Seit Monaten behauptet die sogenannte Revolution in Paraguay unter den Weltnachrichten ihren festen Platz, ohne daß sich deshalb das Dunkel, das über den Vorgängen liegt, bisher gelichtet hätte. Man weiß von einem hart bedrängten Staatspräsidenten Morinigo, der seinen Regierungssitz aus Asuncion 240 km weiter nordwestlich verlegen mußte. und weiß von der Existenz irgendwelcher "Aufständischer". Welche Kreise des Volkes sich im Aufstand befinden, wer sie führt und was sie wollen, blieb unbekannt, es sei denn einfach eine neue Regierung. Nun sind "Revolutionen" in einem Lande, das fast ausschließlich von knapp einer Million reiner Indianer -bewohnt wird, und an Verkehrswegen außer seinen Reitpfaden eigentlich nur den Paraguayfluß kennt, sicherlich nicht mit den sonst üblichen politischen Maßstäben zu messen. Die sogenannten "Hintergründe" schmelzen bei einigen südamerikanischen Republiken im allgemeinen und Paraguay im besonderen meist zusammen auf irgendeinen ehrgeizigen Militär, der persönlich nach der regierenden Gewalt strebt und dessen Sache von ebenso temperamentvollen wie leidenschaftlichen Anhängern verfochten wird. So war es nach dem Chaco-Kriege mit dem jungen Obersten Raffael Franco, der damals für 18 Monate die Diktatur in Paraguay errang und der Gründer jener revolutionären Vereinigung der "Februaristen" wurde, die in der alten nationalistischen Colorado-Partei und den Liberalen ihre innenpolitischen Gegenspieler hat.

Ihre Anhänger besaßen die Februaristen vor allein in der Arbeiterschaft von – Asuncion und in der Landarbeiterschaft. Ihre größten Hoffnungen setzten sie unzweifelhaft auf die Neuwahlen, zu denen sich Morinigo, dessen Amtszeit in diesem Jahre abläuft, für Dezember 1947 verpflichtet hatte. Morinigo selbst, der sich als ehemaliger Kriegsminister vor allem auf die Armee stützt, unternahm nach dem Ende des zweiten Weltkrieges den Versuch, seiner Diktatur durch Hereinnahme von Vertretern – der beiden nationalistischen Parteien, also der Februaristen und Colorado-Partei, eine Art demokratischen Alibis zu verschaffen. Aber diese, beiden Parteien, die in ihrer Sprache und Programmatik nichts, in ihren Persönlichkeiten alles unterschied, führten keine glückliche Ehe. Die Tatsache, daß Morinigo selbst, sich der Colorado-Partei zuneigte und ein ausschließlich, aus Colorado-Ministern zusammengesetztes Kabinett bildete, scheint für die Februaristen nun; das Signal gegeben zu haben, um durch Aufstand und Sturz der Regierung der eigegenen Machtergreifung den Weg freizumachen.

Für die südamerikanischen – Kollegen. Morinigos, die heute am Konferenztisch von Rio de Janeiro sitzen, ist die Lage nicht ohne Verlegenheit. Angesichts der widerspruchsvollen Nachrichten wissen sie nicht, ja, ist die Regierung Morinigo überhaupt noch für Paraguay verbindlich oder wird man es bei ihr bald mit einer neuen Exilregierung zu tun haben? Ob sich für das Land selbst ein großer Unterschied – im Regierungssystem ergibt, wenn Morinigo durch einen aufständischen Gewalthaber abgelöst werden würde, muß man nach den bisherigen Erfahrungen der neueren Geschichte Paraguays bezweifeln. – Im allgemeinen gilt gerade für Paraguay in solchen Fällen der Satz: "Der Kapitän hat gewechselt, der Kurs bleibt der alte." –tz