Die beiden Endpunkte der gedachten Erdachse, der Nord- und der Südpol, sind wie die Gipfel der höchsten Berge von jeher ein Ziel menschlicher Forscher- und Entdeckersehnsucht gewesen, und die Phantasie hat sie mit ihrem Zauber umhüllt. In Wirklichkeit aber sind beide Pole – sie unterscheiden sich keineswegs von ihrer eisigen Umgebung geographische und mathematische Punkte: Der im Süden die Mitte vereister Landmassen – höchstwahrscheinlich ein sechster Kontinent ohne Eingeborene, aber immerhin rund vierzehn Millionen Quadratkilometer groß – und der im Norden dagegen ein im Eis befindlicher,

In der internationalen Auffassung wurde bis vor – drei Jahrzehnten die Ansicht vertreten, daß dort, wo das "Ewige Eis" sich am Nord- und Südpol befindet, etwaige Souveränitätsansprüche anrainender Staaten nicht gerechtfertigt sind. Aber, mitten im ersten Weltkrieg – also zu einer Zeit, in der die Ministerien andere weltpolitische Sorgen hatten, als mit der britischen Regierung wegen eines unter Eis und Schnee befindlichen Stückes Land am Südpol einen diplomatischen Notenwechsel zu entfalten – wurde durch "The Letters Patent of 28 th March 1917", das antarktische Gebiet südlich des 50. bzw. 58. Grades südlicher Breite (s. Südpolkarte: Kreis 1) bis zum Südpol als eine von der britischen Regierung der Falkland-Inseln abhängige Kolonie (Dependencies) erklärt. Diese Proklamation wurde damals international kaum beachtet, denn man hatte dort seit 1905 nur Interesse für den Walfang im "brausenden Vierziger" und "wütenden Fünfziger" (Breitengrade). Am 30. Juni 1923 winde aber die Weltöffentlichkeit hellhörig als durch eine "Order in Council" England in der Antarktis erneut einen britischsüdpolaren Sektor, die "Ross-Dependency" schuf und den Generalgouverneur von Neuseeland mit der Ausübung der Hoheitsrechte bevollmächtigte. Zwei Jahre später beanspruchte der kanadische Innenminister Stewart alles bekannte und unbekannte Land zwischen den beiden Meridianen, dem 60. und Hl. westlich Greenwich, und nördlich des kanadischen Festlandes bis zum Nordpol als Gebiet Seiner Majestät des englischen Königs.

Am 15. April 1926 ließ die sowjetische Regierung allen Staaten eine Note zustellen, in der sämtliche Länder und Inseln mit den noch zu entdeckenden, die polwärts der russischen Küste liegen, zu sowjetischen Territorien gehörend erklärt wurden. Dieses Gebiet liegt zwischen der finnisch-russischen Grenze und der Bering-Straße. Seit dieser Zeit werden sogenannte Pol-Segmente auch für Dänemark, Norwegen und die Vereinigten Staaten zugebilligt.

Wie im Norden, so erfolgte auch in der Antarktis eine weitere Aufteilung des dortigen Gebietes in Sektoren. 1929 informierte Großbritannien die norwegische Regierung, daß eine Expedition in das einst von Norwegen erforschte südpolare Gebiet zwischen Enderby-Land und dem Roß-Meer entsandt werde, um – dieses mtt Ausnahme des früher von Franzosen entdeckten Adolfe-Landes formell der anglo-australischen Oberhoheit zu unterstellen. Vier Jahre später wurde diese antarktische Zone mit ihren wertvollen Mineral- und Metallvorkommen, die hauptsächlich in der Keinpland-Gegend lagern, durch ein Gesetz zum australischen Sektor erklärt. Weitere Ansprüche auf das anrainende norwegisch-südpolare Gebiet wurden. von – Oslo aus zurückgewiesen. In diesem noch heute umstritten Sektor liegt etwa 200 Kilometer, von der Kiste des sogenannten "Königin-Maud-Landes" entfernt eine schnee- und eisfreie Gebirgskette, die sogenannte "Oase". Sie war von deutschen Forschern kurz vor Kriegsbeginn entdeckt worden und – soll demnächst durch eine skandinavische Expedition weiter erforscht werden. Nach mehreren Expeditionen des Amerikaners Byrd wurde das allgemeine Interesse durch die neuzeitliche Byrd-Expedition des Jahres 1946 mit ihren 11 Schiffen, einem Unterseeboot, mehreren Flugzeugen, viertausend Teilnehmern und dreihundert Wissenschaftlern, besonders angeregt, so daß sogar von einem "Pol-Wettlauf" der an der Antarktis interessierten Staaten gesprochen werden kann. Byrd gab unumwunden zu, daß er nach allen Mineralien forschen lassen werde, und zwar mit den neuzeitlichsten Geräten.

