Von Otto Veit

Die eigene Sprache der Existentialphilosophie, wie jedes transzendierende Denken dem Ahnen näher als der Abstraktion, ist nicht leicht verständlich. Damit erscheint sie dem sich ihr Nähernden zunächst wie von einem "mystagogischen Zauber" umgeben, wie es in Otto Veits Buch "Die Flucht vor der Freiheit" (Vittorio Klostermann. Frankfurt-Main) heißt. Der ihren gleitenden Begriffen Fernstehende, seinen herkömmlichen Denkgewohnheiten Verpflichtete findet nur mit Mühe Zugang, ist aber um so fester von ihr angezogen, wenn er erst in ihren Bannkreis, gelangt ist. Heute, da jede philosophische Tradition, mit Hegel endend, ihre Bewährung nicht .erbringen zu können scheint, prallen die aus vielerlei Konsequenzen der Kriegs- und Nachkriegszeit gewonnenen Einsichten auf die "Fragwürdigkeit des Erkenntnisbestandes der Vergangenheit". Eine andere Auffassung der existentiellen Denkweise (etwa der von Jaspers und Heidegger) wird von der katholischen Kirche, gegenüber ihrem stärksten Vertreter in Frankreich, Sartre, befestigt und in Deutschland von Romano Guardini sowie von dem kürzlich verstorbenen Theodor Haecker eingenommen. – Immerhin ist es Otto Veit gelungen, in seinem Buch eine zusammenfassende, über eine nur hypothetische Ausdeutung weit hinausgehende Darstellung der existentiellen Philosophie im Spiegel ihrer mannigfachen. Voraussetzungen zu vermitteln. Wir bringen daraus den folgenden Auszüge

Durch eine radikale Wendung des philosophischen Denkens wird jetzt die Richtung des Hegelschen Versuchs umgekehrt. Während Hegel das reale Sein in Natur und Geschichte durch seinen Geistbegriff idealisiert, geht man jetzt darauf aus, den Geist vom Sein aus zu realisieren. Dieses Bestreben kommt bereits in der vitalistischen Philosophie zum Ausdruck. Aber die philosophische Entwicklung der jüngsten Zeit, setzt noch eine Stufe tiefer an, indem sie Auf den großen Gegenspieler Hegels zurückgreift, dessen Wirksamkeit unmittelbar nach Hegels Tod begann, aber bald vergessen wurde, auf, Kierkegaard. Dieses Zurückgreifen wird zum Ansatzpunkt der Existentialphilosophie oder Existenzphilosophie, die radikal ernst machen will mit dem lebensphilosophischen Monismus, mit der Deutung des Geistes durch das Sein.

Daß an Stelle von "Leben" jetzt von "Existenz" gesprochen wird, hat mehr als nur terminologische Bedeutung. Das existentielle Philosophieren geht davon aus, daß alle Problematik des Seins letzten Endes auf der Polarität beruht, die zwischen Dasein und Bewußtsein des Menschen besteht. Die bisherige Philosophie war einseitig, weil sie entweder nur den einen oder nur den anderen Spannungspol betont. Sowohl die Spannung als solche wie auch das voraussetzungslose Hinnehmen der Pole, Dasein und Bewußtsein, stellt nun die existentielle Haltung in Frage: Sie stützt sich auf Kierkegaards Wort, daß Existenz das einzige sei, was sich nicht denken, lasse. So wird Existenz zum letzten Urgrund einer neuen philosophischen Besinnung:

Kierkegaard hatte mit seiner Existenzthese den Abstand zu Hegel scharf betont. Hegel baut eine Welt des Denkens auf, eine Welt in Begriffen. Der Geist schafft sich selbst diese Welt, in der die Existenz, des Menschen gleichsam als Spielform der Geistesschöpfung erscheint. So faszinierend dadurch Hegels Philosophie für die Menschheit am Beginn des 19. Jahrhunderts wird, als man vom Kraftgefühl des aufklärerischen Rationalismus sich getragen weiß für Kierkegaard als Eiferer der christlichen Erneuerung wird sie zur Blasphemie. Der Mensch – maßt sich an, das Schöpferwerk Gottes zu tun. Er will sich, vor Gott nicht verantworten. Allein die Zurückbesinnung des "Einzelnen" auf seine Existenz kann diese Hybris brechen. Gegenüber der Existenz ist der Geist machtlos. Der Mensch steht Gott mit "Furcht, und Zittern" gegenüber.

Die Überzeugung von der Ohnmacht des Geistes, die für Kierkegaard vom christlichen Standpunkt geboten ist, hat heute den Stempel geschichtlichen Erlebens. Die-Generation, die einen Weltkrieg mit allen Folgen erfahren hat, braucht den Protest gegen das idealistische Überreich der Werte nicht mehr religiös zu begründen. Ihr gilt das Scheitern des Idealismus als Axiom. In der Philosophie wird darais die letzte Konsequenz gezogen von Jaspers und Heidegger. Nicht allein, in logischen, sondern auch in existentiellen Maßstäben liegen nach Jaspers die Kriterien der Wahrheit. "Existenzerhellung" ist der Anfang philosophischer Wahrheitssuche. Ähnlich ist die Ausgangsstellung von Heidegger, wenngleich dieser im Bewußtmachen der Existenz einen anderen Weg einschlägt. Das Gemeinsame der leiden Richtungen zeigt sich jedoch im Über-– gang zur Metaphysik. Beide gipfeln in der Frage, wie das Seiende sich zum Nichts verhält. Zu der Frage wird der Mensch geführt durch das Erkennen der totalen. Unsicherheit seines zeitlichen Seins, die (nach Heidegger) sich manifestiert in Lebensangst, Schwermut und Sorge. Vor allem ist es die "Grundbefindlichkeit" der Angst, die ohne Anlaß und ohne bestimmtes Objekt gegeben ist. Sie beherrscht das Unterbewußtsein und wird nach außen sichtbar im "Man" des grauen Alltags, im "Gerede" der Vielzuvielen, in der Langeweile. Durch das Intragestellen des Seienden in der Angst wird der Mensch in das Nichts "hineingehalten". Er muß die Angst ertragen. Nicht als Schwäche soll sie erscheinen, sondern als ein heroisches Jasagen zur existentiellen Vereinzelung. Das Gleiche war seinerzeit von Kierkegaard gefördert worden in der für die Existenzphilosophie grundlegenden Schrift "Der Begriff der Angst" (1844). Nur aus solcher bejahenden, Haltung heraus wird schließlich die metaphysische-Frage tragbar, welche die existentielle Besinnung uns aufdrängt: warum es überhaupt Seiendes gibt – "und nicht vielmehr Nichts?" Und erst durch das bewußte Aufwerfen dieser Frage ist die Nichtigkeit des Daseins transzendierbar.

Nicht minder wird nach Jaspers die menschliche Existenz durch Infragestellen aller Seinsgrundlagen in feinen. Schwebezustand geführt. Erst wenn wir durch das "Scheitern" am Seienden hindurchgegangen sind, findet die Existenz festen Boden, Auch hier geht der Weg über das Transzendieren, das an den Grenzen des Seins beginnt und das allein vor. dem Nichts rettet. "Das Transzendierende transzendiert alles Seiende, aber was nichts Seiendes ist, das ist – Nichts."