das sind die beiden großen Perspektiven, aus denen Mitscherlich das neue Menschenbild entwirft. Es strahlt eine neue Achtung und Liebe zum Menschen aus. Darin liegt seine aktuelle, seine Heilsbedeutung für unsere Zeit.