Von weltpolitischem, Interesse ist, daß die Unterteilung der nord- und südpolaren Gebiete in Sektoren weder international geprüft noch anerkannt wurde. Es gibt sogar Staaten, die nicht mit dieser Regelung, weder stillschweigend noch offiziell anerkennend, einverstanden sind, obwohl diese Handhabung bereits völkerrechtlich einen gewissen Anklang fand. Eine auch irgendwie nur geartete Billigung dieser territorialen Aufteilung der Pol-Umgebungen in souveräne, Segmente könnte ebensogut politische Eigentumsansprüche auf Flächen des freien Meeres zur Folge haben. Der neueste Fall dieser Art ist die Erklärung Norwegens, daß, die Dreimeilenzone in den norwegischen Gewässern auf eine solche von fünfzig, heraufgesetzt wurde, damit deutsche Fischereifahrzeuge in den betreffenden Fischfanggebieten sich nicht betätigen können. Bisher wurde – zum mindesten formal – außerhalb der Dreimeilenzone die Freiheit der Weltmeere respektiert. Diese ablehnende Haltung einer solchen PolaTpolitik hat ihre Berechtigung, denn einer russisch-juristischen Diktion nach, betrachtet die Sowjetunion sogar das Eisgebiet und die Meere ihres nordpolaren Sektors als spezifisch russisches Gebiet. Dies kann sich eines Tages für den transpolaren Luftverkehr über den Nordpol, das nördliche Eismeer und Sibiriens Küstengewässer verkehrspolitisch hindernd auswirken, weil der Luftraum dieser Zonen nach sowjetischer Auffassung keineswegs exterritorial und für den kommenden internationalen Flugverkehr via Arktis daher nicht benutzbar ist.

Zwar sind die Flugbedingungen in der nordpolaren Gegend nicht ungünstig, wie allgemein angenommen wird. Eis und Kälte bedeuten an sich noch keine Gefahren für Flugzeuge; verhängnisvoll werden nur die berüchtigten Oberflächenvereisungen. Die Versuche der bisherigen Polüberfliegungen und die voraussichtlichen Fluglinien über die Arktis sind zur Zeit noch problematisch, weil Flugstützpunkte im Polargebiet fehlen, die als Gegenstück zu den afrikanischen Wüstenstationen im dortigen Überlandflug jederzeit selbständig eine eingetretene Gefährdung der Fluggäste – bei Notlandungen beheben können. Mit der aeronautischen Erschließung des Luftraumes am Nordpol und in der Arktis für den Luftverkehr von Kontinent zu Kontinent wird die Flugtechnik nicht nur einen Schritt weiterkommen, sondern auch die Verbindungswege auf ein Minimum herabdrücken. Es liegt im Wesen der Luftfahrt, daß sie danach strebt, die Flüge immer mehr zu beschleunigen und die Linien entfernungsmäßig durch das Befliegen kürzerer Routen zeitlich zu verbessern. Dazu gehört der kommende transpolare und transarktische Luftverkehr, der sich aller zeitgebundenen, aktuellen und dringenden Zivilisationsgüter und der Personenbeförderung zwischen Nordamerika und Eurasien bemächtigen wird. Die kürzeste Fluglinie zwischen Moskau und San Franzisko führt über den Nordpol.

Ein wichtiger Flugplatz des transpolaren Luftverkehrs wird eines Tages Spitzbergen sein. 1925, als die Norweger offiziell auf Grund des Sevres-Vertrages vom 9. Februar 1920 von dem spitzbergischen Archipel Besitz ergriffen, stieg das Inselgebiet verkehrspolitisch bereits an Wert, besonders durch den im gleichen Jahr begonnenen Arktisflug Amundsens mit zwei Dornier-Walflugbooten. Weitere Flüge dieser Art von Spitzbergen in Richtung auf den Nordpol folgten. Der spitzbergische Archipel wurde nicht nur zum Startplatz, sondern auch zum Endpunkt transpolarer Flüge von Nordamerika via Nordpol nach Spitzbergen. Also nicht nur die Kohle, sondern auch die flugverkehrspolitische Lage Spitzbergens dürfte der Grund für die sowjetische Forderung an Norwegen sein, militärische Stützpunkte auf dem Archipel zu errichten. Von allgemeinem Interesse ist, daß der Nordpol in verkehrspolitischer und der Südpol mit seinen noch unerforschten Rohstoffvorkommen höchstwahrscheinlich in wirtschaftlicher Hinsicht eines Tages von Bedeutung für die Menschheit sein werden.

Walter Persien