Es ist nützlich, die Frage nach dem Bild vom künstlerischen Menschen in heutiger Zeit zu stellen, weil der Künstler die besondere Art der allgemeinen Lebensregungen zusammengefaßt und in sinnbildlicher Erhöhung verkörpert. Nur in diesem Sinne wollen wir die Frage nach dem Bild des künstlerischen Menschen von heute stellen – nur im Sinne der Kulturgeschichte, nicht im Sinne der Propaganda für den Künstler.

Sollte man nicht stets versuchen, alle den Menschen angehenden Fragen von seiner Mitte her zu beantworten? Die Mitte des Menschen aber, das Regulativ seines Lebens, ist sein Bestand an Gläubigkeit, und die Mitte des Geglaubten ist das Religiöse. Das Verhalten des – Künstlers zum Religiösen indessen ist – seit der Renaissance – charakterisiert durch seine Ich-Bezogenheit, seinen Individualismus. Daß hierin eine starke theologische Gefährdung liegt, hat Pascal schon erkannt, der das Ich in seiner Selbstherrlichkeit – theologisch gesehen – „hassenswert“ nannte, da in der Art eines solchen Selbstbewußtseins eine latente hochmütige Rebellion gegen Gottes Heilsplan, gegen die Freiheit Gottes läge – die gefährlichste Sünde des Menschen: die Selbstgerechtigkeit! Neuerdings hat Karl Barth in seinem Kommentar zum Römerbrief das gleiche Problem gestreift: Die theologische Gefährdung des künstlerischen Menschen besteht also in unverminderter Stärke fort. Auch die künstlerische Freiheit des modernen Menschen hat keinen unmittelbaren Rapport zu Gott; ja, der moderne künstlerische Mensch ist die äußerste Spitze der Säkularisierung des modernen Menschentums überhaupt.

– Diese Feststellung würde aus unserer täglichen Erfahrung widerspruchslos angenommen werden müssen, wenn nicht gewisse Wunschbilder (nämlich der Wunsch Christen sein zu wollen) uns diese unpolemische Feststellung als Ärgernis empfinden ließen. Aber wir dürfen uns nicht durch unsere Wünsche von den klaren Alternativen abbringen. lassen: Wollte der künstlerische Mensch aus der theologischen Gefährdung heraus, so müßte er der Spielmann Gottes werden, wie er uns in den französischen Legenden des Mittelalters begegnet! J. S. Bach verlangte dies durchaus: „Des Generalbasses Finis und Endursache soll anders nicht als nur zu Gottes Ehre und Recreation des Gemüts sein. Wo dies nicht in acht genommen wird-, da ist’s, keine eigentliche Musik, sondern ein teuflisches Geplärr und Geleier.“ Diese Forderung ist auch heute – wieder – nicht ganz ungehört. Hindemith erklärt im „Mathis“ als sein eigener Textdichter, daß die Kunst ein Mittel sei, Gott zu loben und die Dichter Claudel und Bernanos sind gewichtige Zeugen des im Künstlerischen wirkenden, modernen Neo-Katholizismus. Aber./zum Künstler als dem „Spielmann Gottes“ braucht es die unabdingbare Voraussetzung einer bis ins Kindliche reichenden Stärke des Glaubens es braucht zugleich den Willen zur Aufgabe der humanistischen Freiheit des bildenden Ich. Beides aber können wir in der Kultur der Gegenwart nicht durchweg bemerken. Zu der Forderung, die der Katholische Kulturring. in Münster kürzlich erhob – „Die Kunst ist nicht Selbstzweck; sie hat zu dienen. Sie stellt christliche Gehalte unmittelbar dar, oder gestaltet weltliche Anliegen unserer Tage in ihrer letzten Zuordnung auf Christus als dem Urbild der Schöpfung“ –, zu dieser Forderung scheint mir die erste Voraussetzung zu fehlen: der künstlerische Mensch nämlich, der sich ihr unterworfen fühlte.

Wer viel Umgang mit Künstlern hat, weiß zwar, daß kaum einer von ihnen Gott leugnet; er weiß, daß nicht etwa Glaubenslosigkeit die Kunst bewegt oder, bewegen könnte. Er weiß aber auch, daß ein wirkendes, positives Verhältnis, zum Religiösen im allgemeinen ebensowenig vorhanden ist. Gott wird vielmehr vom künstlerischen Menschen heute wie eine negative Form empfunden, wie eine – man wird diese sinnbildliche Formulierung hinnehmen müssen! – umgreifende Hohlform. die sich einer direkten Beziehung entzieht. Es ist diese Hohlform des Religiösen, vor der sich heute die Figur des künstlerischen Menschen bewegt – ein tänzerischer Artist vor dem hohlen Feind eines magischen Szenariums!

Diesem Verhältnis zum Religiösen entspricht-ein ganz ähnliches Verhältnis zum Sittlichen. Und zwar nimmt im Sittlichen die Wahrheit den Platz ein, der in der Esoterik Gott zukommt. Wenn von der Renaissance bis in die allerjüngste Vergangenheit hinein die Wahrheit ganz selbstverständlich mit der Wirklichkeit der sinnlich wahrnehmbaren Welt gleichgesetzt wurde, so gab dies einst den Künstlern eine souveräne Sicherheit. Es gehört nun aber zu den Grunderkenntnissen unseres neuen Jahrhunderts. daß Wahrheit und Wirklichkeit nicht unbedingt mehr gleichzusetzen sind. Die Wahrheit isolierte sich, und die Wirklichkeit zerfaserte zur Lüge. Dieses Problem hat André Gide in seinem 1945 geschriebenen gleichnisrcichen Buch „Theseus“ an der Figur des Oedipus sehr klar demonstriert, indem er Oedipus, der selbst.sein Augenlicht zerstörte, im Gespräch mit Theseus sagen läßt: „Was ich vor allem vernichten wollte, war nicht so sehr mein Augenlicht als diesen Vorhang, diesen Trug, mit dem ich mich abquälte, diese. Lüge, der ich nicht mehr Glauben schenken konnte. Ich wollte die Wirklichkeit treffen.“

Es ist die Wirklichkeit als erkannte „Lüge“, die die Künstler seit Beginn des 20. Jahrhunderts treffen wollen; das zwang Sie aus der freien Natur wieder in die Ateliers zurück. Und wollte man all die Belege und Aussprüche gegen die Natur von Seiten moderner Künstler sammeln, es ergäbe ein dickes Buch, Dieser Erkenntnis der Natur – unserer eigenen Umwelt! – als unwahrer Verhüllung geheimnisvoller Inhalte verschwisterte sich naturgemäß die Angst und der Abscheu vor der Natur. So schreibt Rilke schon Anfang des neuen Jahrhunderts in seinem Buch über Worpswede: „Die Landschaft ist ein Fremdes für uns, und man ist furchtbar allein, unter Bäumen, die blühen, und unter Bächen, die vorübergehen. Allein mit einem toten Menschen ist man lange nicht so preisgegeben wie allein mit Bäumen. Denn so geheimnisvoll der Tod sein mag – geheimnisvoller noch ist ein Leben, das nicht unser Leben ist!“ Und später –: „Je weiter wir rückwärts gehen, kommen wir zu immer fremderen und grausameren Wesen, so daß wir annehmen, müssen, die Natur als das Grausamste und Fremdeste von allen im Hintergründe zu finden.“ Es ist dies gerade der durchaus neuartige Zug im Wesen des modernen Künstlers, der ihn grundsätzlich von der Menschlichkeit des Renaissance-Künstlers, aus der er sonst genetisch hervorging, scheidet, daß ihm die sinnlich wahrnehmbare Welt nicht mehr eine Erscheinungsform der Wahrheit ist, sondern eine Quelle der zweifelnden Furcht.

Damit aber entfällt das allgemeine Kriterium der erkennbaren Wahrheit, entfällt ihre Mitteilbarkeit, entfällt die für jeden Dialog; notwendige allgemeine Sprache – das: tertium comparationis. Ja, da Kunst sich selbst nur in persönlichen Zeichen darstellen kann, muß ihr selbst und ihrem ganzen Verfahren etwas Metaphorisches, etwas Vages anhaften. Das sagt Picasso ganz deutlich: „Wir alle wissen, daß Kunst nicht Wahrheit ist. Kunst ist eine Lüge die uns Wahrheit realisieren läßt, zumindestens die Wahrheit, die wir zu verstehen vermögen.‘“ Diese hier berufene Wahrheit entzieht sich offenbar aber jeder greifbaren Darstellbarkeit – und direkten; Mitteilbarkeit. Sie ist wohl da, aber nur metaphorisch da. Sie ist nicht allgemein dialogisch – vorhanden, sie ist nur persönlich – monologisch – vorhanden. Wenn die Wahrheit in Erscheinung treten und allgemein und mitteilbar werden soll, muß sie zur Lüge der Form greifen. Ja, ihr selbst ersteht die uralte Aufgabe der Hermetik: die Verhüllung. Kunst wird wie die Natur: Verhüllung eines wahren Bildes im Schein. So schreibt einer unserer ernstesten Maler, E. W. Nay, ahnungsvoll: „Der Maler soll sein Bild so kostbar malen, daß allein, die Kostbarkeit der Farben über das Brennende, das die Nähe der Gottheit verkündet, hinwegtäuscht.“ Die Wahrheit bietet also nur den Fond zu einer auf sie abzielenden, allgemeinen Metapher. Und auch hier stellt sich wieder das Bild von der Hohlform ein: auch die Wahrheit erscheint nun als negative Form, auch sie ist nicht direkt und greifbar, auch sie kann mit vielen Inhalten ausgefüllt werden, auch sie gerät als Kulisse in den Bereich jenes magischen Lebensszenariums, vor dem sich die Figur des künstlerischen Menschen von heute – hoffnungslos distanziert – bewegt.